Anlieger äußern sich zu Planungen für das Apparatebau-Gelände
"Nicht nur mit dem Bauch entscheiden"

Die Bigge fließt zunächst naturnah mäandrierend durch das Gelände, verschwindet aber in großen Teilbereichen in Verrohrungen. Eine Öffnung des für die Region so wichtigen Flüsschens war Teil des ersten Vorschlags, den der Flächenpool NRW für das Areal vorgelegt hat...
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  • Die Bigge fließt zunächst naturnah mäandrierend durch das Gelände, verschwindet aber in großen Teilbereichen in Verrohrungen. Eine Öffnung des für die Region so wichtigen Flüsschens war Teil des ersten Vorschlags, den der Flächenpool NRW für das Areal vorgelegt hat...
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win Rothemühle. Wer in Rothemühle aufgewachsen ist, der kennt das riesige Gelände zwischen der ehemaligen Bahnstrecke Olpe-Freudenberg und der Wildenburger Straße wie seine Westentasche. Hier, wo früher der Apparatebau Rothemühle mit Hunderten von Mitarbeitern Anlagen für die Kraftwerke der Welt entwickelte und baute, die zum Teil mit ganzen Reihen von Eisenbahnwaggons zum Empfänger auf den Weg gebracht wurden, war auch der nicht ungefährliche Abenteuerspielplatz der Dorfkinder. Und die Anlieger erlebten auch den langsamen Abschied der Firma, die analog zum Niedergang der Verbrennungskraftwerke in Deutschland schrumpfte.

1911 entstand hier die Bergfeldtsche Röhrenfabrik, die überwiegend Ofenrohre produzierte. Doch Mitte der 1920er-Jahre erfolgte die Liquidation. 1936 erwarben Dr. Herbert Brandt und Dr. Arthur Kritzler das Gelände samt der aufstehenden leeren Gebäude und gründeten die Firma „Apparatebau Brandt & Co.“. Die Entwicklung und Herstellung von Wärmetauschern und Luftrauchgaskanälen florierte, das Unternehmen wuchs jahrzehntelang. Immer weitere Flächen auf dem insgesamt 11 Hektar großen Gelände wurden bebaut bzw. als Lager benötigt. Umfangreiche Gleisanlagen entstanden, durch den Anschluss an die Bahnstrecke Olpe-Freudenberg war ein Versand der Produkte per Eisenbahn möglich. 1999 übernahm die belgische Hamon-Gruppe den Betrieb „Rothemühle“, wie der weltweit heute noch bekannte Markenname lautet. Vier Jahre später erfolgte der Verkauf an Balcke-Dürr aus Ratingen, das 2015 von der Aktiengesellschaft „Mutares“ übernommen wurde.

Nachfolgeunternehmen wechselte noch einmal Besitzer

Und so gingen 2017 an dem traditionsreichen Standort in Rothemühle die Lichter aus. Das Nachfolgeunternehmen ist im Olper Gewerbegebiet Biebickerhagen angesiedelt und wechselte kürzlich noch einmal den Besitzer. Das Areal in Rothemühle indes gehört seit 2018 der Gemeinde Wenden. Diese holte den landeseigenen Flächenpool NRW ins Boot, der umfassende Pläne als Vorschlag für eine künftige Nutzung entwickelte: einen Mix aus Wohnen, Gastronomie, Tourismus und Gewerbe. Pläne, die die Anlieger des Geländes überwiegend mit großer Freude erblickten. Die Gemeinde hat Teile des Geländes vermietet, allerdings immer nur mit kurzfristigen Verträgen, um die Entwicklung des Areals nicht zu blockieren.

...nur die schmale Wildenburger Straße trennt das Areal der Bigge (oben) von der Wohnbebauung. Dass die Anlieger die Entwicklung sorgfältig im Auge halten, ist selbsterklärend.
  • ...nur die schmale Wildenburger Straße trennt das Areal der Bigge (oben) von der Wohnbebauung. Dass die Anlieger die Entwicklung sorgfältig im Auge halten, ist selbsterklärend.
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Nicht erst seit zwei mögliche Investoren aus der Gemeinde ihre eigenen Pläne vorstellten, um den „Gewerbepark Rothemühle“ zu entwickeln, haben sich die Anlieger des Geländes Gedanken gemacht. Schließlich birgt eine derart riesige Industriebrache Chancen wie Risiken. Kunibert Solbach ist einer dieser Anlieger, sein Haus steht direkt an der Wildenburger Straße, nur die schmale Fahrbahn trennt sein Grundstück vom einstigen Apparatebau. Er erklärt, dass die derzeitige Interimsnutzung durch eine Spedition vielen seiner Nachbarn Sorgen bereite, denn auf lange Sicht sei das Grundstück viel zu wertvoll, um großflächig nur für Lkw dazusein – verbunden mit den Belastungen für den Ort durch den starken Verkehr, für den die Anbindung nie geplant worden sei.

Herzensanliegen der Anwohner

Selbstverständlich, so Solbach, sähen die Anlieger am liebsten, wenn ein Großteil der Fläche einer naturnahen Nutzung zugeführt wurde, unter anderem durch die Fortführung des von Wildenburg kommenden touristischen Bahntrassen-Radwegs. Auch die Öffnung der Bigge, die das Gelände überwiegend verrohrt durchquert, wäre ein Herzensanliegen der Anwohner – so wie es im ersten Konzept des Flächenpools vorgesehen war. „Wir würden uns auch nicht dagegen stemmen, wenn hier eine Firma kommt und 500 Arbeitsplätze schafft“, so Solbach. Doch ein jahrelanges „Dahintröpfeln“ einer Entwicklung in Verbindung mit Interimsnutzungen, die sich schleichend zu Dauerlösungen zementieren, wollen die Anlieger verhindert wissen. Am besten, so ihre Überzeugung, wäre dies zu gewährleisten, wenn die Gemeinde Eigentümerin des Großteils der Flächen bleibe und via Verpachtung die Nutzung regeln könnte. Ein Komplettverkauf, befürchtet Solbach, könnte Hintertüren öffnen, die ungewollte Folgen haben.

Kunibert Solbach vor der Industriebrache des einstigen Apparatebaus Rothemühle: Wie er, sorgen sich zahlreiche weitere Anlieger um die Zukunft der Flächen. Solbach hofft, dass die Gemeinde das Heft des Handelns selbst in der Hand behält.
  • Kunibert Solbach vor der Industriebrache des einstigen Apparatebaus Rothemühle: Wie er, sorgen sich zahlreiche weitere Anlieger um die Zukunft der Flächen. Solbach hofft, dass die Gemeinde das Heft des Handelns selbst in der Hand behält.
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Daher betrachten die Anlieger der Wildenburger Straße das nun begonnene Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (ISEK) mit großem Interesse und werden die Planungen begleiten. „Wir hoffen, dass im Gemeinderat am Ende eine Entscheidung fällt, bei der die Mehrheit nicht nur mit dem Bauch, sondern vor allem auch mit dem Kopf entscheidet“, so Kunibert Solbach.

Autor:

Jörg Winkel (Redakteur) aus Stadt Olpe

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