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Kreuztal – Meine Stadt

Unter keinem guten Stern

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Ein Blick auf den Baufortschritt im Sommer 2021. Foto: bjö Jo

Mit ihrer Stadthalle mussten die Kreuztaler immer wie der geduldig sein. Deren Fertigstellung im Jahr 1990 konnten die Bürger knapp ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant feiern: Das Blasorchester hatte dort schon für November 1989 ein erstes Konzert avisiert - die Musik und ihre Künstler hielten aber erst am 31. März des Folgejahres Einzug in die „gute Stube" - mit einem Eröffnungskonzert der (damaligen) Südwestfälischen Philharmonie.

„Wir rechnen damit, dass sie tatsächlich im Sommer 2020 fertig sein wird.”
Holger Glasmachers

„Beflügelnde Taten" unternahm Jahre später der Initiativkreis Stadthallenflügel", um dem Veranstaltungsort ein dem Bau würdiges Tasteninstrument zur Verfügung zu stellen. Nach knapp zweijährigen Spendenaktivitäten erwarb die Stadt mit Hilfe vielfältiger finanzieller Unterstützung Dritter einen gebrauchten Steinway-Konzertflügel der Größe D also den Rolls Royce unter den Klavieren. Das Exemplar hatte zeitweise in der Carnegie Hall in New York seinen Dienst versehen, bevor es nun anspruchsvollen Pianisten in Kreuztal zur Verfügung stand. Das am Ende 65.000 DM teure Instrument hat den Brand der Stadthalle ebenso unbeschadet überstanden wie das Bodenparkett: Beides hatte die Stadt während der Umbauphase anderweitig zwischengelagert.

Mächtig viel Zeit ging auch ins Land, bevor die Pläne des zukünftigen Kreuztaler Bürgerforums zumindest begannen, Wirklichkeit zu werden: Bereits im März 2017 stellte Hochbauamtsleiter Frieder Bosch der Kommunalpolitik den Plan für eine Stadthallen-Erweiterung zum Bürgerforum vor.

 Im Februar 2018 erfuhr der Kreuztaler Kulturausschuss, dass sich die Planungen verzögerten wohl wegen der Regierungsbildung in Berlin mussten die Kreuztaler auf eine Zuschusszusage warten.

Im August 2018 lag immer noch kein Bewilligungsbescheid vor, doch Holger Glasmachers blieb zuversichtlich in Sachen Stadthalle: „Wir rechnen damit, dass sie tatsächlich im Sommer 2020 fertig sein wird." Im Dezember 2018 traf die Zusage über eine öffentliche Förderung in Höhe von 75 Prozent endlich im Kreuztaler Rathaus ein.

Das Kreuztaler Tanztheater war mit seinem Programm „Your Story" am 2. Februar die letzte Truppe, die auf der Stadthallen-Bühne auftrat - die Renovierung und Erweiterung sollte zeitnah beginnen. 

Doch bis November rührte sich dort kein Handwerker: Zu diesem Zeitpunkt stellte Frieder Bosch dem Kulturausschuss allerdings einen aktualisierten Entwurf seiner Ausbaupläne vor; die Ausschreibung musste europaweit erfolgen und dauerte daher länger als zunächst angenommen. Die Siegener Zeitung titelte am 14. November 2019 ,,Bürgerforum soll Ende 2021 fertig sein".

Im August 2020 begann ein Bagger endlich, am alten Foyer zu knabbern, um Platz für das Bürgerforum zu schaffen. Die Tiefbauarbeiten für die Erweiterung begannen im April 2021.

So sollte das fertige Bürgerforum aussehen. Foto: Planer
So sollte das fertige Bürgerforum aussehen. Foto: Planer

 Im Juli stellte die Stadtbaurätin eine Fertigstellung im ersten Halbjahr 2022 in Aussicht. Der Saal war zu diesem Zeitpunkt komplett eingerüstet. ,,Vandalen treiben ihr Unwesen" lautete eine SZ-Überschrift Ende April: Unbekannte Täter waren auf das Dach des Rohbaus gestiegen, über frisch verlegte Bitumen-Bahnen gelaufen, hatten Risse verursacht und damit einen darunterliegenden Wasserschaden in Höhe von mutmaßlich 30.000 Euro angerichtet.

Einen halben Monat später waren es Arbeiten auf dem Dach, während derer das Schicksal der Kreuztaler Stadthalle zunächst besiegelt wurde: Das Feuer zerstörte alle Hoffnung auf eine Wiedereröffnung in greifbarer Nähe. . bjö

Ritt auf der Rasierklinge bleibt

Holger Glasmachers Leiter, des Kulturamts Kreuztal
Holger Glasmachers Leiter, des Kulturamts Kreuztal

Die Stadthalle war für uns vom Kulturamt schon so etwas wie ein Zuhause. Entsprechend gingen auch mir nach dem Brand viele Erinnerungen durch den Kopf - vor allem an Begegnungen mit Künstlem. Unvergessen das erste Gastspiel des bayrischen Urgesteins Gerhard Polt, als sein Sound-Check darin bestand, die Bühne zu betreten, einmal in die Hand zu klatschen und zufrieden festzustellen: Passt schon." Oder Evelyn Hamann, einst Spielpartnerin von Loriot: Die war beim Einrichten immer erst zufrieden, wenn etwas korrigiert wurde. Entsprechend hatten wir einen Scheinwerfer aus der Linie genommen, den sie prompt reklamierte und dann zufrieden war - geradzu ein Ritual. Haften bleiben viele anrührende Momente der Kunst mit dem Jazz-Gitarristen Pat Metheny beispielsweise, Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt. 

Aber auch ,,Dance & Sing" im Juli mit saunahaften Temperaturen. Auch daraus erwuchs ja auch das Bedürfnis, die Halle zu modernisieren. Das Bürgerforum - wäre es denn fertig geworden - hätte uns schon eine ausgereifte Infrastruktur geboten, die Planungen der Kollegen waren super, und die Größe wäre für eine Stadt wie Kreuztal auch aus heutiger Sicht völlig ausreichend gewesen. Was ich mir für einen Wiederaufbau wünsche? Zumindest denke ich darüber nach, dass eine wirklich barrierefreie Halle ohne Stufen im Parkett den Raum noch funktionaler nutzbar machen würde. Dafür könnte die Bühne dann höher sein, auch mehr Breite und Tiefe bekommen. Aus romantischen Überlegungen heraus wäre es schön, wenn Bestandteile des Bürgerforums sichtbar stehenbleiben könnten. Doch bis dahin werden Jahre vergehen, in denen Kreuztaler Kultur sich in Improvisation üben muss und der Kunst, langfristig planen, aber kurzfristig reagieren zu müssen. Das bleibt für uns nach zwei Pandemie-Jahren weiterhin ein Ritt auf der Rasierklinge.


Weiter improvisieren

Thomas Grütz, Schulleiter des Städtischen Gymnasiums Kreuztal
Thomas Grütz, Schulleiter des Städtischen Gymnasiums Kreuztal

Ich glaube, die Stadthalle brennt. Wir müssen die Feuerwehr verständigen! Mit diesen aufgeregten Worten eines Lehrerkollegen begann einer der traurigsten Tage meiner - zugegeben erst recht kurzen-Zeit als Schulleiter des Städtischen Gymnasiums. Wir evakuierten das Gebäude unverzüglich. Alle haben funktioniert - Schüler*innen wie Lehrer*innen. Gott sei Dank!

Nach langen Jahren der Entbehrung hatten wir uns gefreut auf Theater- und Choraufführungen, Begrüßung neuer Sextaner, Abiturentlassungen, bunte Abende und natürlich auch das Ehemaligentreffen des Fördervereins.

Aber, wenn wir in einer Sache während der Corona-Zeit Übung bekommen haben, ist es Improvisation. Wir werden nach vorn schauen und diese Veranstaltungen kreativ angehen und in anderer Form oder an anderen Orten durchführen - aber nur so lange, bis die Stadthalle bzw. das Bürgerforum in neuem Glanze erstrahlen wird.


Tränen auf dem Schulhof

Christian Scheerer, Schulleiter der Clara-Schumann-Gesamtschule Kreuztal
Christian Scheerer, Schulleiter der Clara-Schumann-Gesamtschule Kreuztal

Als zwei Kolleginnen meldeten, dass es bei der Stadthalle brennen würde, liefen meine Kollegin Regina Zwingmann und ich sofort los und entdeckten ein auf den ersten Blick harmlos wirkendes Feuer auf dem Dach der Stadthalle, das die Feuerwehr, die schon da war, bald gelöscht haben würde. Minuten später meldete die Feuerwehr, dass wir evakuieren sollten. Erst als alle Schülerinnen und Schüler unverletzt an ihren Stellplätzen auf dem Schulhof waren, sah ich die gewaltige Rauch- und Feuersäule. Als das Dach der Stadthalle schließlich zusammenbrach, waren alle Umstehenden traurig. Als Schulleiter hatte ich schon Pläne geschmiedet, Abschlussfeiern und Vokalklassenkonzerte in der tollen neuen Halle stattfinden zu lassen, deren Entstehen wir hautnah miterlebt hatten. 

Als Bürger von Kreuztal hatte ich mich schon auf viele tolle Kulturveranstaltungen gefreut. Am späten Nachmittag saß unsere Schulpflegschaftsvorsitzende weinend auf dem Schulhof - ein Bild, das ich nicht vergessen werde. Ich hoffe sehr, dass die Halle wieder aufgebaut wird - als modemer Ort für Menschen, Kultur und Schulen in Kreuztal, als eine Halle für die ganze Stadt - eine Stadthalle.


Bürger sehnen sich nach Neubau

Reinhard Lange, Vorsitzender der UWG-Ratsfraktion Kreuztal
Reinhard Lange, Vorsitzender der UWG-Ratsfraktion Kreuztal

Viele Konzerte in der Stadthalle mit den unterschiedlichsten Künstlern, ob international oder hiesige, bleiben mir in Erinnerung - aber auch die Familienfeiern vom Turnverein Kreuztal. Am 16. Mai fuhr ich mit dem Fahrrad zum Einkaufen und wollte wie immer an der Stadthalle vorbeifahren, und das ging schon nicht mehr. Mein erster Gedanke: Das kann doch jetzt nicht sein, kurz vor der Fertigstellung und nun lichterloh in Flammen! Es war wie ein Schock - Verwaltung und Politik hatten alles dafür getan, um den Umbau zu realisieren.

Aus Sicht der UWG werden wir alles dafür tun, um möglichst bald einen Neubau zu ermöglichen, denn die Kreuztaler Bürger sehnen sich nach einer neuen Stadthalle beziehungsweise nach einem neuen Bürgerforum.


Die Stadthalle und ich

André Becker, Vizedirigent im Blasorchester Stadt Kreuztal, Trompeter, Musikpädagoge
André Becker, Vizedirigent im Blasorchester Stadt Kreuztal, Trompeter, Musikpädagoge

Ich kenne die Stadthalle seit ihrer Geburt". Aus meinem Klassenfenster sah ich, wie sie langsam wuchs: Fundamente, Bodenplatte, Wände, Dach. Zur Grundsteinlegung spielte ich dort auf der nackten Bodenplatte und im Herbst 1990 dann mit dem Blasorchester Stadt Kreuztal das erste Konzert. Ich habe seitdem jedes Jahr mindestens bei zwei Konzerten mit unterschiedlichen Ensembles in der Stadthalle mitgewirkt -mal im Tutti, mal als Solist.

In all dieser Zeit habe ich auch gelemt, was es heißt, mit Provisorien zu arbeiten. Diese resultierten aus Sparmaßnahmen in der Entstehungsphase. Einige Ratsmitglieder waren sogar der Meinung, man bräuchte keine Halle für Kulturveranstaltungen; sie würden dem Bau nur zustimmen, wenn eine bestimmte Bausumme nicht überschritten würde. 

Dies führte dazu, dass fortan jeder Künstler im Sommer auf der Bühne schwitzte wie in einer finnischen Sauna, da die Klimaanlage eingespart wurde; oder die Bestuhlung quer durch das Schulgebäude gefahren werden musste, weil einfach die Räumlichkeiten zur sinnvollen Lagerung fehlten. Jeder, der dort schon einmal auf der Bühne der Stadthalle gestanden hat, kannte die problematische Akustik und verstand auch nicht, wie man eine Bühne bauen konnte, die unendlich breit, aber nur wenig tief war. Garderoben für Künstler und Solisten gab es genau zwei, und diese waren noch zum Teil mit Bühnentechnik zugestellt. Grundsätzlich war die Halle aber trotzdem ein Segen für die Kreuztaler Kulturlandschaft. Bei einem Neubau wäre daher diesmal etwas mehr Weitsicht zu wünschen, um eine Halle für die Besucher und vor allem für die auftretenden Künstler zu schaffen, die praktisch und funktional ist und in der man sich wohl fühlt. Wir brauchen eine neue Halle, das steht fest!


Enttäuschte Vorfreude - Melanie Stein, Lehrerin der Ernst-Moritz-Arndt-Realschule Kreuztal

In der Vergangenheit wurde die Stadthalle häufig von der ehemaligen Theater-AG unserer Schule genutzt. Die Tanz-AG freute sich bereits darauf, auf der Bühne zu proben. Unseren Abschlussschülem wurde hier das Zeugnis überreicht. Der geplante Umbau berücksichtigte Wünsche und Vorstellungen von einem kulturellen und schulischen Ort der Begegnungen. Sicherlich benötigt dies eine entsprechende technische Ausstattung - Maßnahmen zur Verbesserung der Akustik gehören meiner Meinung nach dazu. Weiterhin könnte man über digitale Buchungssysteme nachdenken, die eine Nutzung der unterschiedlichen Zielgruppen vereinfacht und Planungssicherheit gewährt.