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Maschinenbau und Technik

Wohin geht die Reise?

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Analysten sind zuversichtlich, dass die Unternehmen des deutschsprachigen Maschinenbaus auch künftig wirtschaftlich erfolgreich sein werden. Dabei sehen sie aber unterschiedliche Möglichkeiten für die Branche, ihre Zukunft weiterhin in größerem Umfang selbst mitzugestalten. Foto: Pixabay

Steht dem Maschinenbau eine rosige Zukunft bevor? Oder werden künftig milliardenschwere Tech-Unternehmen das Geschäft dominieren? Welche Entwicklungen werden die Branche in den kommenden Jahren beeinflussen? Eine Szenario-Analyse wagt den Blick voraus und zeigt, worauf sich die Branche vorbereiten muss und welche Maßnahmen Unternehmen schon heute einleiten können, um für alle Szenarien richtig aufgestellt zu sein.

Zur Zeit ist die Zukunft vieler Branchen durch große Unsicherheiten geprägt. Das gilt auch für den Maschinenbau im deutschsprachigen Raum. Der Krieg in der Ukraine und brüchige Lieferketten erschweren die Situation, sodass der Branchenverband VDMA schon früh im Jahr seine Prognose für 2022 nach unten änderte: nur vier statt sieben Prozent Plus. Zugleich ist man beim Verband aber zuversichtlich, dass die Branche die aktuelle Lage bewältigen wird – die Resilienz des Maschinenbaus sei traditionell hoch, heißt es.

Doch wo geht der Weg abseits aktueller Probleme hin? Die Szenario-Analyse eines internationalen Beratungsunternehmen skizziert für die Unternehmen im deutschsprachigen Maschinenbau vier mögliche Zukunftsszenen für das Jahr 2030. Dafür wurden auf der Grundlage der öffentlichen Berichterstattung von Dezember 2019 bis Dezember 2020 sowie auf Basis von qualitativen Experten-Interviews 91 Treiber identifiziert, die die Zukunft des Maschinenbaus wesentlich beeinflussen. Daraus haben die Marktbeobachter die Trends mit der größten Eintrittswahrscheinlichkeit zu vier Szenarien zusammengefasst.

Die positive Nachricht vorneweg: In allen Szenarien können die Unternehmen im deutschsprachigen Maschinenbau laut den Experten auch künftig wirtschaftlich erfolgreich sein. Die Analyse zeigt aber auch, dass sie dabei unterschiedliche Möglichkeiten haben, ihre Zukunft auch weiterhin in größerem Umfang selbst mitzugestalten. Zudem wird deutlich, dass die hohe Präzision der Produkte allein im globalen Wettbewerb nicht mehr reicht. Innovation bleibt ein Muss.

Eine Grundannahme der Studie ist, dass künftige Maschinenangebote weiterhin dem Trend zu immer komplexeren Paketen aus Maschine plus Service plus Software folgen werden. Für Maschinenbauer heißt das, mehr und mehr in einem oder mehreren Ökosystemen zu arbeiten, wo spezialisierte Partner zum Beispiel für Datenauswertung, Software oder Online-Services verantwortlich sind. Innerhalb eines Ökosystems ist in der Regel derjenige Partner führend, der die entscheidenden Wertschöpfungsschritte beisteuert. Daher bildet „Macht im Ökosystem“ die erste der zwei Variablen bei der Szenario-Auswahl.

In der zweiten Grundannahme steht die Digitalisierung im Mittelpunkt. Sie bietet die Möglichkeit, Maschinen flexibler und stärker modular aufzubauen mit einem Kern aus anpassungsfähiger Software. Sie würden zu neuen „Standardmaschinen“ und lösten deshalb die „Spezialmaschinen“ ab, die individuell auf den Kunden und seinen Bedarf zugeschnitten wurden und den Erfolg der Branche in den letzten Jahrzehnten prägten. Die Studien-Experten setzten „Spezialisierung versus Standardisierung“ als zweite Szenario-Variable.

Szenario A bezeichnen die Marktbeobachter „ein fragiles Paradies“. Hier schreibt der Maschinenbau seine aktuelle Situation fort und besetzt mit spezialisierten und kundenspezifischen Maschinen attraktive Nischen. Durch einen weltoffenen Handel und einen stabilen EU-Wirtschaftsraum gelingt es ihnen, die Konkurrenz aus Asien auf Abstand zu halten. Gleichzeitig schaffen Tech-Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen es nur langsam, in das Industriegeschäft einzusteigen. Weil die Herausforderungen von 2021 bestehen bleiben, sind die europäischen Maschinenbauer weiterhin gezwungen, ihren Vorsprung durch kontinuierliche Innovation zu sichern. Demnach bleibe die Situation auch 2030 fragil, sagt die Analyse.

Szenario B steht für „Erfolg durch Wandel. Hier haben die europäischen Maschinenbauer ihre Produktion aus einer Position der Stärke heraus digitalisiert, modularisiert und standardisiert. Mit flexiblen Geschäftsmodellen haben sie die Konkurrenz aus Asien ebenso wie die Plattformanbieter hinter sich gelassen. Der Erfolg der Branche müsse dabei laut Analyse durch attraktive Preise gesichert werden, die Gehälter und Strukturen der Unternehmen gerieten unter erheblichen Kostendruck.

„Das verlorene Paradies“ ist der Titel von Szenario C. Hier haben die Technologiekonzerne die Marktmacht. Grund: ihre Vision für das industrielle Internet der Dinge. Durch exklusive Maschinen- und Kundendaten können sie Softwarestandards setzen und optimieren automatisierte Produktionsprozesse, bei denen hauptsächlich günstige Standardmaschinen im Mittelpunkt stehen. Damit verändert sich der Maschinenbau hin zum Technik-Zulieferer. Hier fehlt der eigene Kundenkontakt, was am Ende auch die Innovationskraft des Maschinenbaus schwächt.

Szenario 4 ist „Abhängig vom System“. Hier kommen laut Studie die Spezialmaschinen weiterhin vom Maschinenbau, die Software-Plattform aber von großen Software-Anbietern. Zudem kommen weitere Akteure hinzu: B2B-Plattformanbieter kontrollieren häufig den Zugang zu den Kunden, besitzen Maschinendaten und schreiben kundenspezifische Software. Das verringert die Wertschöpfung auf Seiten der Maschinenbauer. Im Wettbewerb mit den Tech-Firmen müssen sich die Vorreiter des Maschinenbausektors früh in einem europäischen Verbund zusammenschließen, um hier langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, raten hier die Marktbeobachter.

In ihrem Fazit gehen die Experten davon aus, dass der europäische Maschinenbau auch 2030 für die Weltwirtschaft entscheidend sein wird. Doch die verschiedenen Szenarien zeigten ihrer Ansicht nach sehr deutlich, wie wichtig es sei, bereits heute das Maschinenbauökosystem mitzugestalten – bevor man selbst dadurch umgestaltet werde. ots/aro