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Muhamadou floh mit 16 aus Guinea
Odyssee zum Neuanfang

Marktinhaber Kay Dreysse (l.) freut sich mit und für seinen Mitarbeiter Muhamadou. "Von ihm können sich viele eine Scheibe abschneiden!"
  • Marktinhaber Kay Dreysse (l.) freut sich mit und für seinen Mitarbeiter Muhamadou. "Von ihm können sich viele eine Scheibe abschneiden!"
  • Foto: Tim Lehmann
  • hochgeladen von Sarah Panthel (Redakteurin)

tile Wilnsdorf. Muhamadou Aliou Diallo geht fröhlich durch die Reihen der Supermarktregale. Für jeden hat er ein freundliches Wort übrig, das verdeckte Lächeln hinter dem Mundschutz spiegelt sich in seinen Augen wider. Seine gute Laune steckt an, Kunden und Kollegen grüßen heiter zurück. Der junge Mann ist beliebt. So viel Sympathie schlug dem 21-Jährigen nicht immer entgegen. Ganz im Gegenteil. Aufgewachsen ist er in der Millionenstadt Conakry, Guinea, im Westen Afrikas. Mit 16 Jahren ließ er sein Heimatland an der Atlantikküste hinter sich und floh nach Europa.

Über die Beweggründe seiner Flucht spricht Muhamadou sachlich, aber nicht viel.

tile Wilnsdorf. Muhamadou Aliou Diallo geht fröhlich durch die Reihen der Supermarktregale. Für jeden hat er ein freundliches Wort übrig, das verdeckte Lächeln hinter dem Mundschutz spiegelt sich in seinen Augen wider. Seine gute Laune steckt an, Kunden und Kollegen grüßen heiter zurück. Der junge Mann ist beliebt. So viel Sympathie schlug dem 21-Jährigen nicht immer entgegen. Ganz im Gegenteil. Aufgewachsen ist er in der Millionenstadt Conakry, Guinea, im Westen Afrikas. Mit 16 Jahren ließ er sein Heimatland an der Atlantikküste hinter sich und floh nach Europa.

Über die Beweggründe seiner Flucht spricht Muhamadou sachlich, aber nicht viel. Nur: Unter dem autoritärem Regime, er nennt es ganz deutlich „eine Diktatur“, des Präsidenten Alpha Condés , sah er keine Zukunft mehr, fürchtete als frei denkender junger Mann um Leib und Leben. Über die Elfenbeinküste, Burkina Faso, Mali und Niger führte sein Weg bis nach Libyen. Gemeinsam mit 300 anderen setzte er in einem kleinen Boot gedrängt über das Mittelmeer nach Sizilien über.

Ein langer Weg 

Das Jahr in Italien blieb dem gläubigen Muslim nicht in guter Erinnerung. „Das ist vorbei“, blockt er ab. Als sich die Gelegenheit ergab, stieg er in einen Zug, der ihn von dort durch Österreich bis nach Bayern brachte. In Rosenheim begann dann die bürokratische Odyssee eines Flüchtlings. „Ich dachte, ich darf nicht bleiben“, erinnert er sich. Aber schnell kam er über ein Asylheim in München zunächst nach Dortmund und im Dezember 2015 schließlich nach Kreuztal. Dort teilte er sich mit sieben anderen Männern eine WG in der Erlersiedlung.

Die erste der zwei obligatorischen Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Düsseldorf verlief alles andere als gut. Der Übersetzer – gesprochen wurde auf Französisch – hat ihn nicht korrekt wiedergegeben, das bekam Muhamadou trotz seiner geringen Sprachkenntnisse bereits mit. Er verweigerte sich der weiteren Befragung, die Anhörung wurde abgebrochen. Ein böses Omen, prophezeiten ihm andere Asylsuchende. Erst eineinhalb Jahre später gab es einen neuen Termin. An Muhamadous Seite war diesmal Friederike Schlebusch vom Kommunalen Integrationszentrum (KI) des Kreises Siegen-Wittgenstein. Sie half ihm, den langen Tag durchzustehen. „Ich hatte Angst, wieder zurück nach Guinea zu müssen.“ Nach der Anhörung aber hatte er ein gutes Gefühl.

Hilfe durch vertraute Personen 

Friederike Schlebusch, mittlerweile im Ruhestand, und sein Deutschlehrer in der Internationalen Förderklasse (IFK) am Berufskolleg Wirtschaft und Wirtschaft in Siegen, Daniel Kring, waren zu diesem Zeitpunkt bereits wichtige Bezugs- und Vertrauenspersonen für Muhamadou geworden. Er fiel als fleißiger und kluger Schüler auf. Nach der IFK (vergleichbarer Abschluss Hauptschule Klasse 9) absolvierte Muhamadou einige Praktika, u. a. in einem Tischlerbetrieb oder als Fliesenleger. Auch im Wilnsdorfer Seniorenheim Höhwäldchen schnupperte er hinein. Bis dato war es sein Traum, als Krankenpfleger zu arbeiten. Dafür aber hätte er einen 10er-Abschluss benötigt.

Beim nächsten Praktikum passte dann alles: Kay Dreysse, Inhaber der gleichnamigen Rewe-Märkte in Wilnsdorf, gefiel der junge Mann auf Anhieb. Am 1. August 2017 begann der damals 18-Jährige seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Er zog von Kreuztal in die Wielandgemeinde, beim CLV Wilnsdorf fand er eine sportliche Heimat. Neben den vielen Stunden am Schreibtisch („Ich muss viel lernen“) und der Arbeit, sucht er seinen Ausgleich beim Laufen. Ganz für sich, ohne Wettkampfdruck.

Mündlich mit "sehr gut" bestanden

Nach drei Ausbildungsjahren erhielt Muhamadou am Mittwoch das Ergebnis seiner Abschlussprüfungen: mit 80 Prozent bestanden („befriedigend“). Mündlich schnitt er sogar mit „sehr gut“ (95 Prozent) ab. „Von Muhamadou können sich viele andere eine Scheibe abschneiden“, ist Kay Dreysse gerade mit Blick auf dessen Biografie stolz auf seinen Mitarbeiter. Derweil denkt der junge Mann über seine weitere Karriere nach. Er hätte den Q-Vermerk, der zum Besuch des Gymnasiums berechtigt. Sein Ziel aber ist es, Handelsfachwirt zu werden, dafür will er berufsbegleitend die Abendschule besuchen.

Das Ziel: Hier eine Zukunft aufbauen

Eine Rückkehr nach Guinea schließt Muhamadou Aliou Diallo vom Volk der Fulbe aus. Politisch verfolgt er ganz genau, was in seiner alten Heimat passiert. Die Gründe für seinen Fortgang gelten immer noch. „Ich will mir hier eine Zukunft aufbauen“, sagt er. Er möchte eine Familie gründen und irgendwann in einer Großstadt leben, am liebsten in Berlin. „Das ist Multi-Kulti“, grinst er. Er möchte durch Europa reisen. Bestimmte Ziele hat er nicht, er möchte einfach die Freiheit erleben, dorthin zu reisen, wohin es ihn gerade zieht. Er hofft, bald einen Reisepass zu erhalten. Mit einem Rechtsbeistand arbeitet er außerdem auf die Fortsetzung seiner Aufenthaltsgenehmigung hin. Über seinen Asylantrag ist noch nicht entschieden.

Wie es seiner Familie in Afrika geht, weiß er nicht. Es gibt keinen Kontakt. Auch hierüber möchte er nicht sprechen. Man spürt den dunklen Schatten, der auch auf seiner Familiengeschichte liegt, in die er nur enge Freunde und Vertraute einweiht. Mit ihnen hat er jetzt erst einmal seinen Abschluss und einen gelungenen Start in eine hoffentlich glückliche Zukunft gefeiert.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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