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Hanns-Josef Ortheil stellt "Der von den Löwen träumte" vor
Ein Leben mit Hemingway

Der bekannte Autor Hanns-Josef Ortheil, in Wissen ansässig, stellte im dortigen Kulturwerk vor vielen interessierten Zuhörern seinen neuen Roman „Der von den Löwen träumte“ vor.
  • Der bekannte Autor Hanns-Josef Ortheil, in Wissen ansässig, stellte im dortigen Kulturwerk vor vielen interessierten Zuhörern seinen neuen Roman „Der von den Löwen träumte“ vor.
  • Foto: Gaby Wertebach
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

gum Wissen. Den Autor Hanns-Josef Ortheil in Wissen vorzustellen, das ist in etwa so, wie Eulen nach Athen zu tragen. Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, 1951 in Köln geboren, ist zurückgekehrt in den Heimatort seiner Eltern und lebt jetzt in Wissen. Unter anderem wurde Ortheil der Thomas-Mann-Preis verliehen, seine Romane sind in über zwanzig Sprachen übersetzt worden. Als Botschafter des Kulturwerks bereicherte er am Sonntagabend die 19.

gum Wissen. Den Autor Hanns-Josef Ortheil in Wissen vorzustellen, das ist in etwa so, wie Eulen nach Athen zu tragen. Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, 1951 in Köln geboren, ist zurückgekehrt in den Heimatort seiner Eltern und lebt jetzt in Wissen. Unter anderem wurde Ortheil der Thomas-Mann-Preis verliehen, seine Romane sind in über zwanzig Sprachen übersetzt worden. Als Botschafter des Kulturwerks bereicherte er am Sonntagabend die 19. Westerwälder Literaturtage mit Auszügen aus seinem neuen Buch „Der von den Löwen träumte“ im Kulturwerk in Wissen, und das freute nicht nur Organisatorin Maria Bastian-Erll, sondern auch die zahlreichen Zuhörer, darunter Ulrich Marciniak, stellvertretend für den Verbands- und Stadtbürgermeister Berno Neuhoff, sowie den ehemaligen Landrat des Kreises Altenkirchen, Michael Lieber.

Ein Buch von Vätern und Söhnen

Der Autor widmete den Abend seiner vor zwei Wochen im Alter von 84 Jahren verstorbenen Tante, Elfriede Ortheil, die fast alle seine Lesungen in der Region besucht habe. Das Buch „Der von den Löwen träumte“ sei eine kurze Unterbrechung des autobiografischen Werkes von Ortheil, das schon viele Bücher umfasse, so Maria Bastian-Erll. Dem widersprach der Autor allerdings. Es gehe in seinem Werk nicht vor allem um Hemingway, der von den Löwen träumte und in Afrika viele Exkursionen unternommen habe, um sein Heldentum durch Erlegen von Löwen zu beweisen. Er wolle versuchen zu erläutern, warum es sich um ein autobiographisches Buch handle, die Entstehungsgeschichte des Werkes, in dem es um Väter und Söhne geht, vermitteln.

Anfang der Begeisterung in den 60er-Jahren

Er zitierte die Passage, wie Dichter zu ihren Stoffen kommen und wo der zentrale Punkt ist, der so berührt, dass sie glauben, mit diesem Thema weiter arbeiten zu müssen und dann ihre Fantasie einsetzen, aus Sigmund Freuds Aufsatz „Der Dichter und das Phantasieren“ und versuchte zu erklären: Hemingway sei der Schriftsteller, der ihn seit Anfang der 60er-Jahre das ganze Leben begleitet habe. Dessen Kurzgeschichte „Großer doppelherziger Strom“ habe er sofort projizieren können auf die Umgebung im Westerwald, auf Spaziergänge mit seinem Vater an der Nister. An diesem Autor habe er sich orientieren können, habe das Gefühl gehabt, der schreibe Tatsachenberichte, keine Fantasien.

Gewaltig: „Paris – ein Fest fürs Leben“

Das Gewaltigste, was er als junger Mann gelesen habe, sei das zweite Buch, das ihm sein Vater geschenkt habe, Hemingways „Paris – ein Fest fürs Leben“. Schon beim Lesen der ersten Geschichte – „Ein gutes Café auf der Place Saint-Michel“ – habe er plötzlich gewusst, wie man große Literatur schreibt, mit einem Café au Lait und einem Rum aus Martinique, dazu ein Bleistift und ein Notizbuch, und genauso machte er es während einer Reise nach Paris 1967, die er zum Anlass nahm, im Alter von gerade mal 15 Jahren den ersten Rum seines Lebens zu trinken – um sich anschließend darüber zu wundern, wie sich danach Geschichten fast von allein schreiben.

Schwierig: die Kriegsromane

Die Kriegsromane Hemingways „In einem anderen Land“ und „Wem die Stunde schlägt“, die hätten ihn allerdings teils abgestoßen. In diese Lektüre der Auseinandersetzungen mit Kriegsthemen und mit dem Sentimentalen habe er nicht hineinfinden können. Für „Der von den Löwen träumte“, den Roman, dessen Entstehungsgeschichte auf den beiden Hemingway-Erzählungen „Über den Fluss und in die Wälder“ sowie „Der alte Mann und das Meer“ basiert, reiste Ortheil nach Venedig. Es gelang ihm, sich in der Locanda Cipriani auf Torcello einzumieten, in genau der Unterkunft, in der Hemingway 1948 wohnte.
Der depressive Schriftsteller befand sich damals in einer schweren Krise, war stark traumatisiert durch Kriegsgeschehen, trank viel zu viel und litt unter schweren Depressionen. In Venedig hoffte er seine Schreibblockade in den Griff zu bekommen. Erst die Freundschaft zu einem jungen Fischer und die Liebe zu einer achtzehnjährigen Venezianerin brachten dem 50-jährigen, schwer herzkranken Schriftsteller seinen Lebensmut und die Fähigkeit zum Schreiben zurück.

In Venedig und Key West

Wie stark Hanns-Josef Ortheil sich mit dem berühmten Schriftsteller identifiziert, das zeigte sich daran, dass die Zuhörer teilweise den Eindruck hatten, nicht Ortheil, sondern Hemingway erzähle. Er nahm sie mit in Hemingways Zimmer. Der Geruch von Holz, das Bett des Schriftstellers, in dem Ortheil schlief und die Bücher, die er vorfand, all das vermittelte er so real wie auch die Streifgänge des Schriftstellers durch Venedig oder seinen nächtlichen gedanklichen Dialog mit Hemingway auf dessen Grundstück in Key West: „Ich habe in dir nur den Landjungen gesehen, der stolz war auf seine gefangenen Fische, ich habe in dir nur das Naive gesehen, das Lernen, das Staunen. Ich habe mir vorzustellen versucht, wie du schreibst, und das hat mir geholfen, selbst etwas wie Sicherheit zu finden.“

Ein Herzproblem...

Im März 2019 beendete Ortheil sein Buch „Der von den Löwen träumte“. Erschöpft von den langen Recherchen auf den Spuren seines Idols, suchte er einen Arzt auf, der bei ihm ein schweres Herzproblem diagnostizierte, welches eine sofortige Operation notwendig machte – was Hanns-Josef Ortheil zum Abschluss des Abends kommentierte mit: „Hier endet die Geschichte, ich sitze ja wieder hier.“

Autor:

Gaby Wertebach (Freie Mitarbeiterin) aus Betzdorf

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