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Zu Besuch im ältesten Haus der Gemeinde Wenden
Vom verfallenen Hof zum Schmuckstück

Die „Deele“ in Willi Webers Haus gleicht einem kleinen Museum.

yve Möllmicke. Fast täglich sehe ich das Haus von Willi Weber. Nicht, weil ich zwangsläufig daran vorbeifahre, sondern weil ich auf dem Weg ins Unterdorf bewusst einen Blick hin zur Möllmicker Römerstraße werfe, zu jenem Fachwerkhaus mit langer Historie. Nur vom Hörensagen weiß ich, wie es im Inneren aussieht. Für den dritten Teil der Serie „Leben im Denkmal“ kann ich endlich hinter die sanierten Mauern und Balken blicken.

Der 82-Jährige öffnet mir die Tür und bittet mich herein. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Die gesamte „Deele“ gleicht einem kleinen Museum, strahlt dabei aber große Gemütlichkeit aus. Wir stehen auf 350 Jahre altem Fischgrätpflaster. „Monatelang habe ich das verlegt“, erinnert sich Weber.

yve Möllmicke. Fast täglich sehe ich das Haus von Willi Weber. Nicht, weil ich zwangsläufig daran vorbeifahre, sondern weil ich auf dem Weg ins Unterdorf bewusst einen Blick hin zur Möllmicker Römerstraße werfe, zu jenem Fachwerkhaus mit langer Historie. Nur vom Hörensagen weiß ich, wie es im Inneren aussieht. Für den dritten Teil der Serie „Leben im Denkmal“ kann ich endlich hinter die sanierten Mauern und Balken blicken.

Der 82-Jährige öffnet mir die Tür und bittet mich herein. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Die gesamte „Deele“ gleicht einem kleinen Museum, strahlt dabei aber große Gemütlichkeit aus. Wir stehen auf 350 Jahre altem Fischgrätpflaster. „Monatelang habe ich das verlegt“, erinnert sich Weber. „Es stammt aus einem Haus in Elspe, das damals abgerissen worden ist.“

Harmonium und wahre Schätze

Im Kachelofen brennen Holzscheite, davor steht ein Lesesessel, von der Decke hängen getrocknete Kräuter herab, ein Harmonium aus der alten Schule in Heid wartet darauf, bespielt zu werden, und überall stehen oder hängen Zeitzeugen aus verschiedenen Epochen. In einer beleuchteten Vitrine hütet Weber wahre Schätze. „Ich bin Hobbyarchäologe“, verrät er mir.

Säuberlich beschriftet sind die Fundstücke, die der Möllmicker bei Grabungen ans Tageslicht befördert hat. Das älteste Fragment ist eine Scherbe aus dem 10. Jahrhundert. Auf einem Vorsprung neben der beachtlichen Sammlung steht die Geschichte der Beleuchtung in Reih’ und Glied – vom Kienspan zur Glühbirne. „Und wissen Sie, was das ist?“, zeigt mir Weber ein unscheinbares Tellerchen. Das habe seine Großmutter unter zum Trocknen aufgehangenen Speck oder Schwartemagen gestellt, um Fett aufzufangen. Die Schalen müssten früher offenbar Stolpersteine gewesen sein, lacht Weber. Noch heute sei ja die Redensart „ins Fettnäpfchen treten“ geläufig. Mit dem Nebenprodukt seien zum Beispiel Lederschuhe gefettet worden. „Dort hängt die Grubenlampe von meinem Opa“, weiß Weber zu jedem mit Liebe arrangierten Gegenstand etwas zu erzählen.

Reise durch Jahrhunderte

Ich stehe in der „Deele“ und reise quasi durch Jahrhunderte, erfahre, dass in Trockenperioden Frauen aus Möllmicke und Wenden zum Butterwaschen hierher gekommen sind. „Im ehemaligen Hof gab es keine Wasserknappheit“, weist Weber auf den hauseigenen, 3,80 Meter tiefen Brunnen hin, der sich im Fachwerkhaus stimmig in die Attribute der Vergangenheit einreiht. Nicht erstaunlich also, dass selbst Schulklassen bei Weber schon in den Genuss von Unterricht der anschaulichen Art gekommen sind.
Als ich mit Weber über der Treppe auf der Galerie stehe, sehe ich einen Balken mit dem Schriftzug „Mission 1909“. Webers Haus ist bedeutend älter – von 1753 und damit laut Weber das älteste in der Gemeinde Wenden. Das stand bis vor wenigen Jahren in Ottfingen, „es wurde abgerissen“, so Weber.

Heute ist an dieser Stelle der Dorfplatz angesiedelt. Der Balken stammt von dem Missionskreuz in Heid. Dort ist Weber aufgewachsen. „Ich habe eine ganz besondere Bindung zu dem Ort.“ Als das Kreuz damals renoviert wird, sichert sich Weber den Oberbalken und integriert ihn in sein Haus, das er vor über 30 Jahren kauft, neuneinhalb Jahre restauriert und unter bemerkenswerten Anstrengungen zum Denkmal macht.

"Kenne hier jeden Flurnamen"

Wieder unten in der „Deele“ bleibe ich vor einer Bildergalerie stehen. „Oh je“, entfährt es mir, als ich Fotos betrachte, die vom Vorher-Zustand durch Verwahrlosung und zuletzt fünf Jahre Leerstand zeugen. „Ich habe lange nach einem alten Haus gesucht“, so Weber. Und Möllmicke sei seine zweite Heimat. Als Kind habe er bei seiner Oma am Rehberg gespielt, Kühe gehütet und ungewollt als ältestes von 22 Enkelkindern eine Paraderolle in der Großfamilie eingenommen. „Ich kenne hier jeden Flurnamen“, schildert der 82-Jährige.

Das vom Verfall bedrohte Vierständerhaus kauft Weber seinerzeit für 1 D-Mark, das Grundstück für den angebotenen Preis. „Es gab bereits eine Abrissverfügung.“ Als letzter Bewohner verlässt in den 1980er-Jahren August Halbe den Hof Halbe, früher der einzige Vollerwerbshof in Möllmicke mit Mensch und Tier auf engstem Raum. In der sich vom Vordergiebel bis zur Rückwand und zugleich durch beide Stockwerke erstreckenen „Deele“ sind ab Mitte des 18. Jahrhunderts Kühe, Schweine und Schafe in Kammern untergebracht, daneben der in den Hang gegrabene Brunnen und die Feuerstelle, von der aus Rauch in langen Wintermonaten nach oben steigt, um aufgehangenes Fleisch zu räuchern.

Harte Zeit des Umbaus

Willi Weber und seine inzwischen verstorbene Frau Margret standen damals vor einer Mammutaufgabe. „Ohne Herzblut und meine Frau hätte ich das nicht geschafft“, blickt der 82-Jährige auf die harte Umbauphase und mit Wehmut auf die wundervollen Jahre zu zweit im Denkmal zurück. Nach dem Erwerb verlegt das Ehepaar Fußbodenheizung, prüft jeden Balken, setzt Ziegelgemäuer mit Luftzirkulation dazwischen, entfernt die nachträglich eingezogenene Zwischendecke aus der „Deele“, teilt die Viehkammern neu ein, renoviert den Dachstuhl und bedeckt ihn mit schiefergrauen Tonpfannen. Ich gehe mit Weber in sein Wohnzimmer. „Hier standen die Kühe.“ Für eine Tasse Kaffee wechseln wir in die Küche, aus den kleinen Fenstern schaue ich zum Glockenturm, den ich als Möllmickerin eigentlich täglich höre. „Im Moment ist das Glöckchen still“, so Weber. Das Holz müsse erneuert und die Glocke inspiziert werden.

Das Bild kennen alteingesessene Möllmicker: Auguste Schrage am Möllmicker Glöckchen, 65 Jahre lang läutet sie um 7, um 12 und um 19 Uhr – Tag ein, Tag aus. Gesundheitliche Probleme zwingen sie schließlich zum Aufhören. Die Glocke findet später ihren neuen Platz in einem Holzturm auf dem Grundstück von Willi Weber.

Heute bringt Elektrizität den Klöppel in Bewegung. Für 99 Jahre und eine symbolische D-Mark verpachtet Weber seinerzeit den im August 1997 eingeweihten Turm an die Möllmicker Dorfgemeinschaft. Brauchtum dürfe einfach nicht verloren gehen, so der 82-Jährige, den die Leidenschaft für historische Bauten bis heute nicht loslässt. Gemeinsam mit Wolf-Dieter Grün arbeitet er gerade in der Endphase an dem Werk „Das Heider Häuserbuch“.
Für sein Schmuckstück an der Römerstraße in Möllmicke wünscht er sich irgendwann würdige Nachfolger. „Dann ist die Liebe zum Objekt wichtiger als der Kaufpreis.“

Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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