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Gebürtiger Olper Gerd Schneider führt bei "Tatort: Der Welten Lohn" Regie
Inszenierungen - in der Kirche und beim Film

Gerd Schneider war schon auf dem Weg, Priester zu werden – und hat dann eine neue Richtung eingeschlagen. Er dreht Filme, findet Bilder für seine Geschichten. „Der Welten Lohn“ ist sein erster „Tatort“.
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  • Gerd Schneider war schon auf dem Weg, Priester zu werden – und hat dann eine neue Richtung eingeschlagen. Er dreht Filme, findet Bilder für seine Geschichten. „Der Welten Lohn“ ist sein erster „Tatort“.
  • Foto: Emanuel Kaser (un attimo Photographie)
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

zel Gerlingen/Stuttgart. Oliver Manlik will sein Leben zurück. Er saß wegen Korruption in den USA im Knast – ein Bauernopfer seiner Firma – und ist jetzt wieder in Stuttgart. Der Chef will ihn nicht entschädigen, die Frau nichts mehr von ihm wissen. Manlik will sich rächen. Barnaby Metschurat spielt diesen armen Kerl mit einer Intensität, die einem beim Zusehen drei eiserne Ringe ums Herz legt. Der SWR-„Tatort“ kommt nicht zur Unzeit, denn angespannt ist im Moment manch einer, randgenäht, das Nervenkostüm dünn, kurz vorm Austicken. Dabei geht es in „Der Welten Lohn“ nicht um Corona, sondern um den Satz „Wirtschaft ist Krieg“. Oliver Manlik, auf dem Schlachtfeld schwer verwundet, hat eine Mission.

zel Gerlingen/Stuttgart. Oliver Manlik will sein Leben zurück. Er saß wegen Korruption in den USA im Knast – ein Bauernopfer seiner Firma – und ist jetzt wieder in Stuttgart. Der Chef will ihn nicht entschädigen, die Frau nichts mehr von ihm wissen. Manlik will sich rächen. Barnaby Metschurat spielt diesen armen Kerl mit einer Intensität, die einem beim Zusehen drei eiserne Ringe ums Herz legt. Der SWR-„Tatort“ kommt nicht zur Unzeit, denn angespannt ist im Moment manch einer, randgenäht, das Nervenkostüm dünn, kurz vorm Austicken. Dabei geht es in „Der Welten Lohn“ nicht um Corona, sondern um den Satz „Wirtschaft ist Krieg“. Oliver Manlik, auf dem Schlachtfeld schwer verwundet, hat eine Mission. Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) geben zwischen den Fronten das Beste und versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Heiliger Sendeplatz: Sonntag, 20.15 Uhr

„Der Welten Lohn“ ist der erste Krimi, den Gerd Schneider für den heiligen Sendeplatz Sonntagabend, 20.15 Uhr, im Ersten inszeniert hat. Der Regisseur, 1974 in Olpe geboren und in Gerlingen aufgewachsen, lebt in Stuttgart und hat bereits vorher mit SWR-Redakteurin Brigitte Dithard zusammengearbeitet, die ihm „alle Freiheiten lässt“, wie er am Telefon sagt – zuletzt, Ende Juni, lief seine Sterbehilfe-Tragikomödie „Now or Never“ im Ersten.

Ganz auf Barnaby Metschurat konzentriert

Oliver Manlik (Barnaby Metschurat) will sein früheres Leben zurückbekommen. Er versucht, die Kommissare Lannert (Richy Müller, l.) und Bootz (Felix Klare) dafür zu instrumentalisieren – im „Tatort: Der Welten Lohn“, der an diesem Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten läuft.
  • Oliver Manlik (Barnaby Metschurat) will sein früheres Leben zurückbekommen. Er versucht, die Kommissare Lannert (Richy Müller, l.) und Bootz (Felix Klare) dafür zu instrumentalisieren – im „Tatort: Der Welten Lohn“, der an diesem Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten läuft.
  • Foto: SWR/Benoît Linder
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

Schneider arbeitet in seinem „Tatort“ mit Stilmitteln wie Nah und Fern („Das größere Ganze hängt vom Detail ab“), mit Auf- und Untersichten der Kamera, mit Schärfe und Unschärfe. „Das ist keine Neuerfindung des Rads“, meint er, sei aber eher selten im Fernsehen zu sehen. „Seine“ Kommissare Müller und Klare stehen in diesem Film – das Buch ist von Boris Dennulat – nicht im Vordergrund, was er den beiden Schauspielern im Gespräch über seine Sicht der Geschichte vermittelt hat. „Der Welten Lohn“ ist ganz auf Barnaby Metschurat konzentriert, dessen Figur „keine Entwicklung durchmacht, die brennt ab wie ’ne Zündschnur“.

Auf dem Weg zum Priesteramt gewesen

Eine Entwicklung – die hat Gerd Schneider selbst durchgemacht, und was für eine. Als junger Mann, mit dem Abi vom Städtischen Gymnasium in Olpe in der Tasche, fühlt er sich zum Priesteramt berufen, „es war eine Leidenschaft“, sagt er. Schneider studiert Theologie in Bonn, wohnt im Collegium Albertinum. In zwei Auslandssemestern in Wien hat er 1995/96 „ziemlich auf den Putz gehauen“, hat eine Freundin, „das wussten meine Vorgesetzten auch“. Zurück in Bonn, studiert er weiter und merkt, „dass sich das nicht mehr so richtig anfühlt“. War er anfangs noch über Zweifel hinweggegangen, ist er sich nach Hospitanzen in der Gefängnisseelsorge und bei einem Pfarrer sicher: „Das passt für mich nicht.“ Also: Studium beenden und dann … Ob der Wendung, die sein Lebensweg nehmen sollte, habe er nicht gepanikt. „Das war für mich wie ein innerer Vertrag: Wenn ich das jetzt aufhöre, dann mache ich ganz was anderes.“

Zuschauer sollen Illusion akzeptieren

Es gab keine Super-8-Kamera im Haushalt, mit der der kleine Gerd schon immer gern experimentiert hätte, also nichts, was man typischerweise in Filmemacher-Biografien liest. Schneider sagt, er habe während des Studiums „wahnsinnig viel Zeug geguckt“, in Programmkinos und dank einer gut ausgestatteten Videothek. Mit Inszenierung kennt er sich aus: „Die Kirche spielt dasselbe Stück seit 2000 Jahren“, sagt er, ihre dramaturgischen Rituale versteht er als „Vehikel oder Transportmittel in die Transzendenz“ – und ein Film sei nichts anderes als ein Gottesdienst. Geschichten so erzählen, dass die Zuschauer die Illusion akzeptieren – das also ist es. Nicht als Schauspieler (wiewohl die Priesterausbildung ihn da auch einiges gelehrt hat), sondern als Regisseur.

Regiepraktikant bei "Himmel und Erde"

Es ist Anfang der 2000er-Jahre noch die Zeit, in der man sich im Filmbereich hocharbeiten kann. Gerd Schneider arbeitet im Schauspiel Bonn, lässt nicht locker, wenn es um Hospitanzen und Assistenzen beim Film geht. Als „A*** vom Dienst“ hat er 16-Stunden-Tage und Spaß dabei, leidet nicht, sondern lernt viel über die technischen Abläufe, „wer hier was zu sagen hat“. Witzigerweise wird er Regiepraktikant für die ARD-Serie „Himmel und Erde“, in der es um einen jungen Pfarrer geht.

Doku über Al-Jazeera-Kameramann

Gerd Schneider verschuldet sich für seinen ersten Kurzfilm „Gabriel“ – und wird damit an der Filmakademie Baden-Württemberg angenommen. Hier lernt er alles, Schreiben, Kameraführung, Schnitt- und Computerprogramme, und vor allem: als Regisseur seine Idee zu vermitteln. Er legt ein Sabbatjahr ein, schafft beim Daimler, zeichnet Storyboards (u. a. für „Herr der Diebe“) – und dreht seinen Abschlussfilm, die Dokumentation „Am Rand der Hoffnung“, für die er einen Kameramann von Al-Jazeera in Palästina begleitet – spannend: „Ich wollte den Konflikt verstehen.“

Eigener Blick auf Missbrauchsskandal

Der Einstieg ins Filmgeschäft ist schwierig, aber machbar. 2nd-Unit-Regie beim Kinofilm „Der Rote Baron“, Werbung und Imagefilme fürs Internet folgen, dann der Debütfilm, in dem er sich mit dem sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche befasst – „nicht, um mich an der Kirche abzuarbeiten“, sondern um die Geschichte eines Unbeteiligten zu erzählen, der Missbrauch mitbekommt und nichts tut: „Das ist der eigentliche Skandal.“ Damals sei das ganze Ausmaß des Missbrauchs in der katholischen Kirche noch nicht absehbar gewesen, hätten die ersten Ermittlungen in Boston stattgefunden, erinnert sich Schneider.

"Verfehlung" wird international beachtet

Aus dem Stoff des Kurz-Spielfilms wird ein erster Langfilm: „Verfehlung“ (2014). Die Kinokoproduktion, für die Schneider auch das Drehbuch schreibt, über drei junge Priester, von denen einer straffällig wird und die anderen als Mitwisser untätig bleiben, wird sehr gut besprochen, erhält den Preis der Deutschen Filmkritik 2016 und wird von German Films im Ausland vermarktet. Gerd Schneider reist zu Filmfestivals nach Santa Barbara (Publikumspreis macht stolz!), nach Shanghai, São Paulo, Moskau und New York – „das habe ich sehr genossen“.

Als Nächstes "was Großes" fürs Kino

Die Finanzierung braucht immer viel Zeit, „durchschnittlich sieben Jahre, das ist nicht ungewöhnlich“, daher arbeitet Schneider an mehreren Projekten gleichzeitig. Über „was Größeres“, das ansteht – ein Kinofilm –, redet er noch nicht. Aber „die Verträge sind unterschrieben, der Dreh ist für 2021 geplant“.
Dass halb Deutschland am Sonntag auf dem Sofa sitzt und am anderen Morgen den „Tatort“ kritisiert, geht dem 46-Jährigen „ein bisschen auf den Senkel“, aber natürlich wünsche er sich „’ne richtig gute Quote“ für den Film, über den er im Rückblick sagt: „Es gibt nichts, wo ich mich drüber ärgern würde.“ Spannung zu erzeugen durch eine höchst angespannte Hauptfigur, Bilder zu finden für die Bedingungen, unter denen dieser Manlik agieren muss – das ist ihm gelungen. Wenn „Der Welten Lohn“ am Sonntagabend im Fernsehen läuft, kann sich der „Reverend“ (www.reverendschneider.com) also ganz entspannt zurücklehnen.

Gerd Schneider war schon auf dem Weg, Priester zu werden – und hat dann eine neue Richtung eingeschlagen. Er dreht Filme, findet Bilder für seine Geschichten. „Der Welten Lohn“ ist sein erster „Tatort“.
Oliver Manlik (Barnaby Metschurat) will sein früheres Leben zurückbekommen. Er versucht, die Kommissare Lannert (Richy Müller, l.) und Bootz (Felix Klare) dafür zu instrumentalisieren – im „Tatort: Der Welten Lohn“, der an diesem Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten läuft.
Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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