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Autorin Birgit Lutz erzählt von ihren Reisen nach Grönland
Heute gehen wir Wale fangen

Birgit Lutz erzählte im Kulturwerk Wissen im Rahmen der Westerwälder Literaturtage von ihrer Liebe zu Grönland und den Menschen, die dort leben.
  • Birgit Lutz erzählte im Kulturwerk Wissen im Rahmen der Westerwälder Literaturtage von ihrer Liebe zu Grönland und den Menschen, die dort leben.
  • Foto: Gaby Wertebach
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

gum Wissen. Die mit verschiedenen Journalistenpreisen ausgezeichnete Autorin Birgit Lutz ist seit einer ersten Reise zum Nordpol im August 2007 dem arktischen Virus verfallen, wie es die Organisatorin der 19. Westerwälder Literaturtage, Maria Bastian-Erll, in ihrer Begrüßung am Donnerstagabend im Kulturwerk in Wissen ausdrückte. Birgit Lutz arbeitet als Guide und Expeditionsleiterin an Bord von Expeditionsschiffen, hält dort Vorträge über das empfindliche Ökosystem und ist auch an Land eine gefragte Rednerin. Ihre u. a. in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienenen Reportagen wurden mehrfach ausgezeichnet. Für ihr neues Buch „Heute gehen wir Wale fangen“, aus dem sie am Donnerstag einige Passagen vorlas, verbrachte sie insgesamt drei Monate in Ostgrönland.

gum Wissen. Die mit verschiedenen Journalistenpreisen ausgezeichnete Autorin Birgit Lutz ist seit einer ersten Reise zum Nordpol im August 2007 dem arktischen Virus verfallen, wie es die Organisatorin der 19. Westerwälder Literaturtage, Maria Bastian-Erll, in ihrer Begrüßung am Donnerstagabend im Kulturwerk in Wissen ausdrückte. Birgit Lutz arbeitet als Guide und Expeditionsleiterin an Bord von Expeditionsschiffen, hält dort Vorträge über das empfindliche Ökosystem und ist auch an Land eine gefragte Rednerin. Ihre u. a. in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienenen Reportagen wurden mehrfach ausgezeichnet. Für ihr neues Buch „Heute gehen wir Wale fangen“, aus dem sie am Donnerstag einige Passagen vorlas, verbrachte sie insgesamt drei Monate in Ostgrönland.

Zwischen Tradition und Moderne: die Inuit

Die Zuhörer im Kulturwerk hingen gebannt an den Lippen der Autorin, die nicht nur vorlas, sondern auch spannend zu erzählen wusste über die größte Insel der Welt und die Menschen, die sie bewohnen. Sie zeigte in einem Trailer faszinierende Aufnahmen, beschrieb nicht nur die Schönheit Grönlands, sondern vor allem die mannigfaltigen Probleme. Seit 1921 gehört Grönland zu Dänemark, seit 1979 darf es sich selbst verwalten und hat seitdem auch ein eigenes Parlament. Tragischerweise geht die Kultur der auf Grönland lebenden Menschen, der Inuit, zwischen Tradition und Moderne unter. Sie haben kein Konzept, keine Zukunft, was dazu führt, dass Grönland die höchste Suizidrate der Welt hat.

„Ich muss Zeit in diesem Dorf verbringen“

2013 bereiste die Autorin im Rahmen einer Expedition erstmals die Heimat der Inuit, den Osten Grönlands: „Damals habe ich eigentlich nur gewusst, dass es da eine Menge Eis gibt.“ Sie war dem Charme und dem Anderssein der Menschen verfallen, kehrte insgesamt dreimal für einen Monat zurück in die Einsamkeit, in eine Region, die erst vor rund 130 Jahren von den Europäern entdeckt wurde. Das kleine Dorf Isortoq, das sie bei ihrem ersten Besuch kurz vor der Heimreise kennenlernte, habe dazu geführt, dass sie bereits auf dem Heimflug das dringende Bedürfnis verspürt habe, zurückzukehren: „Ich bin an Grönland irgendwie vorbeigelaufen. Ich muss zurück, muss Zeit in diesem Dorf verbringen.“ In ihrem ersten Buch über die Grönlanddurchquerung habe sie die Menschen nicht erwähnt, die innerhalb einer Generation vom Jägervolk in die Moderne wechseln mussten.

Kein Platz in der neuen Welt

Sie kommt wieder, spricht mit vielen Einheimischen wie dem Jäger Tobias Ignatiussen, geboren auf einer der einsamen kleinen Inseln, der im Alter von mehr als 20 Jahren erstmals nach Tasiilag kommt, einem Dorf mit Kirche, Schule und Supermarkt. Ignatiussen und seine Familie haben den Spagat geschafft, er hat seinen drei Töchtern vermittelt, die alte Welt nicht zu vergessen und die moderne Welt anzunehmen. Eine Tochter ist heute das jüngste Parlamentsmitglied in Grönland.
Viele der Inuit, die noch wie in der Steinzeit in Erdhäusern lebten, kämen mit der neuen Welt nicht zurecht. Sie erzählt von Alkoholismus – freitags sei Zahltag, da werde viel getrunken –, von Inzest und Körperverletzungen. All das sei mittlerweile an der Tagesordnung. Das Leben auf Grönland habe sich von völliger Friedfertigkeit umgekehrt in Verwahrlosung und Gewalt. Die Bevölkerung finde in der neuen Welt keinen Platz. Sie selbst habe den Eindruck, diese Menschen seien einfach vergessen worden. Da die traditionelle Robbenjagd durch eine Greenpeace-Kampagne zusammengebrochen war, verloren sie ihre Arbeit, ihre Haupteinnahmequelle zum Leben. 2014 nahm die WHO die konventionelle Inuit-Jagd davon aus, und Greenpeace erkannte das Recht der Indigenen in der Arktis zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen später an. Um diese Haltung zu unterstützen, stellte sich einer der Funktionäre sogar mit Robbenfell bekleidet vor die Kamera, was ihm Morddrohungen einbrachte.

Das Krachen der Eisberge

Sie selbst habe in der Fußgängerzone noch gegen die Robbenjagd unterschrieben, in Unkenntnis davon, dass die Inuit dann keine Arbeit mehr hätten, so Lutz. Fast drei Jahrzehnte später nahm sie auf einem Boot an einer Robbenjagd mit einem grönländischen Jäger teil. Hinterher hatte sie weiche Knie, aber auch die Erkenntnis, dass die Jagd für die Inuit lebensnotwendig ist, wenngleich der Fang einer Robbe an diesem Tag nur als Hundefutter diente. Der Walfang, zu dem sie der Jäger Emanuel mit einem Satz einlud, den sie im Leben sicher nie wieder hören würde, den machte sie zum Titel ihres Buchs: „Heute gehen wir Wale fangen.“
Trotz aller Gegensätze, die Liebe der Autorin zu Grönland ist immer wieder auszumachen in der Beschreibung der fantastischen Natur und in der Beschreibung der Mentalität der Grönländer, die frei seien, niemanden in Schubladen steckten oder verurteilten. Das charakteristische Geräusch allerdings, das Grönland für sie ausmacht, dass sei das Krachen der Eisberge, wenn sie über den Meeresboden schieben, das sie bis in die Brust verspürt habe.

Autor:

Gaby Wertebach (Freie Mitarbeiterin) aus Betzdorf

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