Zu Besuch bei Michael Richard und Bernd Eichert
Vollzeit vs. Nebenerwerb und Konventionell vs. Öko

Ob in Petmecke (l.) oder in Bebbingen: Das Heu schmeckt an der frischen Luft und mit Sonne auf dem Fell am besten. Rechts sieht man den Zuchtbullen – gut zu erkennen am Nasenring.  Fotos: soph
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  • Ob in Petmecke (l.) oder in Bebbingen: Das Heu schmeckt an der frischen Luft und mit Sonne auf dem Fell am besten. Rechts sieht man den Zuchtbullen – gut zu erkennen am Nasenring. Fotos: soph
  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

soph  „Tele“, „Karamba“ und „Sunshine“ kennen ihre täglichen Wege ganz genau. Der Gang von der Weide in Richtung Stall und auch die Tür, die zur Melkmaschine führt, sind ihnen sehr vertraut, das merkt man deutlich. Aber jede reagiert auf die Maschine anders, wie mir Michael Richard erklärt. Ich besuche den Landwirt in Petmecke, um mir mal anzusehen, wie es auf einem Bauernhof mit Milchkühen so abläuft. Und, um selbst mit anzupacken.

Bei 50 Kühen, die täglich zweimal gemolken werden, wird schon lange nicht mehr mit der Hand gearbeitet. Im Melk-raum läuft beinahe alles automatisch, nur die Saugnäpfe der Maschine muss man noch selbst an die Euter hängen. Und dabei helfe ich jetzt. Die ersten Runden laufen holprig, doch irgendwann habe ich den Dreh raus, traue mich mehr und merke schon früh, wenn ein Vieh mal nicht so will und wie ich dem Bein am besten ausweiche. Ständig beobachtet werde ich von Hofhündin „Fine“, die direkt neben der Melkmaschine liegt. Sie wartet auf ihren Anteil der Milch.

Michael Richard kann alle Tiere auf einen Blick auseinander halten, als „Karamba“ im Melkstand ankommt und ich sie schon „anstöpseln“ will, hält er mich davon ab. Er zeigt auf die blaue Markierung an ihrem Fuß. „Die nicht, die hat gekalbt.“ Die Milch dieser Kuh ist für den menschlichen Verzehr nicht geeignet, wohl aber für ihr Kalb, das im Stall nebenan in einer Box hockt. In der Nacht zuvor hat es das Licht der Welt erblickt. Im besten Fall verläuft eine solche Geburt ohne Hilfe, erklärt Michael Richard. Er geht aber dennoch in den Stall, wenn sich eine Geburt ankündigt, auch nachts um 4 Uhr.

Sein Kollege Bernd Eichert bekommt die Geburt auf seinem Biobauernhof in Bebbingen nicht immer mit, seine Mutterkühe sind auch ein wenig selbstständiger, was die Fortpflanzung betrifft. Denn während der Bulle auf Michael Richards Hof – „Kevin“ ist sein Name – nur als Reittier für die Ferienkinder genutzt wird, hat der Bulle bei Biobauer Bernd tatsächlich seinen ursprünglichen Job zu erledigen: Die Kühe in Petmecke werden künstlich besamt, in Bebbingen kümmert sich der Bulle selbst darum. „Wenn die Kühe ,össich’ werden, regeln die das alles untereinander, das können die besser als alles andere“, erklärt mir Bernd Eichert bei meinem Besuch auf seinem Bio-Hof. Michael Richard setzt auf technische Hilfe, um den richtigen Moment für die Besamung abzupassen: Die Tiere haben einen Chip am Halsband, der die Aktivitätskurve anzeigt – und die ist ein sicheres Zeichen dafür, wann die Tiere brünstig sind.

Sind die Kälber auf der Welt, geht es auf beiden Höfen unterschiedlich weiter: In Petmecke heißt es für die männlichen Kälber nach zwei Wochen Abschied nehmen vom Hof, dann geht es in die Mast. Die Mädchen bekommen einen Namen, bleiben auf dem Hof und werden mit zwei Jahren und dem ersten Nachwuchs im besten Fall zu Milchkühen, die viele weitere Kälber bekommen. „Wir wollen am liebsten alte Kühe haben, die sind wirtschaftlich am interessantesten und machen auch am meisten Spaß“, so Michael Richard. Auf seinem Hof ist „Tele“ die älteste, sie hat kürzlich Zwillinge bekommen, war dadurch ziemlich ausgezehrt, hat sich aber wieder gefangen. „Da freut man sich einfach.“ „Karamba“ ist fertig gemolken, ihre Milch in einen separaten Behälter geflossen. Eigentlich sollte das Kalb ab heute alleine trinken, aber ich darf es noch einmal mit der Flasche füttern. Dabei wird mir schnell klar, dass so ein kleines, süßes Kälbchen schon eine ganz schöne Kraft hat. Nachdem es mal besser, mal schlechter geklappt hat mit der Flasche, füllen wir die Milch doch lieber in den Behälter, der an der Boxtür aufgehangen wird. Ich soll mich jetzt darum kümmern, dass das Kalb immer wieder das falsche Euter daran findet. Klappt auch so lala und so ist das Kleine erst fertig mit der Mahlzeit, als Marlene, die auf dem Hof aushilft, sich der Sache annimmt.

In Bebbingen läuft das wiederum ganz anders, denn die Milch dort ist den Kälbern vorbehalten. Bernd Eichert betreibt Mutterkuhhaltung, das heißt, dass die Kälber acht Monate lang von ihren Müttern versorgt werden und so von Wasser, Gras und Milch leben. Dann werden sie „abgesetzt“, die weiblichen Rinder wachsen heran, bis sie entweder selbst Nachwuchs bekommen oder geschlachtet werden. Die männlichen ereilt in jedem Fall letzteres Schicksal. Derzeit hat die Familie Eichert 17 Mutterkühe plus Nachzuchten, insgesamt rund 45 Tiere. Mittlerweile geht kein Tier mehr vom Hof in den Handel, sondern wird beim Metzger im Nachbarort oder im Schlachthof in Olpe geschlachtet. Die Vermarktung des Fleisches übernimmt die Familie, die Verarbeitung die Metzgerei. Das Fleisch bekommt man als Hackfleisch, Roulade oder Steak. „Es interessieren sich immer mehr Menschen für Bio-Rindfleisch direkt vom Hof.“ Diesen Trend beobachtet auch Michael Richard, wobei bei ihm Rindfleisch ein Nebenprodukt ist, nur selten fällt mal eine Schlachtkuh an. Seine Milch – rund 500 000 Liter pro Jahr – geht zur größten Genossenschaftsmolkerei, Friesland-Campina, die etwa auch die Marke „Landliebe“ vertreibt. In einer Tüte von „Landliebe“ kann also auch Milch von „Tele“, „Karamba“ oder „Sunshine“ sein. Durch den Zusammenschluss bekommen die Landwirte 1 Cent mehr pro Liter, seit drei Jahren gibt es sogar mehr, wenn die Kühe auf der Weide stehen. Im Winter bleiben sie im Stall, nur manchmal, wenn richtig Schnee liegt, dann dürfen sie mal einen Tag raus und haben dann richtig viel Spaß – und die Beine werden sauber.

Bei Minusgraden und Schnee bleiben die Stalltüren bei Bernd Eichert geschlossen, dann wärmt der Boden aus Mist und Stroh wie eine warme Matratze. Ansonsten sind seine Kühe bei Wind und Wetter draußen, wird es kälter, wird das Fell länger und wärmt sie. Die Weidehaltung ist für den Biobauer zwingende Voraussetzung, um seine Zertifizierung zu behalten: Mindestens ein halbes Jahr lang müssen die Tiere draußen stehen, und nur durch die Weidehaltung bekommt das Fleisch auch den hohen Anteil an Omega3-Fettsäuren, der den Unterschied zur konventionellen Haltung macht. Bei meinem Besuch ist eine Gruppe schon wieder im offenen Stall, weil die Weide oben auf der Höhe nicht mehr genügend Grundfutter gegeben hat. Zu trocken, alle hoffen auf den Regen, einschließlich der Rinder. „Kühe haben ab 20 Grad Hitzestress“, erklärt mir Bernd Eichert. Und tatsächlich sind die meisten der Gruppe im Stall zu finden, obwohl das Tor zur Weide weit offen steht. Erst, wenn es gegen Abend etwas kühler wird, werden die Rinder freiwillig nach draußen gehen.

Im Stall sind an einigen Stellen Besen befestigt, an denen sich die Kühe „schubbern“ können – in Petmecke gibt es eine spezielle Vorrichtung, an der sich „Rosa“ nach dem Melken eine Massage abholt. Die Kuh ist das einzige Jersey-Rind, ihre Mitbewohner sind fast alle Rotbunte. Bernd Eichert setzt heute auf Limousin-Rinder, wobei teilweise noch das rote Höhenvieh hervorsticht, das er vorher hatte und mit dem gekreuzt wurde. Im Stall von Michael Richard läuft die Fütterung automatisch ab: Die Kühe haben ein Halsband mit einem Chip, anhand dessen der Futterautomat erkennt, wie viel Futter sie bekommen. Anders als die Kühe von Michael Richard, die sozusagen Hochleistungsrinder sind was die Milchproduktion betrifft, müssen die in Bebbingen nur ihren eigenen Bedarf und den ihrer Kälber stillen. Bernd Eichert füttert Getreideschrot für den Übergang, wenn die Kühe gekalbt haben oder die Kälber abgesetzt werden. Ansonsten gibt es nur Grünsilage aus eigenem Anbau. „Gutes Futter ist sehr wichtig, damit die Tiere eine gute Kondition bekommen und nicht so anfällig für Krankheiten sind.“

Deswegen verbringt Bernd Eichert von Frühjahr bis Herbst viel Zeit auf Wiesen und Feldern. „Die Gründlandpflege ist unser Steckenpferd“, sagt er. Auf den Gründlandflächen wächst Gras und auf dem Acker wird eine Mischung, etwa aus Erbsen, Hafer, Wicken und Sonnenblumen mit Kleegras als Untersaat herangezogen. „Im Ökolandbau ist Klee eine ganz wichtige Komponente, weil er den Luftstickstoff in den Boden weiterleitet.“ Auch Michael Richard kam bei meinem Besuch gerade vom Feld, denn auch er produziert das Futter für den Winter selbst. Und dabei ist man sehr vom Wetter abhängig: „Für Heu muss es vier gute Tage geben und am besten eine Mischung aus Sonne und Wind.“ Denn für Silage muss das Gras nur anwelken, für Heu muss es richtig trocknen. Ein Betrieb wie der in Petmecke braucht 800 Rundballen für den Winter. Mais kauft er vom Nachbarn dazu, weil sie selbst keinen Ackerbau haben. Die Arbeiten auf den Wiesen teilt er sich mit anderen Landwirten, damit die Maschinen nicht stillstehen. „Ein Bauer mäht, der andere legt das Gras in Reihen, der nächste wendet es, wiederum ein anderer kümmert sich um das Wickeln der Ballen.“

Bernd Eichert bietet mit seinen Maschinen Lohnarbeiten an, er sät beispielsweise für andere oder presst Heuballen. In seiner Scheune hat er die unterschiedlichsten Gerätschaften stehen, auch zwei Traktoren. Mit dem Größeren fahren wir aufs Feld, in der Fahrerkabine gibt es ein Radio und eine Klimaanlage – unverzichtbare Helferlein, wenn man viele Stunden unterwegs ist. Ein anderes wichtiges Accessoire befindet sich außen: „Wenn ich einen neuen Trecker kaufe, ist mir immer viel Licht wichtig, damit ich bis in die Dunkelheit etwas sehe“, sagt Bernd Eichert. Denn als Landwirt im Nebenerwerb beginnt für ihn der Tag auf dem Hof eben erst gegen späten Nachmittag. Während sich die Stallarbeit im Winter auf eine erträgliche halbe Stunde beschränkt, steht von Frühjahr bis Herbst die Arbeit draußen auf dem Programm: Weidezäune ziehen und erneuern, Grünlandpflege und Ackeraufbereiten. Das kann sich auch schon mal bis in die Abendstunden ziehen.

Anders bei Michael Richard, der steht morgens um 6 Uhr zum ersten Mal im Melkraum. Dann werden die Kälber versorgt, Boxen sauber gemacht und die Ställe ausgemistet, das dauert bis ca. 8 Uhr. Anschließend es geht zum Frühstück, es folgt die Büroarbeit, dann werden die Kühe rausgelassen, und die Arbeiten auf der Wiese stehen an. Hilfe bekommt er von seiner Familie, seine Frau kümmert sich um die Feriengäste und hilft beim Melken, sein Sohn packt überall mit an. Auch in Bebbingen läuft nichts ohne Unterstützung, betont Bernd Eichert. Seine Freundin Janine kümmert sich um die Vermarktung des Fleisches und ruft Kunden an.

Beiden Landwirten merkt man an, dass sie mit viel Freude bei der Arbeit sind – und ihnen die Tiere sehr am Herzen liegen. Beide sprechen von den Eigenarten und dem Charakter der Kühe. Bei allem persönlichen Bezug zu den Tieren sehen die beiden Landwirte aber natürlich auch den ökonomischen Aspekt ihres Berufs: Eine Kuh, die nicht viel Milch gibt oder eine, die keine guten Mutterinstinkte mitbringt, von einer solchen muss man sich trennen. Die Tiere, die ihr Leben lang auf einem der beiden Höfe leben, haben es in jedem Fall gut getroffen, so viel steht fest.

Die Bauernhöfe Bernd Eichert hat den Hof 1996 von seinem Onkel übernommen, 2003 wurde der Betrieb als Ökologische Landwirtschaft zertifiziert. Schon länger lebt er mit seiner Freundin Janine und seit Kurzem auch mit Sohn Leonhard direkt am Hof. Hauptberuflich ist er als Haustechniker für die Katholische Hospitalgesellschaft Südwestfalen tätig. Den Bauernhof von Familie Richard gibt es seit 1381, damals war er im Besitz der Kirche in Helden, bevor er im frühen 19. Jahrhundert in den der Familie wechselte. Heute können Familien auf dem Hof Urlaub machen, daher gibt es neben den Kühen auch Ponys und Ziegen. Die beiden Landwirte sind die Spitze des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Olpe, Michael Richard als Vorsitzender, Bernd Eichert als Stellvertreter.
Autor:

Katja Fünfsinn (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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