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Bestsellerautor Hanns-Josef Ortheil wird 70 – eine Begegnung im Westerwald
Sich die Welt erschreiben

In der „Sala Ortheil“ in Wissen: Hier lässt sich Hanns-Josef Ortheils frühes Leben besichtigen, hier kann man ihm zuhören, und hier hört er zu. Der Schriftsteller, der an diesem Freitag 70 wird, arbeitet an „Connected stories“ aus Wissen, einer seiner Heimaten.
  • In der „Sala Ortheil“ in Wissen: Hier lässt sich Hanns-Josef Ortheils frühes Leben besichtigen, hier kann man ihm zuhören, und hier hört er zu. Der Schriftsteller, der an diesem Freitag 70 wird, arbeitet an „Connected stories“ aus Wissen, einer seiner Heimaten.
  • Foto: Peter Barden
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

zel/pebe Wissen. Der ganze Verlag kommt zum Geburtstagsfest nach Wissen. Und das heißt nicht nur Luchterhand, sondern ganz Random House. Hanns-Josef Ortheil erzählt das beiläufig, scheinbar verwundert. Es ist aber angemessen, diesen Geburtstag groß zu feiern, das sieht er auch so. Sein Fest im Kulturwerk Wissen zum 70. Geburtstag an diesem Freitag hat er selbst organisiert. Gäste kommen schon Tage früher, werden in der Alten Vogtei in Hamm einquartiert, die und deren Betreiber Ortheil so schätzt. Der Westerwald, was gibt’s denn da so? Die...

zel/pebe Wissen. Der ganze Verlag kommt zum Geburtstagsfest nach Wissen. Und das heißt nicht nur Luchterhand, sondern ganz Random House. Hanns-Josef Ortheil erzählt das beiläufig, scheinbar verwundert. Es ist aber angemessen, diesen Geburtstag groß zu feiern, das sieht er auch so. Sein Fest im Kulturwerk Wissen zum 70. Geburtstag an diesem Freitag hat er selbst organisiert. Gäste kommen schon Tage früher, werden in der Alten Vogtei in Hamm einquartiert, die und deren Betreiber Ortheil so schätzt. Der Westerwald, was gibt’s denn da so? Die Großstädter kennen den Landstrich aus vielen seiner Bücher, jetzt können sie sich vor Ort ein Bild machen, wie es da ist auf dem Land, wo Hanns-Josef Ortheil einen Teil seiner Kindheit verbrachte, wohin er immer wieder zum Schreiben kam und kommt, wo Familie ist und Natur und Ruhe, Elternhaus, Erinnerung und Erholung.

Erholung im Elternhaus auf der Köttingerhöhe

Erholung, die in Wissen gelang, mit viel Geduld und Arbeit. Zwei Jahre hat es gebraucht, bis der Bestsellerautor („Hecke“, „Die Erfindung des Lebens“, „Das Kind, das nicht fragte“ und viele andere) nach einer Herzinsuffizienz und einer schweren Operation samt einer Zeit im Koma wiederhergestellt war. In seinem Elternhaus auf der Köttingerhöhe, 1958 gebaut, „auf dem höchsten trigonometrischen Punkt“, das weiß Ortheil vom Vater, dem Vermessungsingenieur (Ortheil sagt natürlich „Geodät“), dem das damals wichtig war. Und der ihn – das Kind, das lange nicht sprach – zunächst das Schreiben gelehrt hat, das er seit 60 Jahren akribisch, vielleicht obsessiv betreibt, um die Welt auf seine Weise zu vermessen.

"Ombra" - der "Roman einer Wiedergeburt"

Die Krankheit und das Zurück ins Leben hat Hanns-Josef Ortheils neues Buch „Ombra“ zum Thema. „Roman einer Wiedergeburt“ heißt es im Untertitel. Das ist keineswegs vermessen, denn der Autor erzählt davon, wie er sein Leben in der medizinischen Rehabilitation langsam und mühsam wieder zusammensetzt. So ist auch das Buch geschrieben: Es beginnt mit kurzen Abschnitten, beinahe Atempausen, nach und nach erweitert der Erzähler seine „Ausflüge“ in die Welt. Den äußeren Kreisen entsprechen die inneren, die er mit psychologischer Begleitung wieder freier ziehen lernt. Einer der tiefen Schatten auf diesem Weg ist die lange Unfähigkeit des Erzählers, einen Stift zu halten und sich Notizen zu machen. Für ihn, der die Welt erschreibt, eine Qual.

"Autofiktionales" Erzählen

Aber es ist eben „der Erzähler“ und nicht ungefiltert Hanns-Josef Ortheil. Viele seiner Texte seien „autofiktional“, sagt er auf die Frage, wie es gelingt, aus dem Material des persönlichen und autobiografischen Kosmos einen Text zu erschaffen, der Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. Das heißt: „Im Groben sind sie autobiografisch so erlebt, aber sie werden stark bearbeitet und selektiert.“ Dazu gehört, dass ganz private Zusammenhänge ausgeklammert werden. So kommt auch in „Ombra“ seine Familie so gut wie gar nicht vor, „das ist das Arkanum des Privaten“. An diesen geschützten Innenraum wird nicht gerührt.

"Wir verständigen uns über Erzählungen"

Die Geschichten, fährt er fort, formten sich also neu, „sie müssen nicht von A bis Z so verlaufen sein“. Denn „wir verständigen uns über Erzählungen“, nicht über das bloße faktische Material, das würde befremden. „Eine Sache zu einer Geschichte zu formen heißt, eine Sache für mich zentral zu machen.“ Die auf diese Weise entstehenden Erzählungen seien das, was die Leserinnen und Leser in Bewegung bringe und für ihre eigene Geschichten öffne. So sehr, dass sich Leser in ihren Briefen zuweilen auf einzelne Begebenheiten aus den Büchern bezögen, die ihnen den Zugang zu ihrer eigenen Lebensgeschichte ermöglichten. Und diese teilten sie mit, „auf zwei, drei Seiten“.

"Mitspieler" von Goethe, Hemingway, Mozart

Genauso gehe er mit den historischen Stoffen um, meint er, als er auf seine Bücher über Goethe, Hemingway oder Mozart angesprochen wird. Er beschäftige sich lange und akribisch mit dem Material, und „dann bin ich in der Geschichte drin, habe keinen historischen Abstand. Vielmehr bin ich ein Mitspieler“. Es gehe nicht um „historische Romane“, sondern darum, im „alten Stoff“ die Gegenwart zu spüren und das Gegenwärtige auf diese Weise emotional und packend zu machen.

Wissen, Ww. wie von "Winesburg, Ohio"

Auch wenn er aktuell an mehreren Buchprojekten arbeitet, in denen er erzählen will, „was hier los ist“, also hier, in Wissen, ist das keine Dokumentation, sondern soll „Literatur werden“ – im Stil von Sherwood Andersons „Winesburg, Ohio“. „Connected stories“ nennt sein Lektor das, was Ortheil plant, Figuren tauchen in den einzelnen Geschichten wieder auf, auch wenn sie gerade nicht im Mittelpunkt stehen. Der Schriftsteller lässt sich Lebensgeschichten aus dem Nachkriegs-Wissen erzählen, sammelt, sortiert, schreibt, lässt das „einkochen“, dringt so zur Essenz vor.

"Kein Geschenk des Himmels"

„Schreiben ist kein Geschenk des Himmels“, sagt Ortheil. Es mag wohl so aussehen für manche, die ihn bei einem Kölsch in Köln-Nippes sitzen sehen, wie er erst eine Beobachtung und sich dann eine Notiz macht, auf der Sonnenseite sitzt er, das weiß er. Er weiß aber auch, dass das Schreiben Arbeit ist, viel Arbeit, mit der er es vielleicht auch manches Mal übertrieben hat.

"Sala Ortheil" ermöglicht Begegnungen

Besucher/-innen und eventuelle Geschichten-Zuträger/-innen empfängt Hanns-Josef Ortheil (auch) in seiner „Sala Ortheil“ an der Wissener Mittelstraße: Im Namen des Salons in einem Ladenlokal, das lange leergestanden hat, klingt die große Italienliebe des Schriftstellers an. Hier, nahe dem Haus seiner Verwandtschaft mütterlicherseits, zeigt er sein Leben in Bildern – die Familie der Mutter, die im und nach dem Krieg vier Kinder verloren hat und traumatisiert eine Zeit lang das Sprechen einstellte (und der Junge mit ihr), die Familie des Vaters, den „sozialen Raum“ Wissen. Momentan fehlen Bilder von ihm am Klavier, die sind an eine Ausstellung ausgeliehen. Fast wäre der junge Ortheil Pianist geworden.
Vorn im Raum mit dem roten Boden eine Vitrine mit vier Schreibmaschinen, ein kleiner Schreibtisch mit Transistorradio und Manuskripten, in einer Sitzecke im hinteren Teil Erinnerungsgegenstände aus dem Elternhaus und die Berliner Möbel seiner Eltern von 1939, auf denen es sich gut sitzt und reden lässt, ohne oder mit einem Glas Wein, wie es eben passt. Hanns-Josef Ortheil ist ein guter Erzähler, er lässt immer mal wieder Sätze fallen, die sich im Hirnkasten des Zuhörers einschreiben.

Stolz auf Leif Randt und Mariana Leky

Was er als Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim ins Leben gerufen hat, ist keine „Schreibschule“, sondern ein „Mentorat und Lektorat“, ein gemeinsames Herausfinden, „wohin die Studierenden eigentlich wollen“. Leif Randt hat zum Beispiel bei ihm studiert und Mariana Leky, die ihm sogar von Tübingen nach Hildesheim gefolgt ist, so groß war die „textuelle Empathie“. Nicht nur auf ihren Erfolg ist der Mentor „sehr stolz“.
Mariana Leky hat mit „Was man von hier aus sehen kann“ auch einen Roman geschrieben, in dem der Westerwald die Kulisse bildet. Hanns-Josef Ortheil lebt und arbeitet hier, geht auf Spurensuche und „Ideenfang“. „Seelisch“ sei er ein Westerwälder, sagt er. Und das schließt offensichtlich alles ein: Familie, Biografie, Reisen, Heimat – und den großen Erfolg, als aus einem Schweigen Geschichten wurden.

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren und wuchs in Köln, Wuppertal, Mainz und Wissen auf. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk – über 70 Bücher seit 1979 – wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über 20 Sprachen übersetzt, er hat die Westerwälder Literaturtage ww.lit ins Leben gerufen.
In seinem Autorenblog hält Ortheil Eindrücke und Texte zu Literatur, Musik, Film, Kunst, Fotografie fest (www.ortheil-blog.de). Ein Dokumentarfilm über Ortheil, sein Leben und Schreiben lief im SWR-Fernsehen in der Geburtstagsnacht (auch in der ARD-Mediathek abrufbar). Bei seinem Fest „Una vita“ ab 18 Uhr im Kulturwerk – hier stellt Ortheil nicht nur „Ombra“, sondern auch den von seiner Frau, der Verlegerin Imma Klemm, herausgegebenen Geburtstagsband „Ein Kosmos der Schrift“ vor – kann man live dabei sein oder im Livestream (Tickets bei reservix.de). Das nächste Fest mit Buchpremiere am anderen Tag im Rahmen der lit.Cologne-Sonderedition mit Denis Scheck als Moderator organisiert der Verlag.
Wer dem Schriftsteller, der in Stuttgart und Wissen lebt, gratulieren möchte, kann dies auf der Glückwunschseite seiner Website hanns-josef-ortheil.de tun.

Autor:

Redaktion Kultur

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