Hunderttausend flüchten nach Georgien

Wenn die Russen kommen: „Die gesamte Stimmung ist sehr explosiv“

Aktivisten halten ein Protestbanner während einer Demonstration gegen die Aufnahme russischer Deserteure in der Nähe eines Grenzübergangs zwischen Georgien und Russland in der Hand.

Aktivisten halten ein Protestbanner während einer Demonstration gegen die Aufnahme russischer Deserteure in der Nähe eines Grenzübergangs zwischen Georgien und Russland in der Hand.

Während Russlands Wirtschaft immer mehr unter der Flucht russischer Techprofis vor dem Militärdienst leidet, erlebt Georgien einen regelrechten Boom. Mehr als 110.000 Russen sind seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar nach Georgien geflüchtet. Unter ihnen viele gutausgebildete Fachkräfte, Unternehmer und wohlhabende Russen. „Es gibt eine Art Boom“, sagt Wachtang Buzchrikidse, Vorstandschef der größten Bank Georgiens (TBC) der Nachrichtenagentur Reuters. „Allen Branchen geht es sehr gut, von den Kleinstunternehmen bis zu den Konzernen.“ Etwa die Hälfte der russischen Neuankömmlinge stamme aus dem Technologiesektor.

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Die georgische Wirtschaft wird in diesem Jahr laut Prognosen um 10 Prozent wachsen. Dabei sah es vor wenigen Monaten gar nicht danach aus. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) warnte wenige Tage nach Kriegsbeginn noch, dass die georgischen Wirtschaft einen schweren Schlag erleiden werde.

Doch es kam anders. „Georgien erlebt einen Wirtschaftsboom, wie ihn niemand vorhergesehen hat“, sagt Stephan Malerius, Südkaukasus-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung. 9500 neue Firmen seien von Russen zwischen März und September in Georgien gegründet worden, mehr als zehnmal so viele wie im gesamten letzten Jahr, so der Experte im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Wie lange der Boom anhält, weiß niemand. Einige Experten glauben, dass der Wirtschaftsaufschwung nur von kurzer Dauer ist. Ob viele der Russen bei Kriegsende Georgien wieder verlassen? „Je länger der Krieg dauert, umso eher werden die Russen in Georgien bleiben“, glaubt der Malerius. Und die vor der Mobilmachung geflüchteten Russen werden wohl auch nicht in ihre Heimat zurückkehren können.

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Die Menschen, die Russland schon früh verlassen haben, zählen zur Mittel- und Oberschicht, so Russland-Experte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck. Es seien die gut ausgebildeten, wohlhabenden Russen, die es sich auch leisten können, das Land hinter sich zu lassen. „IT-Fachleute, Programmierer, Ingenieure, die auch in anderen Ländern dank ihren guten Qualifikationen gefragt sind und leicht einen Arbeitsplatz finden“, so der Experte. Die russische Wirtschaft steht vor immer größeren Problemen, während Georgiens Wirtschaft profitiert.

Die Russen der ersten Welle bringen viel mehr Geld mit nach Georgien als diejenigen, die jetzt vor der Mobilmachung flüchten.

Stephan Malerius,

Südkaukasus-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung

Doch der Wirtschaftsboom in Georgien hat auch Schattenseiten. Die kaufkräftigen Russen sorgen für eine größere Nachfrage und treiben die Inflation weiter in die Höhe. Inzwischen liegt die Inflationsrate bei über 10 Prozent. Besonders stark vom Preisanstieg sind laut Experte Malerius die Mieten in den großen Städten betroffen. „Durch die große Nachfrage der Russen nach Wohnungen in Georgien sind die Mieten vielerorts zwei bis dreimal so hoch wie noch im letzten Jahr.“ Langjährige Mieter haben plötzlich drastische Mieterhöhungen erhalten, berichtet er, oder werde aus der Wohnung geworfen, weil die Vermieter mehr Geld mit vor allem russischen Mietern verdienen wollen. Geringverdiener und Studenten können sich die stark gestiegenen Mieten oft nicht mehr leisten. Die Preise für Obst und Gemüse haben ebenfalls stark zugelegt.

Die erste Welle von etwa 40.000 Russen kurz nach Beginn des Kriegs im Februar hat laut Malerius sehr viele wohlhabende und gutausgebildete Russen nach Georgien gebracht. „Viele kamen aus wirtschaftlichen Interessen, weil sie ihre Geschäfte aufgrund der Abkopplung vom Swift-System und anderen Sanktionen nicht mehr in Russland weiterführen konnten“, berichtet er aus der georgischen Hauptstadt Tiflis. Die zweite Welle von mehr als 60.000 Russen vor wenigen Wochen wollte nicht als Kanonenfutter an der Front verheizt werden. Sie hätten weniger Geld mit nach Georgien gebracht, manche seien ohne irgendetwas aus Russland geflüchtet. „Einige Russen betteln hier auf der Straße, andere campieren auf Feldern“, beobachtet er. Es seien also inzwischen nicht nur die gutausgebildeten Russen, die nach Georgien kommen.

Viele Restaurants haben Aushänge an den Türen, dass Russen nur willkommen sind, wenn sie sich gegen den Krieg und gegen Putin aussprechen.

Stephan Malerius,

Südkaukasus-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung

In den Straßen von Tiflis sind zahlreiche russenfeindliche Graffiti-Schriftzüge an den Häuserwänden zu sehen. „Russians go home“ steht dort in grellen Farben, berichtet Malerius, und „Putin is a killer“. Die Georgier würden die Russen alles andere als mit offenen Armen empfangen. Auf einigen Schriftzügen werden die Russen aufgefordert, die Telefonnummer der Hotline, bei der sich Soldaten ergeben können, an ihre kämpfenden Verwandten weiterzugeben. „Viele Restaurants haben Aushänge an den Türen, dass Russen nur willkommen sind, wenn sie sich gegen den Krieg und gegen Putin aussprechen“, so Malerius weiter.

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Eine Umfrage hatte im September gezeigt, dass die Georgier den Zustrom von Russen weitgehend ablehnen. 78 Prozent der Befragten waren auch dagegen, dass russische Staatsbürger ohne Visum nach Georgien einreisen, ein Unternehmen gründen und Immobilien kaufen dürfen. Einer der Gründe für die ablehnende Haltung ist Russlands Krieg gegen Georgien 2008, glaubt Malerius. „Die Georgier hadern damit, dass die westliche Hilfe für die Ukraine so groß ist und sie selbst 2008 nicht in diesem Umfang unterstützt wurden“, sagt er. Heute sind noch immer 20 Prozent des georgischen Staatsgebietes von russischem Militär besetzt. In Südossetien verschiebe Russland die Stacheldrahtgrenze fortlaufend weiter in georgisches Gebiet hinein.

Doch auch einige Russen sorgen mit arrogantem Verhalten für Unmut, berichtet Malerius, zum Beispiel, wenn sie von Georgiern einfordern, russisch zu sprechen. Und wenn Georgier ihre Wohnung räumen müssten, weil Russen das dreifache bezahlen, seien sie natürlich auch nicht gut auf die Russen zu sprechen. „Wir sehen, dass es immer mehr soziale Spannungen gibt.“

Für die 3,7 Millionen Georgier werden die mehr als 110.000 Russen mehr und mehr zu einer Belastungsprobe. „Die gesamte Stimmung ist sehr explosiv und ziemlich aggressiv“, beobachtet der Südkaukasus-Experte. „Wenn es in Georgien zu einem Zwischenfall mit Russen kommt, kann die Situation ganz schnell eskalieren.“ Es müsse nur Vorwürfe geben, dass Russen eine Frau in Georgien vergewaltigt oder Georgier zusammengeschlagen hätten, und schon müsse man mit einer Eskalation rechnen. Er selbst habe im Alltag schon bemerkt, dass sich viele Russen etwa in Supermärkte sehr vorsichtig verhalten und nicht provozieren wollen. Bisher ging das noch gut. „Aber es braucht nur einen Fall, der dann in den sozialen Medien verbreitet wird, und für eine Eskalation sorgt.“

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