Totschlag-Prozess um totes Baby
28-Jähriger Wissener legt Teilgeständnis ab

Vor dem Koblenzer Landgericht muss sich ein 28-Jähriger aus Wissen wegen Totschlags verantworten: Er soll seine eigene Tochter getötet haben.
  • Vor dem Koblenzer Landgericht muss sich ein 28-Jähriger aus Wissen wegen Totschlags verantworten: Er soll seine eigene Tochter getötet haben.
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  • hochgeladen von Marc Thomas

damo Wissen/Koblenz. Als Melanie R. das erste Mal ihr neugeborenes Baby auf dem Arm hält, sind alle Zweifel verschwunden. Dass Sebastian T. eigentlich nicht der Mann ist, mit dem sie sich ein Kind gewünscht hätte? Dass sie schon zweimal kurz vor der Trennung stand? Dass sie zu Beginn der Schwangerschaft über eine Abtreibung nachgedacht hat? Alles ist jetzt vergessen: „Ich war wie im siebten Himmel.“

Was die 30-Jährige am 9. November 2020, dem Tag der Geburt ihrer Tochter, aber noch nicht ahnt: Ihr Glück wird nur von kurzer Dauer sein – denn Hannah wird gerade einmal zwei Monate alt. Im Januar 2021 stirbt das Mädchen in der Siegener Kinderklinik an einem Hirnschaden. Wie es dazu kommen konnte, versucht gerade die Schwurgerichtskammer des Koblenzer Landgerichts zu erhellen.

Staatsanwaltschaft hat klare Vorstellung

Die Staatsanwaltschaft hat eine klare Vorstellung davon, wer die Schuld trägt: Sebastian T. soll seine Tochter zweimal brutal geschüttelt haben – wohl wissend, dass er damit ihren Tod billigend in Kauf nimmt. Jetzt muss sich der 28-Jährige wegen Totschlags vor Gericht verantworten.

Auf der Anklagebank sitzt ein junger Mann, der auf den ersten Blick absolut nichts mit dem Klischee eines Gewalttäters zu tun hat. Er ist von schmächtiger Statur, trägt ein bürotaugliches Hemd, wirkt gepflegt. Er drückt sich eloquent aus, macht einen höflichen Eindruck. Und doch soll er seine eigene Tochter getötet haben – sagt die Staatsanwaltschaft.

Tochter am 3. Dezember geschüttelt

Sebastian T. schildert die Vorkommnisse in Hannahs kurzem Leben aber ganz anders. „Ich habe meine Tochter über alles geliebt“, schickt er seiner Aussage voraus: „Ich habe ihr keine Gewalt angetan.“

Zumindest der zweite Satz hat nur eine kurze Halbwertszeit – denn Sebastian T. gibt wenige Minuten später zu, dass er seine Tochter am 3. Dezember sehr wohl geschüttelt habe. Allerdings nicht, weil er genervt war und sie zur Ruhe bringen wollte, wie es ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft: Er habe dem Kind helfen wollen.

28-Jähriger soll Tochter getötet haben

Sebastian T. berichtet, dass er am 3. Dezember mit Hannah und dem Hund der Familie allein gewesen sei. Er habe das Kind auf dem Arm gehabt, als ihm der Hund plötzlich einen Schubser von hinten gegeben habe. Er habe sich abstützen müssen, um nicht zu fallen – und dabei sei Hannahs Kopf überstreckt worden. Er habe das Baby daraufhin ins Bett gelegt, und als er Minuten später wieder nach dem Säugling schaute, habe dieser mit geöffnetem Mund im Bett gelegen. „Ihr lief Sabber aus dem Mund, und sie sah leblos aus. Ich habe mich total erschreckt.“ Und dann habe er das Kind aus dem Bettchen gehoben – und geschüttelt. „Sie wollten das Kind wachschütteln, oder wie soll ich das verstehen?“, hakt einer der drei Richter nach. „Ja“, sagt der Angeklagte, „ich war in Panik und habe völlig falsch reagiert.“

"Ich war in Panik
und habe völlig falsch reagiert."

Sebastian T.
Angeklagter

So viel zum ersten Tatvorwurf – aber dabei ist es laut Staatsanwaltschaft nicht geblieben. Am 19. Dezember soll Sebastian T. seine Tochter erneut geschüttelt haben, und zwar mit dramatischen Folgen: Noch am Abend musste das Kind im Krankenhaus reanimiert werden.

Atmung hat ausgesetzt

Für diesen Vorfall liefert der Angeklagte gar keine Erklärung: Während seine Partnerin mit dem Hund vor der Tür gewesen sei, habe Hannahs Kopf angefangen zu zucken, und ihre Atmung habe ausgesetzt. „Ich habe an diesem Tag nichts gemacht“, beteuert der Angeklagte.

Den anschließenden Besuch des Notarztes, die Fahrt ins Krankenhaus, die Wiederbelebung und Hannahs letzte Wochen in der Kinderklinik: All das schildert Melanie R. im Zeugenstand – unter Tränen, aber stringent und ausführlich.

Hirnblutungen und ein Hirnödem

Bis zuletzt hatte sie keine Ahnung, dass ihre Tochter Hirnblutungen und ein Hirnödem als Folge eines Schütteltraumas erlitten hatte. Wochenlang hat sie am Krankenbett ausgeharrt, ihrer Tochter Bücher vorgelesen, das Kind gestreichelt. Und nichts hat sie sich mehr gewünscht, als dass Hannah durchkommen würde: „Ich habe geahnt, dass sie wohl schwer behindert sein würde – aber ich hatte große Hoffnung, dass wir sie behalten können.“

Und so brach für sie eine Welt zusammen, als Hannahs Leben zu Ende ging und plötzlich die Diagnose Schütteltrauma im Raum stand. Wie in Trance nahm sie wahr, dass das Jugendamt im Krankenhaus auftauchte und die Kripo Sebastian T. verhaftete. „Ich konnte das alles gar nicht glauben, habe gar nichts mehr verstanden. Ich habe ihm doch meine Tochter anvertraut.“

Im Prozess tritt die 30-Jährige als Nebenklägerin auf; sie sitzt Sebastian direkt gegenüber. Und doch trennen sie Welten.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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