Anzeige
Gesundheits Kompass

Entscheidung über Leben und Tod

Die Geschichte der Triage begann schon im 19. Jahrhundert 

Entscheidung über Leben und Tod

Zu Spitzenzeiten gab es nahezu 6000 Patienten mit Corona auf deutschen Intensivstationen. An einzelnen Hotspots berichteten Kliniken darüber, das ausgewählt werden musste, welchen Patienten ein Beatmungsplatz zur Verfügung gestellt wird und welchen nicht. Auch wenn in Siegen-Wittgenstein die Grenze der Versorgungsmöglichkeiten nie erreicht wurde, machte auch hierzulande das Wort „Triage“ die Runde und sorgte für manch heftige Diskussion. Dabei war sie bei ihrer Erfindung für viele Menschen die Rettung vor dem Tod.

Entscheidung über Leben und Tod-2

CHEFARZT PROF. DR. MED. CHRISTIAN BRÜLLS

Klinik für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin, Marien Kliniken – St. Marien-Krankenhaus Siegen

Hand- oder Beinamputation dauerte oft nur eine Minute

Napoleons Feldzüge zu Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts waren „Menschenmühlen“. Es gab tausende Tote, auch weil die Verletzten einer Schlacht oft unversorgt blieben. Dominique-Jean Larrey richtete zu dieser Zeit sogenannte fliegende Ambulanzen ein, bei denen chirurgische Ausrüstung mit Pferdewagen an die Front gebracht wurden, was eine Behandlung vor Ort ermöglichte – bei geübten Chirurgen dauerte eine Hand- oder Beinamputation im besten Fall nicht einmal eine Minute. Doch waren die medizinischen Möglichkeiten arg limitiert. Der Chirurg begann daher, die Verletzten nach der Schwere ihrer Verwundung zu sortieren, um möglichst vielen von ihnen das Leben zu retten. Larrey gilt heute aufgrund der fliegenden Ambulanzen als „Vater der Notärzte“ und aufgrund der Gruppierung auch als „Erfinder der Triage“, die er aber selbst nicht so bezeichnete.

Entscheidung über Leben und Tod-3

Der Begriff taucht erstmals im Jahr 1808 bei Pierre-François Percy in der Medizin auf. Das französische Wort bedeutet „Auslese“ und war bis dahin in der landwirtschaftlichen Produktion gebräuchlich. Später berichtet der russische Chirurg Nikolai Iwanowitsch Pirogow, wie er im Krimkrieg in den 1850er-Jahren die verletzten Soldaten nach fünf Gruppen ordnete: 1. Hoffnungslose, deren Überlebenschancen so gering waren, dass man sie auf dem Schlachtfeld beziehungsweise bei der Truppe beließ; 2. Lebensgefährlich Verletzte, die sofort behandelt werden mussten; 3. Verwundete, die ebenfalls rasch behandelt werden sollten, aber einer konservativoperativen Hilfe bedurften und erst dann an die Reihe kamen, wenn die Patienten der zweiten Gruppe versorgt waren; 4. Verwundete, bei denen eine Hilfeleistung nur wegen eines potenziell schädlichen oder unbequemen Transports notwendig war; und 5. Leichtverletzte, die mitunter nur einen Verband oder die Extraktion einer oberflächlich liegenden Kugel benötigten.

Triage wurde in den Weltkriegen weiterentwickelt

Das Pirogow`sche System wurde 1866 von der preußischen Armee im Deutschen Krieg angewandt und auch von anderen Armeen übernommen. In den Weltkriegen wurde die Triage weiterentwickelt, um mit den vorhandenen Ressourcen die Soldaten zu retten beziehungsweise sie wieder rasch fit für die Front zu machen – auch propagandistisch wurde die vermeintlich gute Versorgung genutzt. Die NATO nutzte schließlich ein vierstufiges Schema. Und es wurden Handlungsempfehlungen für zivile Katastrophen erarbeitet. In solchen Situationen geht es vor allem darum, unter schwierigen Bedingungen mit begrenzten medizinischen Ressourcen möglichst viele Opfer zu behandeln.

Dabei ist die Umsetzung der Triage kein Phänomen, das in der Corona-Zeit diskutiert wird. Bei den Polio-Epidemien in den 1950er-Jahren standen nicht ausreichend „Eiserne Lungen“ zur Verfügung und als man ein Jahrzehnt später begann, nierenkranke Menschen mit Dialyse zu behandeln, gab es ebenfalls nicht genug Plätze für alle Bedürftigen.

Nun hat sich die Lage in den Kliniken spürbar entspannt. Weniger als 2000 Menschen befinden sich in Deutschland aktuell wegen Corona auf einer Intensivstation. Auch sind längst Maßnahmen getroffen, eine Triage zumindest abzumildern. So werden bei einer denkbaren Zuspitzung der Lage Behandlungen verschoben, die nicht unbedingt erforderlich sind – genau genommen ist das bereits eine Form der Triage. Auch bei einem weiteren „Corona-Herbst“ sind intensivmedizinische Engpässe nicht flächendeckend zu erwarten. Patienten werden bei knappen Kapazitäten in einer Region dann in andere, teils auch weiter entferntere Kliniken transportiert, wo es noch hinreichend Kapazitäten gibt. Grundsätzlich wird versucht, auch bei schwierigen Situationen eine Behandlungsmöglichkeit zu ermöglichen. +