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Kein Nachfolger gefunden
Zwei Ärzte in Wenden schließen ihre Praxis

Gleich zwei Ärzte schließen Ende November ihre Praxen in Wenden. Nachfolger konnten beide nicht finden.
  • Gleich zwei Ärzte schließen Ende November ihre Praxen in Wenden. Nachfolger konnten beide nicht finden.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

hobö Wenden. „Erhalte dein Leben, alles andere kannst du verlieren.“ Mit diesem Zitat umschreibt Dr. Christian Mengel im Gespräch mit der SZ den wichtigsten Grund für die Entscheidung, seine Praxis zu schließen. Am 30. November sperrt der Facharzt für Allgemeinmedizin die Türen an der Bergstraße 2 in Wenden zu – für immer. „Dabei wollte ich sehr gerne noch fünf Jahre weitermachen“, betont Mengel resigniert.
Die Corona-Pandemie sei der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, denn als 71-jähriger Mann und Arzt sei er einem erhöhten Risiko ausgesetzt.
Wendener Patienten in Sorge
1989 Praxis in Wenden eröffnetIn Wismar an der Ostsee geboren, wuchs Christian Mengel in Wernigerode am Fuße des Brocken im Harz auf.

hobö Wenden. „Erhalte dein Leben, alles andere kannst du verlieren.“ Mit diesem Zitat umschreibt Dr. Christian Mengel im Gespräch mit der SZ den wichtigsten Grund für die Entscheidung, seine Praxis zu schließen. Am 30. November sperrt der Facharzt für Allgemeinmedizin die Türen an der Bergstraße 2 in Wenden zu – für immer. „Dabei wollte ich sehr gerne noch fünf Jahre weitermachen“, betont Mengel resigniert.
Die Corona-Pandemie sei der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, denn als 71-jähriger Mann und Arzt sei er einem erhöhten Risiko ausgesetzt.

Wendener Patienten in Sorge

1989 Praxis in Wenden eröffnet

In Wismar an der Ostsee geboren, wuchs Christian Mengel in Wernigerode am Fuße des Brocken im Harz auf. Die Familie kehrte der DDR den Rücken, woraufhin Mengel am Bodensee lebte, dann in Wuppertal und Hameln, wo er sein Abitur bestand. Dem Studium im Raum Köln/Bonn folgten viele Jahre beruflicher Tätigkeit auf einer Krankenhaus-Intensivstation, ehe Dr. Mengel 1989 seine Praxis in Wenden eröffnete. „Auf dem Dorf hier ist es fantastisch. Erst dachte ich, hier sind nur Jecke, jetzt gehöre ich selbst dazu“, formuliert der in Wenden wohnende Arzt nahezu eine Liebeserklärung an seine jetzige Heimat Wenden. Die Praxisschließung falle ihm schwer, da der Bezug zu den Patienten sehr intensiv sei, und außerdem habe er „das beste Team der Welt“ um sich herum.

71-Jähriger muss auch an sich denken

„Der Retter muss sich zuweilen aber selbst retten, ich muss so langsam an mich denken“, fügt der 71-Jährige hinzu. Dabei macht er aber auch keinen Hehl daraus, dass die Entwicklung in der Medizin und ein immer mehr perfektioniertes, digitales Überwachungssystem nicht wirklich Freude bereiteten, schon gar nicht, wenn man seinerzeit den Kommunisten in der DDR den Rücken zugekehrt habe.
Einen Nachfolger, der die Praxis hätte übernehmen können, gibt es nicht. Dr. Mengel: „Ich habe lange gesucht, es tut sich aber nichts.“

Schluss am 30. November

Nach fast 30 Jahren ist Schluss: Theo Scheidtmann, Arzt für Allgemeinmedizin und Facharzt für innere Medizin, schließt zum 30. November seine Praxis an der Hauptstraße 44 in Wenden – zeitgleich also mit Dr. med. Christian Mengel.
Theo Scheidtmann stammt aus Bochum und wuchs dort auf. Seine erste Anstellung als Arzt bekam er im St.-Martinus-Hospital in Olpe, arbeitete ferner im Krankenhaus in Kirchen und in einer Praxis für Allgemeinmedizin in Grevenbrück. Im Gespräch mit der SZ erklärt Scheidtmann rückblickend, er habe immer den Wunsch nach einer eigenen Niederlassung gehabt und sich bewusst für den ländlichen Raum entschieden – und bewusst für Wenden. Warum? Unter anderem weil der Menschenschlag hier ähnlich dem in Bochum sei. Hier werde eine klare Sprache und Ansprache gepflegt – und Probleme mit der Kontaktaufnahme hätten er und seine Familie hier nie gehabt, im Gegenteil.

Praxis gegründet und aufgebaut

„Natürlich ist Wehmut dabei“, gesteht Scheidtmann hinsichtlich der bevorstehenden Praxisschließung. Er habe sie schließlich seinerzeit neu gegründet und aufgebaut, seinen Beruf geliebt, viele Patienten groß werden sehen und ganze Familien eine lange Phase begleiten dürfen.
Mit der Schließung der Praxis werde er 65 Jahre, das sei der Grund für den Entschluss. Er habe zwei Jahre nach einem Nachfolger gesucht – leider ohne Erfolg. Theo Scheidtmann: „Ich kann gar nicht nachvollziehen, dass man hier in und für Wenden keinen Nachfolger findet.“ Hier gebe es im Vergleich mit dem Leben in Städten viele Vorteile, insbesondere für Familien.

Ärzte müssen sich willkommen fühlen

Unter der Adresse Hauptstraße 44 ist auch der Rheumatologe Dr. med. Thomas Grebe zu finden. Der führt seine Praxis weiter. Hier handelt es sich trotz derselben Anschrift um eine von der Praxis Scheidtmann völlig abgetrennte Niederlassung und auch Zulassung.
Wichtig, so Theo Scheidtmann mit Blick in die Zukunft, sei, dass Ärzte, die sich gerne hier niederlassen wollen, auch das Gefühl erhalten: „Die wollen mich hier in Wenden.“

Neuzulassungen derzeit gesperrt Wie viele Ärzte und Psychotherapeuten für eine Stadt, einen Kreis oder eine Region benötigt werden, wird durch die sogenannte Bedarfsplanung festgelegt. Sie soll eine ausreichende flächendeckende Versorgung mit niedergelassenen Ärzten/Psychotherapeuten gewährleisten sowie eine Fehlversorgung vermeiden. Stimmt die Relation von Arzt/Psychotherapeut und Patienten in einer Region mit der gesetzlichen Vorgabe überein, so beträgt der Versorgungsgrad genau 100 Prozent. Ab einem Versorgungsgrad von 75 Prozent (Hausärzte) bzw. 50 Prozent (Fachärzte und Psychotherapeuten) gilt eine Region als unterversorgt. In Westfalen-Lippe wird im Bereich der hausärztlichen Versorgung aktuell bereits ab einem Versorgungsgrad von 100 Prozent eine Niederlassungssperre verhängt. Ziel ist es, auf diese Weise eine stärkere Steuerung des hausärztlichen Nachwuchses in diejenigen Planungsbereiche zu erzielen, deren Versorgungsgrade schon jetzt unter 100 Prozent liegen und die vergleichsweise weniger gut mit Hausärzten versorgt sind. Da der Mittelbereich Olpe derzeit für Neuzulassungen weiterer Hausärzte gesperrt ist, muss ein freiwerdender Vertragsarztsitz (zum Beispiel weil ein Hausarzt aus Altersgründen seine Praxis aufgibt) ausgeschrieben werden. Alle relevanten Informationen finden interessierte Ärzte auf der Internetseite der KVWL: www.kvwl.de/arzt/sicherstellung/niederlassung/. Um auch in Zukunft eine flächendeckende hausärztliche Versorgung in Westfalen-Lippe zu gewährleisten, hat die KVWL im Sinne ihres Sicherstellungsauftrags verschiedene Maßnahmen ergriffen, zum Beispiel die Nachwuchskampagne „Praxisstart“ (www.praxisstart.info). Ärzte können beim Vorstand der KVWL ferner einen Antrag auf besondere Unterstützung stellen. Hierzu zählen beispielsweise die Übernahme von Kosten (Umzugs- und Einrichtungs-, Kooperationskosten) und die Gewährung von Darlehen zum Praxisaufbau oder zur -übernahme. Mit dieser Maßnahme soll eine mögliche Unterversorgung frühzeitig vermieden, die Altersstruktur verbessert und der Versorgungsgrad in den betroffenen Gebieten erhöht werden. Das aktuelle Förderverzeichnis: www.kvwl.de/arzt/sicherstellung/niederlassung/pdf/foerderverzeichnis.pdf.
Autor:

Holger Böhler (Redakteur) aus Wenden

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