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Heute ist internationaler Tag der Toleranz
Für Intoleranz gibt es keinen Abdeckstift

Trotz aller Anfeindungen ist Timo sich immer treu geblieben. „Das hat mich nur stärker gemacht“, sagt er.
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ap Wilden. „Ich hoffe, du stirbst“, schreiben sie anonym im Netz. „Du Schwuchtel!“, rufen sie ihm auf offener Straße hinterher, und es wird getuschelt: „Ist das ein Mann oder eine Frau?“ Wie muss es sich anfühlen, mit solchen Äußerungen immer wieder konfrontiert zu werden? Das weiß Timo Schmidt ganz genau. „So ist das eben, wenn man anders aussieht“, sagt der junge Mann und zuckt dabei resignierend mit den Schultern.
Seine langen, spitzen Fingernägel, die geklebten Fake-Wimpern und die perfekt gezogenen Augenbrauen gehören heute genauso zu ihm wie das dicke Fell, das er sich über die Jahre zugelegt hat. All die Anfeindungen, den Spott und die Häme lässt er nämlich schon lange nicht mehr an sich heran. „Das hat mich nur stärker gemacht“, davon ist er überzeugt.

ap Wilden. „Ich hoffe, du stirbst“, schreiben sie anonym im Netz. „Du Schwuchtel!“, rufen sie ihm auf offener Straße hinterher, und es wird getuschelt: „Ist das ein Mann oder eine Frau?“ Wie muss es sich anfühlen, mit solchen Äußerungen immer wieder konfrontiert zu werden? Das weiß Timo Schmidt ganz genau. „So ist das eben, wenn man anders aussieht“, sagt der junge Mann und zuckt dabei resignierend mit den Schultern.
Seine langen, spitzen Fingernägel, die geklebten Fake-Wimpern und die perfekt gezogenen Augenbrauen gehören heute genauso zu ihm wie das dicke Fell, das er sich über die Jahre zugelegt hat. All die Anfeindungen, den Spott und die Häme lässt er nämlich schon lange nicht mehr an sich heran. „Das hat mich nur stärker gemacht“, davon ist er überzeugt. Timo will anderen Mut machen. Vorbild sein, für all diejenigen, die sich – genau wie er – nicht in (gesellschaftliche) Rollenbilder pressen lassen.

„Man kann es nicht jedem recht machen"

Mit seinen ewigen 19 – über sein wahres Alter schweigt er – hat der Frisör und selbstständige Make-up-Artist schon vieles, aber vor allem eines erlebt: Intoleranz. Aufgewachsen im beschaulichen Wilden, einem Ortsteil von Wilnsdorf, fühlte er sich schon immer ein bisschen anders als seine Freunde und Mitschüler. „Trotzdem habe ich immer versucht, mich anzupassen und möglichst normal zu sein“, erzählt er. Die Angst vor Hänseleien, Mobbing und Ausgrenzung sei einfach zu groß gewesen. Doch glücklich war er mit diesem Leben nie. Immer nur so zu sein, wie andere es von ihm verlangten – das sollte endlich ein Ende haben. Schritt für Schritt traute er sich, sein „wahres Ich“ nach außen zu tragen. „Manche Freunde haben sich von mir distanziert und konnten mit meiner Verwandlung nicht umgehen“, denkt er zurück. Doch nichts und vor allem niemand sollte ihn von seiner Entscheidung abbringen. Für Timo stand fest: „Man kann es nicht jedem recht machen. Und bevor ich es anderen recht mache, mache ich es lieber mir recht.“
Er outete sich. Das „offene Geheimnis“ war endlich gelüftet. Verwundert habe das jedoch niemanden. „Jeder hat eigentlich nur darauf gewartet, dass ich es öffentlich ausspreche“, schmunzelt er. Und es habe deutlich mehr Zuspruch als Ablehnung gegeben.

Wegen des Aussehens diskriminiert

Für seine Optik, die sich von nun an mehr und mehr veränderte, habe es jedoch nicht nur positive Resonanz gegeben. Sein Teint wurde brauner, die Augenbrauen dünner, der Kleidungsstil extrovertierter. „Plötzlich wurde ich nicht nur wegen meiner Homosexualität, sondern vor allem wegen meines Aussehens diskriminiert“, erzählt Timo und gibt im gleichen Atemzug zu: „Aber ich hatte damals echt nicht mit so vielen komischen Blicken und dummen Kommentaren gerechnet.“
Auch heute noch prasselten – online sowie offline – immer wieder Wut und Unverständnis auf ihn ein. Wirklich nachvollziehen könne er das nicht. „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen einander mehr Toleranz, Akzeptanz und Respekt entgegenbringen. Es ist doch ganz egal, welche Religion, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung man hat“, findet der selbstbewusste Mann, dessen Vorbild schon immer Daniela Katzenberger war. „Sie hat immer ihr Ding durchgezogen und wird wegen ihres Äußeren in eine Schublade gesteckt, obwohl ihr Inneres ganz anders ist.“ Zu ihr habe er deshalb immer eine ganz besondere Verbindung verspürt. „Was hat mein Make-up mit meinem Charakter zu tun?“ Sein Aussehen könne er schließlich jederzeit ändern. „Aber dass sich hinter all der Schminke ein ganz normaler Mensch verbirgt, auf den man sich verlassen kann und der immer für seine Freunde da ist, das checken die Leute irgendwie nicht.“
Für all den Hass und die Drohungen habe er bis heute keine richtige Erklärung. „Natürlich falle ich als geschminkter Mann in einem Dorf auf, das ist mir bewusst. Aber das ist gar nicht meine Intention.“ Der Wildener mit 14 600 Instagram-Followern stellt klar: „In erster Linie mache ich das für mich selbst, um mich in meiner Haut wohlzufühlen.“ Und diese Selbstliebe trage er gerne auch nach außen. Die vielen positiven Reaktionen auf seinem Profil („Timo Plastic’s Beauty“) gäben ihm Tag für Tag recht, dass er das Richtige macht, sagt er.
Die abwertenden Blicke nehme er schon gar nicht mehr wirklich wahr. „Das bemerken nur meine Freunde, mit denen ich unterwegs bin“, erzählt Timo. „Da muss man aber einfach drüberstehen. Außerdem merkt man daran, dass sich andere für mich interessieren. Wäre doch schlimm, würden sie das nicht, oder?“

Trotz aller Anfeindungen ist Timo sich immer treu geblieben. „Das hat mich nur stärker gemacht“, sagt er.
„Unter meiner Schminke bin ich auch nur ein Mensch wie jeder andere.“
Autor:

Alexandra Pfeifer

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