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Kreuztal – Meine Stadt

Nach dem Bau ist vor dem Bau

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Trauriger Anblick für einen traurigen Bürgermeister. Foto: bjö

Das Innere des zukünftigen Bürgerforums war komplett eingerüstet, als Stadtbaurätin Christina Eckstein dort vorbeischaute. Foto: bjö
Das Innere des zukünftigen Bürgerforums war komplett eingerüstet, als Stadtbaurätin Christina Eckstein dort vorbeischaute. Foto: bjö

Die Schockstarre nach dem 16. Mai ist im Rathaus längst verflogen: „Wir arbeiten hinter den Kulissen an dem Thema, da tut sich vieles", versichert Kreuztals Stadtbaurätin Christina Eckstein im Nachgang des Stadthallen-Großbrandes, denn nach dem Bau ist in diesem Fall auch vor dem Bau. Auf der Zielgeraden der Fertigstellung zum neuen Bürgerforum brannte sie nieder, Kreuztals gute Stube. Seitdem die Brandsanierer dort ihre Arbeit beendet haben, tut sich äußerlich jedoch noch nicht viel. „Die Gutachter sind nach wie vor bei der Arbeit", sagt die Stadtbaurätin. Derer sind zwei im Rennen - einer im Auftrag der Versicherung, ein anderer im Auftrag der Stadt. Es müsse nach wie vor geregelt werden, wie Kostenerstattungen versicherungstechnisch abzuwickeln sind. Außerdem stehe immer noch die Antwort auf die Frage aus, ob alle bislang vor Ort verbliebenen Bauteile noch verwendbar sind oder eben nicht: ,,Da müssen beide Gutachter drauf schauen. Nur auf Basis dessen kann der Rat eine Entscheidung treffen, wie ein Neubau aussehen soll. Und natürlich versuchen wir da das Beste rauszuholen."

Was von der "alten" Stadthalle, also dem 1990 fertiggestellten Bestandsbau, noch steht, sind Bodenplatte und Fundamente; auch Bühne und Hubbühne sind noch zu erkennen, ebenso eine Reihe von Pfeilern, deren Tragfestigkeit angesichts entstandener Hitze noch in Frage steht. Vom jüngsten Anbau, der die Stadthalle zum Bürgerforum aufwerten sollte, stehen noch Künstlergarderoben und sanitäre Räume.

Die Voraussetzungen für ein schnelles Voran auf dem Weg zu einem Wiederaufbau könnten ungünstiger kaum sein: Allein die Ermittlung der Schadenshöhe erweist sich als komplexes Unterfangen; dann die Frage, welche Versicherung für welchen Teilbereich - ob Baustelle oder Altbestand - greift. Schließlich die Ungewissheit, welche Folgeschäden angesichts enormer Preissteigerungen abgedeckt werden, lässt zurzeit noch keine Antworten zu, die planerisches Handeln konkret werden lassen: „Wir können noch nicht loslegen", bringt es Bürgermeister Walter Kiß auf den Punkt. Er hofft natürlich, dass die Stadt zugesagte und teils schon verbaute EU- und Bundesfördermittel !in großzügiger Höhe über die Zeit retten kann". Fachkräftemangel und Lieferengpässe erschweren das buchstäbliche "Auferstehen aus Ruinen" zusätzlich.

Auf die Frage, wie eine wieder errichtete "Nachfolge"-Stadthalle aussehen könnte, antwortet der Bürgermeister diplomatisch: ,,Die Pläne sind ja da, da haben wir ja schon einmal nach gebaut - also im weitesten Sinne so wie vorher." Die Möglichkeiten der baulichen Ausdehnung seien im Schulzentrum ja eh begrenzt. Das Bürgerforum solle in einer zeitgemäßen Ausstattung und einer Form wieder dahin, wie die bis zum Mai gültigen Baupläne des ehemaligen Hochbauamtsleiters Frieder Bosch es vorgesehen hatten. Der hat mit seinem längst verdienten Ruhestand nun Ernst gemacht. „Vielleicht eleganter anpassen" könne man das eine oder andere Detail angesichts eines fälligen Neubaus, so Kiß. Damit könnten Fragen wie jene der Barrierefreiheit gemeint sein. Christina Eckstein: „Wenn wir die Chance haben, von vornherein anders zu gestalten, würde man die natürlich optimieren." Auch im Brandschutz habe sich viel getan; die Dachkonstruktion, die den Flammen zum Opfer fiel, "würde man heute auch anders machen". Die Pläne von Frieder Bosch hätten - wäre deren Umsetzung nicht in Flammen aufgegangen - das Potenzial gehabt, so Kiß, dass es "eine Stadthalle der Zukunft werden konnte, komplett auf der Höhe der Zeit."

Stilvoll feierte die Stadt Kreuztal ihren 50. Geburtstag mit einer Gala im Januar 2019 - die vorletzte Veranstaltung überhaupt. Foto: bjö
Stilvoll feierte die Stadt Kreuztal ihren 50. Geburtstag mit einer Gala im Januar 2019 - die vorletzte Veranstaltung überhaupt. Foto: bjö

Als umso ermutigender empfinden die Verantwortlichen im Rathaus die Stimmen aus der Bevölkerung. Walter Kiß: „Die Leute haben eine positive Bindung zu der Halle und zu den Veranstaltungen, die da stattgefunden haben, so dass es keinen Zweifel daran geben kann, dass Kreuztal eine Stadthalle braucht." Kiß schönste Erinnerung an die Halle: die Gala zum 50-jährigen Bestehen der Stadt Kreuztal im Januar 2019, kurz vor deren (endgültiger) Schließung.

Die Kreuztaler Stadtbaurätin ist ähnlich zuversichtlich, nachdem ihr am Brandort auch einmal kurz die Tränen in den Augen gestanden hätten: „Wir haben uns intern wieder sortiert und relativ zeitnah den Blick nach vorn gerichtet. Kreuztal braucht ja eine Stadthalle, und das Ziel haben wir vor Augen." bjö

Spirit lässt sich nicht streamen

Anna Wetz - Vorsitzende der Ratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen
Anna Wetz - Vorsitzende der Ratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

Mit der Stadthalle verbinde ich vor allem Erinnerungen aus meiner Schulzeit. Ich war Schülerin des Gymnasiums, und für uns war sie elementarer Teil unseres Schullebens - seien es Weihnachtsfeiern, die gern besuchten Theateraufführungen oder Konzerte. Für mich war die Stadthalle immer ein Ort der Begegnung, aber auch des Erlebens. Mit der neuen Stadthalle sollte diesem Gedanken, den Künstlern, den Besuchern und der herausragenden Arbeit von KreuztalKultur nun mehr Raum gegeben werden. Auch wenn der Weg dorthin jetzt steinig wird, wünsche ich mir, dass wir alle gemeinsam daran arbeiten, unser Bürgerforum irgendwann Wirklichkeit werden zu lassen. Denn wie essentiell Live-Kultur ist, habe ich ganz deutlich gespürt, als ich nach zwei Jahren Pandemie auf meinem ersten Konzert stand. Der Spirit von Kultur lässt sich nicht streamen, sondern braucht einen realen Ort der Begegnung und des Austausches.


Aufgeben geht nicht

Jochen Schreiber - Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Tourismus im Rat der Stadt Kreuztal, SPD-Fraktionsvorsitzender
Jochen Schreiber - Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Tourismus im Rat der Stadt Kreuztal, SPD-Fraktionsvorsitzender

Als ich im Urlaub die ersten Videos vom Brand des Bürgerforums erhielt, war ich sprachlos und verzweifelt. Alles, was mit viel Arbeit und Mühen an Angeboten, Programmen und Erfolgen aufgebaut und gewonnen worden war, schien mit einem Schlag vernichtet. Meine Gedanken gingen sofort zurück in die Zeit vor 1990, denn seitdem darf ich KreuztalKultur in der heimischen Kommunalpolitik begleiten.

Nur einem späten Hinweis des damaligen Bauausschussvorsitzenden Günther Müller war es zu verdanken, dass die Stadthalle quasi auf der Zielgeraden mit einer Hubbühne ausgestattet wurde. Damit konnte das 1989 von Stadtdirektor Kurt Erdmann angestoßene und von Michael Townsend formulierte "Ziel- und Maßnahmenkonzept für die Kulturarbeit und das kulturelle Angebot in Kreuztal" an einem Veranstaltungsort in der Stadtmitte umgesetzt werden.

Der 5 Millionen DM teure "Schulaula-Neubau" ermöglichte nun nicht nur die Nutzung durch die Schulen, sondern war auch für Programme mit Künstlern und für größere Vereinsfeiern nutzbar. Zigtausende Zuschauer kamen in die Halle und feierten die Künstler, die sich in Kreuztal immer willkommen fühlten. Kostenloser Kaffee verwöhnte die Besucher, bei Irish und Scottisch Folk gab's Whiskey, und wenn Jürgen Becker Kreuztal besuchte, Kölsch und Pils vor der Bühne. Für mich steht fest: Kreuztal braucht wieder seine gute Stube für die Schulen, für kulturelle Veranstaltungen und das Vereinsleben! Leider fehlen bis heute wichtige Planungsgrundlagen für ein neues Bürgerforum. So müssen wir uns in Kreuztal gedulden, bevor Verwaltung und Politik im nächsten Jahr an die Neuplanung des Bürgerforums gehen können. Schnell wird der Neubau und dessen Eröffnung wohl nicht kommen, aber er wird kommen! Denn genau wie bei der Rahmedetalbrücke gilt: Aufgeben geht nicht!