Alte Werkshalle mit Kunst geflutet
„Das war wie ein Trip, einfach Wahnsinn“

Im Februar wird eine Entscheidung im Vergabeverfahren um das ehemalige Gelände der Firma Apparatebau Rothemühle erwartet.
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  • Im Februar wird eine Entscheidung im Vergabeverfahren um das ehemalige Gelände der Firma Apparatebau Rothemühle erwartet.
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yve Rothemühle/Wenden. Zögerlich schreitet Kasia Niznik über den Betonboden, den der Stillstand mit Staub überzogen hat. Sie blickt sich um, schaut auf massive Rohre und Leitungen am teils sichtbaren Mauerwerk. Efeu hat sich seinen Weg durch ein Fenster gebahnt. Marcus Diez hockt auf dem Boden, seine Hände trommeln, lassen Schmutzpartikel aufwirbeln. Er steht auf, bespielt wie in Trance Zeitzeugen der Industriegeschichte. Tief mischt sich der Bass von Matthias Kunst ("Motte")  ins Szenario. Michael Hunold greift zur E-Gitarre, "Motte" wechselt  zum Keyboard   – die Klangfülle nimmt Fahrt auf.

Den Auftakt in der Halle nutzt der Club für die interne musikalische Erarbeitung der Räume.
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Gewaltige Emotionen auf dem ehemaligen Firmengelände

Auf leisen Füßen wandelt derweil Justyna Niznik im Hintergrund. Sie lässt den Bogen sanft über die Saiten ihrer Geige gleitet. Ihr Spiel wird schneller, plötzlich ist sie mitten im Geschehen. Ihre Nichte Kasia aus Köln ist nun gefangen in einer Hülle aus Inspiration und Improvisation. Sie erfindet sich neu, drückt gewaltige Emotionen im Tanz aus, ihr sonnengelbes Shirt ist fast schwarz. Der Olper Fotograf Frank Wipperfürth („Wipp“) verfolgt mit seiner Canon jeden Augenblick in Halle 4 auf dem Gelände der ehemaligen Firma Apparatebau Rothemühle, das im Besitz der Gemeinde Wenden ist.

Tänzerin Kasia aus Köln erfindet sich in Halle 4 neu.
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„Es war einfach abgefahren“
Zwei Tage ist der „Club 574“ im Besitz des Schlüssels zur Werkshalle, der eine Belebung der Region mit Konzerten und Projekten forciert. Ursula Eichert und Michael Hunold gehören zum festen Stamm. Im Büro von Nicole Williams im Rathaus in Wenden trifft sich die SZ mit den beiden zum Gespräch. Sie sind immer noch Feuer und Flamme. „Es war einfach abgefahren“, pflichtet ihnen Nicole Williams bei. In Absprache mit Bürgermeister Bernd Clemens hat sie dem „Club 574“ diese einzigartige Erfahrung beschert. Im Frühjahr ist es der Verein „Der virtuelle Hut“ aus Siegen, der in der Industriebrache Corona-konform kostenlos vier Musik-Acts via Livestream direkt in die heimischen Wohnzimmer schickt. Darauf wird Club-Mitglied Jochen Langemann aufmerksam. Es folgen Abstimmung mit Nicole Williams, dann steht der Termin mit dem „Club 574“.

Eine einzigartige Klangatmosphäre herrscht in den Hallen des ehemaligen Firmengebäudes.
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Künstlerische Annäherung an die Atmosphäre

„Die Werkshalle schreit nach Performance“, so Ursula Eichert. „Unsere Idee war, sich der Atmosphäre künstlerisch zu nähern, sich den Raum zu erarbeiten.“ Es sei ein Prozess gewesen, erklärt Michael Hunold. Schon das Aufschließen des Hallentors habe dazugehört. „Der Plan war, dass es keinen gibt.“
Den Auftakt in der Halle nutzt der Club für die interne musikalische Erarbeitung der Räume. „Wir haben uns dabei neu entdeckt“, schaut Hunold zu Ursula Eichert, die von einem Geschenk in Corona-Zeiten spricht. An Tag zwei paaren sich Performances heimischer und überregionaler Künstler. Unter ihnen Selina Willmes von der Olper Ballettschule Pitzinna-Lupberger. Sie möchte Profitänzerin werden, hat gerade ihr Abitur gemacht. „Sie kam in einem schwarzen Kleid“, erinnert sich Hunold, „und ist mit der Umgebung verschmolzen“. Das Ergebnis jahrelangen Trainings habe sich am rostigen Rohr anstatt der Barre gezeigt. Dicht an Sprüngen wie Sauter und Sissonne dabei Dennis Grebe aus Wenden mit seiner Kamera.

Efeu hat sich seinen Weg durch ein Fenster gebahnt.
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Einzigartige Akkustik in den Werkshallen

Man nehme in der eigentlich nackten Werkshalle alles wahr, jede noch so kleine Schraube – „die totale Inspiration“, ist Michael Hunold in Gedanken wieder in Rothemühle. Alle Akteure zehrten vom Geschehen. „Das war wie ein Trip, einfach Wahnsinn“, findet Frank Wipperfürth. Die laut Hunold bombastische Akustik habe Justyna Niznik zu klassischen Kompositionen angetrieben, etwa einem 20-minütigen Stück von Bach. Christian Noack zu einem Gitarren-Solo. Ursula Eichert spürt in der Halle die Vergangenheit, sammelt Steine, legt sie sonnenförmig um einen rostigen Schacht. „Mein Vater hat bei Apparatebau Rothemühle seine Ausbildung gemacht. An dem Gelände hängt viel Herzblut.“ Viele hätten Beziehungen zu den Werkshallen. „Fast alle in der Gemeinde Wenden“, ergänzt Nicole Williams. Und schon hat Hunold eine Ausstellung vor Augen, in der die Geschichte von Menschen aufgearbeitet wird, „die hier gearbeitet haben“. Das dürfe nicht ignoriert werden. Vielleicht, so Ursula Eichert, „in Verbindung mit unserem Foto- und Filmmaterial“.

„Unsere Idee war, sich der Atmosphäre künstlerisch zu nähern, sich den Raum zu erarbeiten.“
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Zukunft des Geländes noch ungewiss

Bekanntlich ist die Zukunft des Geländes in Rothemühle ungewiss, im Februar wird eine Entscheidung im Vergabeverfahren an einen Investor erwartet. „Die Werkshallen sind Teil der Region wie anderen bedeutende Leerstände auch“, betont Ursula Eichert. Mit Konzerten, Tanz und Lesungen in den Objekten könne Historie doch ein stückweit wieder ins Hier und Jetzt gebracht werden. Es bleibt also spannend beim „Club 574“, dessen Transformation auch ein Kind der Krise ist.

Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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