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Wirtschaftsreport: Transport und Logistik

Verkehrsdaten live im Netz

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Weil Herausforderungen in der Logistikbranche immer komplexer werden, steht die Branche zunehmend unter Druck. Foto: AdobeStock

Touren optimieren

Die Logistikbranche, besonders im Punkt-zu-Punkt -Güterverkehr, steht unter Druck. Seit Jahren werden die Herausforderungen in der Logistik komplexer. Fachkräftemangel, der Krieg in der Ukraine, angespannte Lieferketten, hohe Transportkosten, steigende Energie- und Treibstoffpreise und die gleichzeitig steigende Nachfrage nach Logistikdienstleistungen erhöhen den Druck auf die Branche zunehmend.

,,Zeit ist Geld!" Das Sprichwort gilt ganz besonders in der Logistik. Aus diesem Grund versucht die Branche, ihre Abläufe zu optimieren. Die händische und auch die softwaregestützte Planung und Optimierung ist schon lange ein Thema, doch stoßen die Disponenten irgendwann an ihre Grenzen, wenn nicht genug Daten zur Verfügung stehen. Oft fehlt der Datenaustausch zwischen den einzelnen Akteuren der Logistikkette. Eine Folge: Es finden Transporte statt, die gar nicht unbedingt notwendig wären. Im Jahr 2021 hat die Logistik-Initiative Hamburg das Projekt ,,Vernetzung von Transportsystemen" (Vevotras) ins Leben gerufen.

Konkret geht es darum, die Tourenplanung von Sammelgutspeditionen zu optimieren und Leerfahrten zu vermeiden. Dafür sollen Verkehrsdaten mit Daten aus Transportmanagementsystemen von Dienstleistern im Logistik- und Transportbereich vernetzt werden. So sollen Transporteure für Stückgut und verladende Unternehmen intelligentere Entscheidungen bei der Gestaltung von Dispositions-, Transport- und Lagerprozessen treffen können. Ziel ist es, Stau- und Wartezeiten sowie Lärm- und Schadstoffemissionen im Straßengüterverkehr zu mindern. ,,Was wir heute nachhaltig nennen, wird morgen das neue Normal sein", sagt etwa Peter Müller-Kronberg, CEO der Zufall logistics Group. Neben einer sinkenden Umweltbelastung bedeutet eine bessere Ausnutzung der Kapazitäten auch mehr Nachhaltigkeit. Und die hat sich gerade das familiengeführte Transportunternehmen auf die Fahnen geschrieben.

Neben wichtigen Daten zu Ladekapazitäten - auch die anderer Spediteure – brauchen die Disponenten weitere Daten, um Routen und Ladungen planen zu können. Der genaue Standort des Transports, wie Privatkunden es von der Sendungsverfolgung der großen Paketdienste aus dem Alltag kennen, ist da nur der Anfang. In der Disposition werden auch Daten über Ladezeiten und Slots für die Lkw gebraucht, um Standzeiten und Leerlauf zu vermeiden. Verkehrsdaten zu Staus und Fahrzeiten zählen schon fast zu den Basisdaten. Neben Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen müssen sich unterschiedliche Unternehmen, die eigentlich in Konkurrenz zueinander stehen, gegenseitig Informationen zur Verfügung stellen. Gleiches gilt für die Start- und Zielpunkte der Fracht, etwa Häfen und Produktionsstätten und Lager.

Kommen weitere Verkehrsträger in der Logistikkette dazu, zum Beispiel die Bahn im kombinierten Verkehr, oder die Fluglinien, müssen auch hier Daten generiert und ausgetauscht werden. Für die Auswertung wird nicht nur Speicherplatz gebraucht, sondern auch leistungsfähige Software. Hier bieten sich Chancen für innovative Start-Ups, die mit smarten Lösungen ein einfaches Handling organisieren können. Sehr sicher werden aber auch die Big-Player auf diesem Geschäftsfeld aktiv werden.

Amazon, das Datenverknüpfung und Analyse perfektioniert hat, ist ein heißer Kandidat für kommerzielle Lösungen, zumal der Konzern alle wichtigen Fähigkeiten unter einem Dach vereint. Sicher ist: Digitale Lösungen und der Einsatz Künstlicher Intelligenz sind auch hier ein ganz großes Thema. Die Unternehmen der Transportbranche werden sich jedenfalls immer stärker dem Einsatz solcher Assistenzsysteme stellen müssen.

Ändern sich Verkehrsströme kurzfristig, etwa durch Unfälle oder Sperrungen, können Transporteure bei Echtzeitdaten flexibler reagieren. Eines der Ziele ist es, Lieferausfälle zu vermeiden und Zeiten optimal zu nutzen. Neben der Echtzeitverfolgung der eigenen Güter und Fahrzeuge geht der Blick der Transporteure auch auf Portale, über die sich leicht Lieferslots und Ladungskapazitäten buchen lassen. Denkbar sind etwa Buchungsportale, die sich bedienen lassen - wie bekannte Reiseportale, auf denen Flüge oder Ferienhäuser unterschiedlicher Anbieter gebucht werden können. Für die Unternehmen der Branche eröffnen sich Chancen für eine bessere Auslastung ihrer Fahrzeuge, gerade im Bereich Stück- und Sammelgut. Die Risiken sollen aber nicht verschwiegen werden.

Eine größere Transparenz kann, ähnlich wie in der Reisebranche, auch zu weiterem Kostendruck führen. Darüber hinaus wird es Probleme geben, wenn Daten fehlerhaft verknüpft werden. Zum Schluss stellt sich natürlich auch noch die Frage der Männer und Frauen am Steuer der Fahrzeuge. Wie schon aus der Paketbranche bekannt, besteht die Gefahr einer zunehmenden Überlastung der Fahrerinnen und Fahrer, da auch die Pausenzeiten in besonders eng kalkulierten Touren unter Druck geraten. Dem wollen einige Unternehmen frühzeitig entgegentreten. ,,Als zentrales Werkzeug der Veränderung setzen die Logistikexperten auf Digitalisierung. So werden z.B. Prozesse im Umschlagslager digital erfasst und optimiert. Dadurch wird es möglich, den Einsatz von Personal besser zu planen und die Arbeitslast für den einzelnen Mitarbeitenden zu verringern. Besonders wichtig ist dem Unternehmen dabei, den offenen Dialog mit seinen Mitarbeitenden zu fördern und diese zu aktiver Teilhabe einzuladen. So entsteht eine moderne Unternehmenskultur", schreibt etwa die Zufall logistics Group dazu. schn


Herausforderung marode Autobahn

Große Baustelle

Marode Autobahnen sind nur ein Problem von vielen, die miteinander in Beziehung stehen. Das jedenfalls sagt Professor Dr.-Ing. Dipl.-Oec. Ulrich Stache von der Universität Siegen. Nur: Wie gehen die Unternehmen damit um? Und was kann man tun, um die Logistikkette nicht zu unterbrechen?

,,Ganz lokal kann eine marode Autobahn zu einem riesigen Problem werden", sagt Ulrich Stache. Das sehe man ganz deutlich an den heimischen Unternehmen, die die Bundesautobahn A45 als Verkehrsader brauchen. Die Brückensperrung bei Lüdenscheid habe die Lieferketten massiv durcheinander gewirbelt. Unternehmen müssten jetzt zusehen, wie sie ihre Logistikketten neu strukturieren. Dazu zählen nicht nur andere Wege, um die Sperrung zu umfahren. Damit einher gehen auch erhebliche Zeitverluste, die durch Umwege und zusätzliche Stationen entstehen. Die Auswirkungen reichen bis in die Produktion hinein.

,,Logistik ist nicht nur der Transport zwischen zwei Punkten, sondern fester Teil der Produktion und ihrer Planung", sagt Stache. Anders ausgedrückt: Die pünktliche Lieferung von Nachschub für die Produktion ist von den Produzenten eingeplant - in den benötigten Mengen versteht sich. Daher komme auch eine umfangreiche Lagerhaltung irgendwann an ihre Grenzen, macht der Siegener Wissenschaftler deutlich. Für die Produktion bleibe im Extremfall dann nur noch, die Kapazitäten herunter zu fahren. ,,Ich kann verstehen, dass die Unternehmen in Südwestfalen unter dieser Aussicht sehr leiden. Eine marode Autobahn direkt vor der Haustür schmerzt besonders und führt zu Ausfällen, die kaum zu verkraften sind", sagt Ulrich Stache.

Die Herausforderungen der Dienstleister, die den Transport der Waren übernehmen, lägen auf einer anderen Ebene. Längere Wege kosten deutlich mehr Zeit und Geld. Termine können nicht eingehalten oder Ladekapazitäten nicht ausgenutzt werden. Zum Teil sind die bisherigen Umschlagplätze der Transporteure von den Routen abgeschnitten. Nicht zu unterschätzen sind auch die Zeitverluste durch viele Staus und ständige Baustellen auf den Autobahnen in Deutschland. Auch darauf müssen sich die Unternehmen einstellen, zum Beispiel durch weitere Optimierung ihrer Prozesse und zum Teil auch durch eine größere Lagerhaltung. Neue Strukturen lassen sich nicht spontan etablieren, die Implementierung braucht Zeit und eben auch Geduld. Dazu kommt noch: Auch die nötige Manpower ist von maroden Strecken betroffen, in Form von langen Arbeitswegen, die weitere Zeit und Nerven kosten.

Insgesamt aber sieht der Wissenschaftler die maroden Autobahnen als die Kirsche auf der Torte einer langen Liste von Problemen. ,,Wenn wir sehen, dass die Warenströme insgesamt gestört sind, dann stehen wir noch vor ganz anderen Herausforderungen", so Ulrich Stache. Ein Beispiel sei der - von nur einem Schiff -verstopfte Suez-Kanal gewesen. Da könne man sich ausmalen, was es bedeute, wenn hunderte Schiffe vor chinesischen Häfen auf ihre Abfertigung warten. ,,Die Logistikketten sind an diesen Stellen sehr fragil", macht er deutlich. Was vor Ort durch marode Autobahnen ausgelöst werde, könne in gleicher Form auch durch globale Prozesse ausgelöst werden. Neben den knappen Transportkapazitäten steigen auch die Frachtraten. ,,Wir sehen hier eine deutliche Verteuerung, die die Transportunternehmen nicht immer weitergeben können", so Stache. Neben der Herausforderung, die Lieferketten aufrecht zu erhalten, sieht der Siegener Wissenschaftler das Problem, weiterhin noch wirtschaftlich arbeiten zu können. ,,Das wird zunehmend zu Problemen führen", ist er sich sicher.

Die Probleme sind also vielfältig. Wie aber kann die Logistik von morgen aussehen, die solche Probleme besser wegstecken kann, als es aktuell der Fall ist? Zum einen geht der Experte davon aus, dass sich einige Verwerfungen mit der Zeit mehr oder minder von selbst nivellieren werden. ,,Wir leben in sehr volatilen Zeiten. Aktuell ist nur ganz schwer vorherzusehen, wie sich die Situation entwickeln wird. Irgendwann wird aber wieder Ruhe hineinkommen. Wie die Lage dann aussieht, ist aber auch kaum abzuschätzen", sagt Ulrich Stache. Doch das wird nicht genug sein. Für Stache braucht es noch mehr Veränderungen. Ein Thema ist die Verlagerung von Gütern auf die Schiene. ,,Die einfache Forderung ist ein böses Foul. Unser Schienennetz ist dafür nicht ausgebaut", sagt der Wissenschaftler und fordert einen gezielten Ausbau der Bahnverbindungen. Gerade bei den langen Routen sieht Stache Potenzial für Züge: „Wieso muss ein Lkw von Dillenburg nach Barcelona. fahren?" Während auf der langen Strecke Züge Vorteile bringen, schwinden diese im Regionalverkehr schnell. Die durchschnittlichen Strecken von Lkw liegen bei rund 90 Kilometern. Hier wäre der Umschlag auf die Schiene und zurück zu aufwendig und die "letzte Meile" muss ohnehin individuell gestaltet werden. Hier müsse es zu einer besseren Verzahnung der Verkehrsträger kommen. Aus Sicht Ulrich Staches sind noch viele Hausaufgaben zu erledigen - auf mehreren Ebenen. Zum einen seien die Logistiker gefragt, ihre Routen zu optimieren und Kapazitäten auszubauen. Zum anderen müsse aber auch die Politik erheblich nachlegen. schn