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Gesundheits Kompass

Eine Wohltat für kranke und gesunde Menschen

Ökumenische Patienten-Gottesdienste haben mittlerweile in etlichen Städten Deutschlands einen regelmäßigen Platz gefunden

Eine Wohltat für kranke und gesunde Menschen

Der Impuls für besondere Gottesdienste kam aus Hamburg. Es war 2008, als ein Team von Ärzten, Pflegekräften, Physio- und Ergotherapeuten und Krankenhausmanagern aus der Bewegung „Christen im Gesundheitswesen“ damit begann, eine Idee in die Praxis umzusetzen: Kirche und Medizin, Heil und Heilung wieder zusammen zu bringen. Sie luden sich in verschiedene Kirchen ein und gestalteten mit den örtlichen evangelischen, katholischen und freikirchlichen Pastoren Gottesdienste, in denen Raum ist für Stille und Aktion, Musik und Interviews, Erfahrungsberichte und Gebet, Raum fürs Zuhören und Segnen –Heilsame Rituale, die dabei helfen, Schweres loszulassen und neue oder vertraute Glaubensschritte zu erproben.„Der Gottesdienst soll eine Wohltat sein!“, so begann eine Ärztin, die den Abend moderierte. „Gott möchte uns alle segnen. Das finde ich wunderbar und tröstlich. Wir dürfen Gottes Nähe in Krankheit erleben.“

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PFR. I.R CHRISTOPH SIEKERMANN

Leitungskreis der Geistlichen-Gemeindeerneuerung in der Ev. Kirche von Westfalen, Mitglied im Beirat Christlicher Gesundheitskongress, Telefon: (02735) 6597930, E-Mail: c.siekermann@t-online.de

Die Bewegung dieser Ökumenischen Patienten-Gottesdienste hat mittlerweile in etlichen Städten Deutschlands einen regelmäßigen Platz gefunden. So auch in Siegen. Das interdisziplinäre Team, das jetzt hier seinen siebten Gottesdienst vorbereitet, besteht neben einigen Pastoren auch vor allem aus Mitarbeitenden im Gesundheitswesen. Sie arbeiten als hausärztlicher Internist, Neurologe, als Ergo- und Physiotherapeut oder als Hebamme, Krankenhausseelsorger, Apothekerin oder als Mitarbeitende im Hospiz. Einer ist in seiner Firma Ansprechpart ner für Behinderte, ein anderer vertreibt Medizintechnik in deutschen Kliniken. Im Gottesdienst übernehmen sie ganz andere Aufgaben als sonst im Beruf. Je nach ihren Interessen und Begabungen leiten sie das Musikteam, interviewen einen Arzt oder den Geschäftsführer einer Klinik, einige predigen, andere segnen und beten für erkrankte Gottesdienstbesucher oder ihre Angehörigen. Wenn jemand von ihnen von eigenen Erfahrungen berichtet, wie er oder sie selbst durch eine Erkrankung herausgefordert wurde, dann hören die Gäste auf besondere Weise zu. Es geht oft ja auch und gerade um die Kraft, die vom Glauben und vom Gebet ausgeht.


Persönliches steht stets im Mittelpunkt

Die Einladungen für die Patienten-Gottesdienste liegen im Wartezimmer, wenn das von den Arztpraxen gewünscht ist. Alle Siegener Kliniken machen mittlerweile durch Plakate auf diese Einladung aufmerksam und legen die Flyer für ihre Patienten aus. Auch Apotheken werden gebeten, auf dieses Angebot aufmerksam zu machen. Die meisten machen das gerne. Vielleicht auch, weil hier zu spüren ist: es ist keine einzelne Kirche, die Werbung macht, sondern hier lädt eine ökumenische Bewegung ein.

Im ersten Teil der Gottesdienste gibt es ein Interview oder einen persönlichen Erfahrungsbericht: ein Seelsorger berichtet von seiner Krebserkrankung, eine Kranken-Pflegerin von ihrer Chemo, ein Arzt von Hektik und Stress im Krankenhausalltag. Neben und in solchen oder anderen Notsituationen finden sie Ruhe im Gebet und Halt im Glauben. Die Predigt dauert nicht länger als 10 Minuten und möchte Mut machen und Hoffnung wecken. Danach folgt das, was vielleicht die besondere Mitte dieser Gottesdienste ausmacht: die sogenannte „Offene Phase“. Für jeden, der möchte, gibt es ca. 15 Minuten Zeit, im Kirchraum verschiedene „Stationen“ zu besuchen: das Ablegen eines Steines unter dem Kreuz als symbolische Ablegen einer Last, das Entzünden einer Hoffnungskerze, das Aufschreiben eines Gebets oder die Mitnahme einer Karte mit einem ermutigenden Bibelvers. All diese Stationen verbindet, dass sie als heilsame Rituale dabei helfen, die eigene Situation loszulassen und sich einer höheren Macht anzuvertrauen, die wir Gott nennen.

In einigen Nischen der Kirche befinden sich verschiedene Teams mit jeweils zwei Aktiven aus dem Mitarbeiterkreis, die bereit sind, zuzuhören, zu beten und falls gewünscht eine Krankensalbung mit Öl zu spenden. Worauf kommt es hier als Seelsorger und Seelsorgerin an? Den anderen spüren lassen, dass er oder sie mit ihrer Not nicht alleine ist. Zuhören und beten: „Gott kennt dich. Er sieht dich. Er liebt dich!“ Während dieser „Offenen Phase“ spielt das Musikteam meditative Musik. Menschen kommen mit ihrer Krankheit und ihrer Gebrochenheit und werden beim Segnen von Gottes Liebe berührt. Es wird gebetet, gesegnet und gesungen. Alles andere ist Gottes Sache.

Auch Angehörige benötigen Zuspruch und Segen für ihren Weg

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„Gottes Nähe in Krankheit erleben.“ So heißt der Untertitel der Siegener Ökumenischen Patienten-Gottesdienste. Schnelle Heilung wird nicht versprochen. Auch Beter können das nicht. Dennoch beten wir vertrauensvoll für das, was Patienten belastet: ihre Schmerzen, Sorgen und Ängste um erkrankte Gelenke und Organe. Es geht um OPs, die bevorstehen oder noch ausheilen müssen. Enttäuschungen über langsame oder ausbleibende Heilungsverläufe, depressive Verstimmungen bei chronischen Erkrankungen. Auch Angehörige benötigen Zuspruch und Segen für ihren Weg an der Seite der Erkrankten.

Gottesdienste können Orte heilender und tröstender Begegnung sein: Das ist die Erfahrung der Mitarbeitenden, die sonst in ganz unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens und in der Seelsorge tätig sind. Und diese Erfahrung möchten sie gerne weitergeben. Kranke sollen ermutigt werden, neben den Möglichkeiten der modernen Medizin auch Impulse und Hilfen des christlichen Glaubens in Anspruch zu nehmen. Die Erfahrungen machen deutlich, dass Patienten von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen christlichen Gemeinden und Medizin profitieren. Rückmeldungen von Patienten bestätigen: die Botschaft der Patientengottesdienste kommt gut an. Die Atmosphäre tut gut. Die Freiwilligkeit zur Nutzung der Angebote ist wichtig. Und: sie kommen gerne wieder.

Loslassen, zulassen und annehmen

Ursachen für Erkrankungen können vielfältig sein. Auch Mediziner wissen, dass es für den Fortgang von Heilungsprozesse nicht unerheblich ist, dass Patienten eine positive zuversichtliche Grundhaltung gewinnen. Therapien können versagen, wenn die innere Balance von Körper, Seele und Geist eines Menschen gestört ist. Neben der psycho-somatischen Wechselwirkung zeigen neuere Forschungen, welche Bedeutung die sozialen und auch gerade spirituellen Erfahrungen eines Menschen haben. Für Heilungsprozesse braucht es eine Stärkung des gesamten Immunsystems. Eine gesunde Religiosität und ein gefestigter Glaube können bedeutende Faktoren sein, dass ärztliche Behandlungen gelingen und eine gesunde Resilienz entwickelt wird.

Ein Patientengottesdienst bietet heilsame Rituale, die dabei helfen, sich selbst, die Erkrankung, ja, das eigene Leben aus einer neuen Perspektive zu erkennen. Loslassen, zulassen und annehmen. Ja-Sagen, neues Vertrauen fassen und Sinn finden. Neue Hoffnung gewinnen, alte und neue Kraftquellen entdecken – all das sind Schritte hin zu einer ganzheitlichen Balance. Resilienz entwickeln bedeutet ja: wieder innere Stärke zu gewinnen, Belastungen auszuhalten und sich von schweren Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Eine gesunde Religiosität lebt aus der Jahrtausende alten Erfahrung, dass Gebet den Genesungsprozess fördert. In dieser Gebetstradition steht auch das Team in unserem ökumenischen Patientengottesdienst. Hier verbinden sich christliches und medizinischtherapeutisches Wissen und Erfahrung. +

DER NÄCHSTE GOTTESDIENST

Der 7. Ökumenische Patientengottesdienst findet am Freitag, 23. September 2022, um 19 Uhr in der St. Michael-Kirche, Kampenstr. 46 (Parkplätze über die Sankt-Michael-Str.), in Siegen statt.