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Verein vermittelt Legehennen in artgerechte Haltung
Sonne und Wiese anstatt Gitter und Beton

Manchmal zieht Robert Becker im Geschäft sein Handy hervor und zeigt Kunden die Verhältnisse, in denen Legehennen teilweise leben.
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  • Foto: privat
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

yve Wenden. Manchmal kann Robert Becker nicht anders. „Wenn ich sehe, dass Kunden im Einkaufsmarkt eine Schachtel Eier in den Wagen legen, spreche ich sie an. Ich hole mein Handy hervor und zeige ihnen Fotos von Legehennen aus der Intensivtierhaltung.“ Der Schock sitze dann meist tief. „Viele können nicht fassen, was sie da sehen. Sie wissen einfach nicht, in welch lebensverachtendem System die Tiere gehalten werden.“ Der 52-Jährige aus Odenspiel in Reichshof setzt sich seit Jahren für artgerechte Hühnerhaltung ein. Robert Becker gehört zum Vorstand des Vereins Hühnerrettung NRW.
„Jährlich werden alleine in Deutschland etwa 50 Millionen Legehennen in einem unnatürlichen und gänzlich durchorganisierten System gehalten und geschlachtet.

yve Wenden. Manchmal kann Robert Becker nicht anders. „Wenn ich sehe, dass Kunden im Einkaufsmarkt eine Schachtel Eier in den Wagen legen, spreche ich sie an. Ich hole mein Handy hervor und zeige ihnen Fotos von Legehennen aus der Intensivtierhaltung.“ Der Schock sitze dann meist tief. „Viele können nicht fassen, was sie da sehen. Sie wissen einfach nicht, in welch lebensverachtendem System die Tiere gehalten werden.“ Der 52-Jährige aus Odenspiel in Reichshof setzt sich seit Jahren für artgerechte Hühnerhaltung ein. Robert Becker gehört zum Vorstand des Vereins Hühnerrettung NRW.
„Jährlich werden alleine in Deutschland etwa 50 Millionen Legehennen in einem unnatürlichen und gänzlich durchorganisierten System gehalten und geschlachtet.“ Der Verein versucht, so viele Hennen wie möglich aus Großbetrieben zu retten, um sie dann zu vermitteln. „Wir möchten auch ein Zeichen setzen, appellieren, Massentierhaltung nicht zu unterstützen.“
Susen Grün wird durch eine Reportage auf den Verein aufmerksam. Sie nimmt Kontakt auf, wenig später hat sie neue Mitbewohner. Mit nur noch wenigen Federn – kotverdreckt und deformiert. Kämme und Kehllappen blass, die Gesichter grau. „Die Hennen waren in einem jämmerlichen Zustand, heute sind sie wunderschön.“

Entwicklung gut sichtbar

Die SZ möchte mehr über die Hühnerrettung erfahren und trifft sich mit Susen Grün und Robert Becker in Wenden. Im Garten der 39-Jährigen steht ein hellblaues Häuschen – umgeben von eingezäunter Wiese. Susen Grün hält eine Schale mit getrockneten Mehlwürmern in der Hand. Sie raschelt – Berta, Dicke Tilda und Co. machen sich sofort auf den Weg. Nichts mehr erinnert an die ausgemergelten Geschöpfe, die sie einmal waren. Eifrig picken sie die Würmer aus dem Gras, das Federkleid ist dicht und glänzend. Die Wendenerin erinnert sich an die ersten Tage mit den Hennen. „Es war so berührend, mitzuerleben, wie sie sich entwickeln. Als sie zum ersten Mal Sonne fühlten, Regen und Wind.“ Beim Sonnenbaden legten sie sich auf die Seite und spreizten Flügel und Beine aus. „Manchmal hole ich mir einen Stuhl nach draußen und schaue ihnen zu. Dann weiß ich, dass ich immer wieder Hühner adoptieren würde.“

7 bis 11 Cent pro Kilo Huhn

Susen Grün und Robert Becker erzählen der SZ von den Rettungsaktionen. „Wir steigen nicht nachts unerlaubt in Ställe ein“, so der 52-Jährige. „Wir kooperieren mit den Betrieben.“ In der Regel bleiben die Hennen nur zwölf bis 18 Monate dort. „Dann werden sie ausgestallt. Ein Lastwagen fährt vor, lädt sie ein – Endstation Schlachthof. Die toten Tiere werden weiterverarbeitet. Zu Tierfutter, Brühwürfeln oder ganz billiger Hühnersuppe.“ 7 bis 11 Cent pro Kilo Huhn  erhalte der Geflügellandwirt pro Huhn.
Im Internet recherchiert Becker nach Großställen und nimmt Kontakt auf. Mittlerweile haben sich einige Betriebe bereiterklärt, ihre „ausrangierten“ Hennen dem Verein zu überlassen, anstatt sie zu Schlachtereien nach Polen oder Holland bringen zu lassen. „Wir übernehmen einen kompletten Bestand einer Anlage oder einen Teil.“ Die großen Betriebe, in denen oft 200.000 Hennen in Gruppen mit zu 6000 Tieren zusammenlebten, finde man nicht. Die seien eher versteckt. „Doch die gibt es – auch im idyllischen Sauerland.“

Wenig Platz für Hennen

„Die reinste Hühnerhölle“, so Susen Grün. Bodenhaltung sei die häufigste Haltungsform. Das Platzangebot für eine Henne beträgt dabei lediglich 33 mal 33 Zentimeter. Nur ein Drittel der Bodenfläche werde mit Einstreu ausgelegt. „Die meisten Hennen stehen auf Plastikgittern oder blankem Beton.“ Die Massentierhaltung habe schwerwiegende Folgen, Knochenbrüche, abgerissene Zehen und schmerzhafte Entzündungen.
Becker: „Hühner können bis zu 100 Gesichter unterscheiden.“ Das sichere ihnen soziales Miteinander und Rangordnung. Zusammengepfercht auf engstem Raum funktioniere diese Ordnung nicht. Die Hennen rissen sich gegenseitig Federn aus, teils bis zum Kannibalismus. Die von Menschen gemachte Zuchtoptimierung verursache vielfach Legedarmentzündungen, nicht behandelt führten sie zu Siechtum und Tod. „In der Masse werden die kranken Hühner oft nicht erkannt.“ Tierärztliche Hilfe sei unrentabel. „Die Tiere werden aussortiert und getötet.“

XXL-Eier nicht natürlich

Der Organismus eines Huhns sei für die abnorme Legeleistung und die viel zu großen Eier nicht geschaffen. Die Kloakenmuskulatur erschlaffe, stülpe sich nach außen, werde gereizt und entzünde sich. An XXL-Eiern klebe Blut. „Das ist vergleichbar mit der Geburt eines 90 Zentimeter großen Babys“, äußert Susen Grün ihr Unverständnis. Spätestens mit 18 Monaten sei die körperliche Erschöpfung enorm, die Eierproduktion lasse nach. „Fängerkolonnen fangen die Tier ein und verladen sie.“ Die Vorgehensweise sei sehr brutal. „Wir aber machen das so behutsam wie eben möglich.“ Fallen Hennen auf, die krank sind, werden sie von Robert Becker und seinem Team erstversorgt, behandelt und übergangsweise in speziellen Pflegeplätzen untergebracht. An verabredeten Übergabeposten sehen die neuen Halter die Tiere zum ersten Mal, das Elend und die Ausbeutung. „Das ist nicht einfach, viele brechen in Tränen aus.“ Angekommen in artgerechter Haltung, müssten sich die Hennen erstmal an die neuen Einflüsse gewöhnen. „Sie kennen kein Tageslicht, kein Gras unter den Krallen“, berichtet die 39-jährige Wendenerin. Zunächst zaghaft gingen sie auf Entdeckungsreise, fühlten Sonne, Wiese, Erde und Sand anstatt Beton und Gitter. „Das Federkleid ist meist nach drei Monaten nachgewachsen.“

Die Augen der Hühner leuchten

In den Augen ihrer Hühner könne sie den Veränderungsprozess sehen. „Sie leuchten, vorher war da nichts, nur Leere.“ Und noch täglich schenkten sie ihr Eier für den Verzehr mit gutem Gewissen. Die ehrenamtlichen Hühnerretter holen Tiere auch aus Freiland- und Biobetrieben. Bei Freilandhaltung gebe es keine gesetzliche Vorgaben zur Dauer des Auslaufs. „Das liegt ganz im Ermessen des Halters.“ Die Biohaltung unterscheide sich lediglich darin, dass die Gruppengröße bis zu 3000 statt 6000 betrage.
„Ich kann jedem nur empfehlen, dort Eier zu kaufen, wo ich sehen kann, wie die Hennen leben.“ Wer über die Hühnerhaltung im eigenen Garten nachdenkt, kann sich an den Verein wenden. Auf der Internetseite www.huehnerrettung.de werden Ausstallungen angekündigt. „Wir unterstützen die Abnehmer, keiner braucht sich sorgen, etwas falsch zu machen.“ Was einzig zähle, sie die Zeit, die dem Huhn geschenkt werde. „Jeder einzelne Tag zählt und ist eine Chance für die Vergessenen, die Alternative ist nur der Brühwürfel.“ Das Happy End sei der Lohn für die Hühnerrettung NRW – „auch wenn es manchmal nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist“.

Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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