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Ärztemangel auf dem Land
Wendener Patienten in Sorge

Keine Untersuchungen mehr in zwei Arztpraxen in Wenden:  Theo Scheidtmann und Dr. Christian Mengel schließen die Pforten zu ihren Praxen – Nachfolger sind nicht in Sicht.
  • Keine Untersuchungen mehr in zwei Arztpraxen in Wenden: Theo Scheidtmann und Dr. Christian Mengel schließen die Pforten zu ihren Praxen – Nachfolger sind nicht in Sicht.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

hobö Wenden. Das Thema ist nicht neu, erhält aber in der Gemeinde Wenden eine dramatische Entwicklung: der Ärztemangel auf dem sogenannten Land. Gleich zwei Hausarztpraxen im Zentralort der Kommune schließen zum 30. November. Interessenten für eine Übernahme gibt es derzeit nicht, womit all die Patienten, die bisher von Theo Scheidtmann und Dr. Christian Mengel ärztlich betreut wurden, nunmehr einen neuen Hausarzt bzw. eine neue Hausärztin suchen müssen. Das bereitet vielen Patienten Sorge.
Zwei Ärzte in Wenden schließen ihre Praxis
"Hier brennt der Baum"Die Reaktionen auf die angekündigten Praxenschließungen sind unterschiedlich. „Jetzt brennt hier der Baum“, meint Stefan Spieren, Facharzt aus Hünsborn und Vorsitzender des Ärzteverbunds Südwestfalen.

hobö Wenden. Das Thema ist nicht neu, erhält aber in der Gemeinde Wenden eine dramatische Entwicklung: der Ärztemangel auf dem sogenannten Land. Gleich zwei Hausarztpraxen im Zentralort der Kommune schließen zum 30. November. Interessenten für eine Übernahme gibt es derzeit nicht, womit all die Patienten, die bisher von Theo Scheidtmann und Dr. Christian Mengel ärztlich betreut wurden, nunmehr einen neuen Hausarzt bzw. eine neue Hausärztin suchen müssen. Das bereitet vielen Patienten Sorge.

Zwei Ärzte in Wenden schließen ihre Praxis

"Hier brennt der Baum"

Die Reaktionen auf die angekündigten Praxenschließungen sind unterschiedlich. „Jetzt brennt hier der Baum“, meint Stefan Spieren, Facharzt aus Hünsborn und Vorsitzender des Ärzteverbunds Südwestfalen. Während die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) dem Bürgermeister der Gemeinde Wenden, Bernd Clemens, versicherte, dass die übrigen Arztpraxen die Patienten der bald geschlossenen Praxen übernehmen könnten.

KVWL: Versorgung im MB Olpe "stabil"

Auf Anfrage der SZ heißt es von Seiten der KVWL: „Die hausärztliche Versorgung wird auf Ebene der Mittelbereiche geplant. Die Gemeinde Wenden gehört, zusammen mit den Gemeinden Drolshagen und Olpe, zum Mittelbereich (MB) Olpe. Der Versorgungsgrad im MB Olpe beträgt derzeit 102,7 Prozent (gemäß aktuell gültigem Beschluss des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen in Westfalen-Lippe vom Mai 2020). Die Versorgung im Mittelbereich Olpe ist derzeit, gemessen am Versorgungsgrad, als stabil zu bezeichnen. Derzeit kann sich kein weiterer Hausarzt im MB Olpe niederlassen (Versorgungsgrad über 100 Prozent).“

Zwei Praxen weniger

Alles gut also? Mitnichten, sagt Stefan Spieren. Rein rechnerisch sei die ärztliche Versorgung in der Gemeinde zwar „topp“, doch unter den niedergelassenen Ärzten hätten 50 Prozent das Alter, jederzeit aufhören zu können. Und die Auflösung von gleich zwei Praxen mache die Situation prekär.
Die Kassenärztliche Vereinigung macht eine andere Rechnung auf: „Im Mittelbereich Olpe sind im Moment etwa 30 Prozent der Hausärzte älter als 60 Jahre. Zum Vergleich: In Westfalen-Lippe insgesamt sind derzeit rund 38 Prozent der Hausärzte 60 Jahre oder älter.“ Gleichwohl ist man in der KVWL sensibilisiert, denn in besagtem Antwortschreiben an die SZ heißt es: „Die Auswirkungen der von Ihnen beschriebenen Schließung zweier Hausarztpraxen in der Gemeinde Wenden beobachten wir, und auch die weitere Entwicklung der hausärztlichen Versorgung im MB Olpe werden wir sehr genau im Auge behalten.“

Versorgung der Patienten sicherstellen

Auch im Wendener Rathaus ist das Thema „Ärztemangel“ schon länger ein Thema. Altbürgermeister Peter Brüser suchte bereits mit den hier niedergelassenen Ärzten nach Lösungsansätzen, die künftige Patienversorgung sicherzustellen. Und auch sein im Oktober 2015 ins Amt gewählter Nachfolger, Bernd Clemens, lädt die Ärzteschaft im Wendener Land stetig ein. Noch gestern Abend fand eine solche Zusammenkunft statt.

Unabhängige Beratung

„Doch die regelmäßigen Gespräche führten nicht weiter“, erklärt der Rathauschef gegenüber der SZ. Daher habe der Gemeinderat auf seine Empfehlung hin einstimmig den Beschluss gefasst, eine unabhängige Beratung hinzuziehen. Die Firma Diomedes erhielt den Auftrag. Diese, so Bernd Clemens, habe sich die Praxen vor Ort angeschaut, „zumindest die, die bereit dazu waren“.
In einer Infoveranstaltung mit den Wendener Hausärztinnen und -ärzten sowie den Apothekerinnen und Apothekern wurden Ergebnisse der Diomedes-Untersuchung unter dem Titel „Hausärztliches Kooperationsmodell Wendener Land“ am 25. August vorgestellt. Das interne Protokoll liegt der SZ vor.

Stärkere Vernetzung der Ärzte

Christine Becker von der Beratungsfirma schlug in dieser Sitzung eine stärkere Vernetzung der vorhanden ärztlichen Kompetenzen vor. Vorhandene Strukturen und Kooperationen sollten zusammengeführt werden, um für junge Ärzte eine Unterstützung zu sein und sie für ein berufliches Engagement in der Gemeinde zu gewinnen. Jubelstürme gab es in der Zusammenkunft eher nicht, so wurde das „hausärztliche Kooperationsmodell“ von den Anwesenden eher infrage gestellt. Hier liege nichts Neues vor, man kooperiere schon seit vielen Jahren. Es fehle hingegen ein Ansatz, wo die Gemeinde eingreife. Außerdem fehle ein konkreter Vorschlag zur weiteren Vorgehensweise, und für die Gründung eines Netzwerks gebe es zu wenige Ärzte in der Kommune.

Junge Ärzte einbinden

Die Gemeinde erklärt laut Protokoll der Zusammenkunft, dass man sich erst am Anfang der Planungen befinde und die Veranstaltung erste Grundlagen und Ergebnisse aus den vorangegangenen Gesprächen vermitteln solle, „um dann in den nächsten Schritten zu definieren, wo die Reise hingeht“. Mit der Beauftragung der Firma Diomedes habe man einen „versierten Kooperationspartner an der Seite, um die Strukturen in enger Kooperation mit den Ärztinnen und Ärzten weiter auszubauen“, so die Verwaltung.
Auf Frage der SZ betont Bürgermeister Clemens, dass man jetzt herausfinden wolle, wie und wo man junge Ärzte in bestehende Strukturen einbinden könne. Die Kassenärztliche Vereinigung finde das Kooperationsmodell gut.

Kein MVZ gewünscht

Ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) wolle man bewusst nicht, versicherte der Bürgermeister. „Und schon gar kein kommunales MVZ.“ In dieselbe Kerbe schlägt auch die KVWL in ihrem Schreiben: „In Wenden gibt es aktuell mehrere zukunftsfähige Gemeinschaftspraxen, die auch für junge Mediziner attraktiv sein können. Ein kommunales MVZ ist hier aus Sicht der KVWL im Moment nicht erforderlich.“

Ärzte mit attraktiven Angeboten locken Was könnte junge Mediziner bewegen, ihr berufliches Wirken in die Gemeinde Wenden zu legen? Mit dieser Frage beschäftigen sich viele Gruppen, ein Patentrezept stellte bislang niemand aus. Für die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) steht fest, dass für junge Ärztinnen und Ärzte auch die sogenannten weichen Faktoren entscheidend seien. „Wichtig ist zum Beispiel, ob ausreichend Praxisräume, Baugrundstücke, Kinderbetreuungsangebote oder Jobmöglichkeiten für den Partner bzw. die Partnerin in einer Ortschaft vorhanden sind, um nur einige Beispiele zu nennen“, schreibt die KVWL der SZ. In der erwähnten Infoveranstaltung schlugen die hiesigen Hausärzte und Apotheker in dieselbe Kerbe, machten einhergehend aber auch deutlich, dass „eine wertschätzende Umgebung“ sehr bedeutsam sei. „Wir tun alles, was möglich ist“, erklärt diesbezüglich Bürgermeister Bernd Clemens. Mit Nicole Williams habe man die „Kümmerin“ in der Verwaltung, und „bei mir steht die Tür natürlich auch offen“, so der Rathauschef. „Wir haben uns um alle gekümmert, die hier vorgesprochen haben.“ In zwei Fällen sei im zurückliegenden Jahr je ein Bauplatz an zwei Ärzte vergeben worden. Aber, das macht Bernd Clemens deutlich: „Wir können auch keine Bauplätze verschenken. Und mit Geld von der Kommune kann man das auch nicht lösen.“ Hier gebe es Förderprogramme vom Land und der KVWL. Zudem stelle sich die Frage nach der Gleichbehandlung – und der Zuständigkeit, ob nämlich eine Kommune eine Berufsgruppe finanziell besonders fördert, andere für die Daseinsvorsorge ebenfalls wichtige aber nicht. hobö
Autor:

Holger Böhler (Redakteur) aus Wenden

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