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Nach 30 Jahren werden Reihengräber an einem bestimmten Termin eingeebnet
Ein Bodengutachten legt die Ruhezeit fest

Mit dem Bagger werden Grabstein und Grabumrandung entfernt. Anschließend wird der Bereich umgegraben, mit Mutterboden vermischt und eingesät, sodass eine Rasenfläche entsteht. Zehn Jahre lang kehrt dann Ruhe ein.
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  • Mit dem Bagger werden Grabstein und Grabumrandung entfernt. Anschließend wird der Bereich umgegraben, mit Mutterboden vermischt und eingesät, sodass eine Rasenfläche entsteht. Zehn Jahre lang kehrt dann Ruhe ein.
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soph ■ Als auf dem Friedhof in Schönau Mitte der 1990er-Jahre einige Gräber eingeebnet werden sollten, stieß der Baggerfahrer beim Umgraben recht schnell auf etwas gänzlich Unerwartetes: einen beinahe intakten Sarg. Die Verwunderung war groß, hatte man doch die reguläre und ansonsten vollkommen ausreichende Ruhezeit von 30 Jahren abgewartet, bis die Einebnung stattfinden sollte. Doch offensichtlich war der Sarg in den 1960er-Jahren in einem verfüllten Hohlweg vergraben worden – und dort fand der Zersetzungsprozess wohl nicht so schnell wie erwartet statt. Um nicht öfter eine solche Erfahrung machen zu müssen, wurde der Friedhof in Schönau bekanntermaßen auf der anderen Straßenseite erweitert. Die Gräber unterhalb der Leichenhalle werden demnach eine ungewöhnlich lange Lebensdauer haben.

soph  Als auf dem Friedhof in Schönau Mitte der 1990er-Jahre einige Gräber eingeebnet werden sollten, stieß der Baggerfahrer beim Umgraben recht schnell auf etwas gänzlich Unerwartetes: einen beinahe intakten Sarg. Die Verwunderung war groß, hatte man doch die reguläre und ansonsten vollkommen ausreichende Ruhezeit von 30 Jahren abgewartet, bis die Einebnung stattfinden sollte. Doch offensichtlich war der Sarg in den 1960er-Jahren in einem verfüllten Hohlweg vergraben worden – und dort fand der Zersetzungsprozess wohl nicht so schnell wie erwartet statt. Um nicht öfter eine solche Erfahrung machen zu müssen, wurde der Friedhof in Schönau bekanntermaßen auf der anderen Straßenseite erweitert. Die Gräber unterhalb der Leichenhalle werden demnach eine ungewöhnlich lange Lebensdauer haben.

Verwesungszeit ist ausschlaggebend

Denn die Ruhezeit für Reihengräber ist in der Gemeinde Wenden auf 30 Jahre beschränkt, so hat es die Bezirksregierung in Arnsberg festgelegt, erläuterte Günter Stracke, Friedhofsbevollmächtigter der St.-Severinus-Kirchengemeinde Wenden. „In einem Bodengutachten wird festgestellt, wie lang die Verwesungszeit ist. Nach dieser richtet sich die Ruhezeit.“ Nun muss man kein Mathematiker sein, um auf den ersten Blick festzustellen, dass eine bestimmte Gräberreihe auf dem Friedhof in Wenden seit mittlerweile 30 Jahren die letzte Ruhestätte für Verstorbene aus dem Wendschen war: Im Jahr 1989 wurden an dieser Stelle der Reihe nach Gräber ausgehoben und bei Bestattungen Särge hinuntergelassen. Nach dem Ablauf der 30 Jahre wurden die Gräber nun eingeebnet. Die Einebnung findet an einem bestimmten Termin statt, auch wenn die ersten Gräber dann vielleicht schon ein dreiviertel Jahr länger als 30 Jahre dort bestehen. „Der Friedhof soll bis zum Schluss ansehnlich aussehen“, erläuterte Günter Stracke. „Es könnte ja sein, dass eine Familie das Grab ihres Angehörigen bereits im Frühjahr entfernen, die Hinterbliebenen das Grab daneben aber bis zum letzten Tag der Ruhezeit pflegen wollen. Die sollen dann keine Baustelle vorfinden.“

Mit schwerem Gerät

Das Einebnen der Gräber und das Einsäen der Freifläche übernahmen Martin Lakwa und ein Kollege. Der 28-Jährige ist Steinmetz und -bildhauer bei Brüser Naturstein, das Unternehmen aus Olpe wird von der St.-Severinus-Kirchengemeinde mit den Arbeiten beauftragt. Die Mitarbeiter kommen mit schwerem Gerät: Mit einer Hacke entfernt Martin Lakwa zunächst die Buchstaben, Kreuze oder Marienfiguren von den Grabsteinen. An einem Stein wurde ein Teil des Grabsteinschmuckes bereits entfernt, nur noch der Umriss ist auf der Granitoberfläche zu erkennen. Neigt sich die Ruhezeit der Reihengräber dem Ende entgegen, schreibt Günter Stracke die Angehörigen an und bittet sie darum, Pflanzen und Grabschmuck zu entfernen, wenn sie dies behalten wollen. Auch ein Schild auf der Rasenfläche hinter der Grabreihe weist auf die bevorstehende Einebnung hin. Ein Grab war das des Vaters von Helge J. (Name von der Red. geändert). Was mit einer Grabeinebnung auf ihn zukommen würde, darüber hat er sich erst im Laufe des Sommers Gedanken gemacht. „Irgendwann hatte ich Herrn Stracke am Apparat, und der hat mir dann alles erklärt“, so Helge J. Er war noch sehr jung, als sein Vater verstarb. Zum Grab selbst habe er nie eine richtige Beziehung gehabt, besonders der Mutter zuliebe habe er sich in den vergangenen Jahren darum gekümmert und dafür gesorgt, dass es ordentlich aussieht, vor allem vor Allerheiligen, Ostern oder Weihnachten. Für sich selbst habe er die Grabstätte nie als Erinnerung gebraucht, letztlich sei die Einebnung nun eine Erleichterung. Und trotzdem habe es sich kurz komisch angefühlt. „Ich wollte eigentlich nochmal gucken, konnte aber am Tag der Einebnung nicht und war dann erst da, als das Grab schon weg war. Das war schon ein seltsames Gefühl.“ Seine Frau habe als Erinnerung noch ein Foto gemacht.

Kindergräber dürfen länger bleiben

Andere Angehörige haben hingegen eine ganz enge Beziehung zum Grab, wie Günter Stracke aus seiner langjährigen Erfahrung zu berichten weiß. Gerade bei verstorbenen Kindern wird die letzte Ruhestätte zum Ort, an dem noch viele Jahre nach dem Verlust Trauerarbeit geleistet wird. Kinder, die vor ihrem fünften Geburtstag sterben, kommen in Gräber, deren Ruhezeit auf 25 Jahre festgelegt ist. „Bei uns ist es aber ein ungeschriebenes Gesetz, dass Gräber, so lange sie gepflegt werden, nicht eingeebnet werden“, so Stracke. Kinder, die älter als fünf Jahre alt waren, werden in regulären Reihengräbern bestattet. Bei einem Grab auf dem Wendener Friedhof stand vor ein paar Jahren die Einebnung an. Da es sich allerdings um ein Grab ganz außen, an einem Weg gelegen handelte, fragte Günter Stracke telefonisch bei der Mutter nach. „Ich habe ihr angeboten, dass wir das Grab noch nicht einebnen, aber sie wollte das nicht. Irgendwann müsse man auch mal loslassen, hat sie mir gesagt und die Einebnung war für sie wohl ein wichtiger Schritt dafür.“ Aber noch heute sieht man auf der Wiese an der Stelle, wo das Grab war, öfter mal eine Kerze oder Blume. Auch auf der Fläche hinter der Grabreihe aus dem Jahr 1989 waren ebenfalls schon einmal Gräber zu finden, wie Günter Stracke erklärt. Sind Grabstein und Grabumrandung erst einmal mit dem Bagger entfernt, wird der Bereich umgegraben, bekommt etwas Mutterboden dazu, anschließend wird Wiese gesät. Dann kehrt für rund zehn Jahre wieder Ruhe ein, bis die Reihe erneut für Grabstellen genutzt wird.

Der Unterschied zwischen Reihengräbern und Wahlgräbern:
Günter Stracke ist für die Friedhöfe in Wenden, Altenhof, Elben und Schönau zuständig. Bei diesen Friedhöfen handelt es sich um Monopolfriedhöfe, auf denen keine Bestattung abgelehnt werden darf. Neben Reihengräbern, die eine Ruhezeit von 30 Jahren haben und deren Verlängerung im Regelfall nicht möglich ist, gibt es auch sogenannte Wahlgräber. Deren Lage wird möglichst auf Wunsch der Hinterbliebenen ausgesucht und bieten mit einer Größe von 120 mal 250 Zentimetern mehr Platz als die Reihengräber mit 90 mal 210 Zentimetern. Daher werden diese Grabflächen oft als Familiengräber verwendet und im Volksmund auch als „Familiengruften“ bezeichnet, obwohl es sich hierbei keinesfalls um gemauerte Räume handelt. „Diese Flächen können beliebig oft verlängert werden“, erläuterte Günter Stracke.

Autor:

Katja Fünfsinn (Redakteurin) aus Siegen

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