Von Gershwin und Umberto I.

Unterhaltsamer wie lehrreicher Konzertabend des Gerlinger Musikvereins in der Aula

dos Wenden. »Kaiser, Könige und Komponisten« residierten am Samstagabend in der Aula des Konrad-Adenauer-Schulzentrums in Wenden. Dort gaben die aktiven Mitglieder des Musikvereins Gerlingen unter der musikalischen Leitung von Matthias Reißner ein Konzert. Rainer Dornseifer führte unterhaltsam durch das Programm.

Die Begrüßung des Auditoriums in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula oblag jedoch Guido Simon. Er teilt sich zurzeit das Amt des Vorsitzenden mit Stephan Dornseifer. Den Vertretern der Gemeinde Wenden und des Kulturausschusses dankte Simon nicht nur für ihr Kommen, sondern auch für ihre Unterstützung beim geplanten Bau des Probenhauses in Gerlingen. Vom Volksmusikerbund war – ebenfalls als Doppelspitze – das Kreisvorsitzendenduo Herbert Tillmann und Andreas Bock angereist. Den weiten Weg bis nach Wenden hatten außerdem die Schützenvereine auf sich genommen, deren Feste der Musikverein Gerlingen in diesem Jahr gestalten wird. Der Kirchenchor Gerlingen kümmerte sich in dörflicher Solidarität um das leibliche Wohl.

Der erste Teil des Konzertes nahm den Zuhörer mit in die letzte Glanzzeit der Könige und Kaiser zwischen 1870 und 1900. Mit seinen anschaulichen und bildhaften Erklärungen tat Rainer Dornseifer ein Übriges, um die Gäste gedanklich ins Moskau und Sankt Petersburg der letzten Zaren, nach Baden-Baden und ins Wien von Franz Josef I. und seiner Frau Sissi zu entführen. Nicht nur unterhaltsame Anekdoten, sondern auch viel Wissenswertes wurde auf diesem Wege übermittelt. Den Auftakt des festlichen Konzertabends bildete der »Krönungsmarsch für Zar Alexander III« von Peter Tschaikowsky. Dornseifer versetzte sich in die Gedankenwelt des jungen Thronfolgers, der in Zeiten gesellschaftlicher Unruhen 1883 zum Zaren Alexander III. gekrönt wurde, nachdem sein Vater bei einem Bombenattentat ums Leben gekommen war. Schwermütig wie seine Gedanken zum Zustand der Gesellschaft ist auch die »Slawische Rhapsodie Nr. 2« von Carl Friedemann, die der Musikverein Gerlingen im Anschluss vortrug.

Rainer Dornseifer machte sich gemeinsam mit Tschaikowsky auf die Reise nach Wien. Die finanzielle Unterstützung seiner Gönnerin Nadeshda von Meck ermöglichte es dem Komponisten, Reisen in die damaligen Hauptstädte der Musik anzutreten – zum Beispiel nach Berlin, Paris, Hamburg und Wien. In der österreichischen Hauptstadt ist der Russe musikalisch erfolglos und trifft auf den Mann, der in Wien als neuer Liebling der Musikszene gilt: Pietro Mascagni. Der jugendliche Emporkömmling war mit seinem »Intermezzo Sinfonico« aus der Cavalleria Rusticana berühmt geworden. Liebe, Eifersucht, tiefe Gefühle und hitzige Emotionen sind die Ingredienzien dieser Komposition, die auch noch mehr als 100 Jahre nach ihrer Entstehung die Wendener Zuhörer in ihren Bann zog.

Die Reise zu den »Königen, Kaisern und Komponisten« verweilte in Wien, um einem Komponisten Tribut zu zollen, der es selbst zu einem Königstitel gebracht hat, dem »Walzerkönig« Johann Strauß. 1880 hatte er für die Walzersaison das Stück »Rosen aus dem Süden« komponiert und es dem italienischen König Umberto I. gewidmet. Im Goldenen Saal des Musikvereinsgebäudes am Karlsplatz wurde die Komposition während eines sonntäglichen Promenadenkonzertes uraufgeführt. Das dortige Publikum urteilte gerne über Erfolg oder Misserfolg einer Komposition. Die Interpretation des Walzers durch den Musikverein Gerlingen fand auch das Wohlwollen des Wendener Publikums.

Mindestens ebenso begeistert waren sie von Haefeles »Marsch Infanterie-Regiment Großherzog Friedrich von Baden«. Als besonderer Clou war ein Teil des Orchesters in verschiedenen Uniformen vor der Bühne aufmarschiert, um den ersten Teil des Marsches zu spielen.

Nach der Pause präsentierte sich der Musikverein Gerlingen zum ersten Mal in einer reinen Big-Band-Besetzung. Unter der Leitung von Guido Simon spielten Saxophon, Trompete, Posaune, Schlagzeug, Gitarre und Keyboard den »St.-Louis-Blues-March« von W.C. Handy und »Fun time« von Sammy Nestico. Der gesamte Gerlinger Musikverein war dann wieder auf der Bühne für die Ouvertüre »The hounds of springs« von einem der Meister der symphonischen Blasmusik, Alfred Reed. Die im Vergleich zum ersten Konzertteil modernere und unkonventionellere Linie führten auch die letzten beiden Stücke des anspruchsvollen, aber immer unterhaltenden Konzerts fort.

Die Brüder George und Ira Gershwin sind für ihre erfolgreichen musikalischen »Co-Produktionen« bekannt. Während George – berühmt für sein Stück «Rhapsody in Blue« – komponiert, textet sein Bruder. Durch die Verpflichtung der Gesangssolistin Annette Wurm wurden am Samstagabend beide Elemente dargeboten. Der Musikverein und die Altistin interpretierten die Stücke »Someone to watch over me«, »But not for me« und »´s wonderful«. Der abwechslungsreiche Konzertabend schloss mit dem »Song and Samba« von Luiz Bonfa, nach dem sich mancher Zuhörer – wenn schon nicht zum Monarchen – dann doch wenigstens zum König des Tanzbodens berufen fühlte.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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