5 Kilo Sprengstoff gegen 300 Tonnen Ziegelstein

Schornstein der alten Kistenfabrik Wissen ist gestern Nachmittag gesprengt worden / Platz für neue Wohnhäuser

damo Wissen. »Sie sind ja immer noch nicht weg!« Der, der da lautstark kommandiert, ist Peter Bach, Bauleiter der Firma Rethmann Sanierungsdienste. Und der, der verdutzt fragt, in welche Richtung er verschwinden solle, ist ein Passant. »Das ist egal«, entgegnet Bach. »Wo sehe ich denn besser?« fragt der Zaungast. Und Bach, ganz Gentleman, antwortet: »Nirgends. Darum geht es ja.«

Es herrscht angespanntes, hektisches Treiben. Hier rangiert ein Feuerwehrwagen, dort fährt die Polizei vorbei. Mittendrin immer: Bach. Er koordiniert die Sprengung des Schornsteins der alten Kistenfabrik. Und: »Ich halte den Kopf hin, wenn etwas schief geht.« Aha. Daher also der Kasernenhof-Ton im Umgang mit den Schaulustigen. Bach erklärt weiter: Wie mit dem Zirkel gezogen, sind rund um die alte Kistenfabrik die Straßen gesperrt worden, und zwar in einem Radius von 150 Metern.

»Selbst wenn der Schornstein in eine falsche Richtung fällt: Personenschaden ist ausgeschlossen«, berichtet Klaus Becher vom Wissener Ordnungsamt. »Rundum ist genug Platz.« Lediglich die Gewächshäuser einer nahe gelegenen Gärtnerei würden geplättet – aber in Reichweite des 40 Meter hohen Ziegelschornsteins halten sich keine Unbeteiligten mehr auf. Die Anwohner haben die Jalousien heruntergelassen.

Einer der wenigen Privilegierten, der sich das Spektakel aus nächster Nähe anschauen darf, ist Hubert Dornhoff. Der Rentner wohnt seit 51 Jahren neben der alten Kistenfabrik; er hat sogar lange Jahre dort gearbeitet. »Das Hoesch-Werk hat für seine Übersee-Transporte hier die Kisten für die Bleche hergestellt«, erinnert er sich, »da kamen Baumstämme an, liefen durch das Gatter und kamen als Vierkant wieder raus.« Das, was im Gatter an Holzabfall anfiel, wurde verbrannt – dafür der hohe Ziegelschornstein.

Mitte der 80er Jahre ist die Fabrik ausgebrannt; Thyssen-Krupp als Grundstücksbesitzer hat die Fläche rund um den Schornstein und die Reste der alten Halle vermietet. Jetzt aber geht es dem alten Kamin an den Kragen. Und Dornhoff steht mit seiner Frau Elvira in respektvollem Abstand und wartet auf die Sprengung, die ihnen einen ganz neuen Ausblick aus dem Wohnzimmerfenster bescheren wird.

40 Meter hoch, sechzig Zentimeter stark gemauert, rund 300 Tonnen schwer: Eine punktgenaue Sprengung ist keine leichte Aufgabe. Das räumt Bach ein, um aber zugleich klarzustellen: Abreißen wäre zu teuer – und zudem auch nicht sicherer. Also wurden vor einigen Tagen die Vorarbeiten in die Wege geleitet.

»Wir werden so sprengen, dass der Schornstein teils in sich zusammenfällt, dabei aber der Länge nach umfällt«: So stellt Bach sich seinen Job vor. Dazu hat er tonnenweise Mutterboden ankarren lassen, um dem Koloss ein weiches Fallbett zu schaffen: »Was glauben Sie denn, wie die Ziegel sonst splittern?« Drumherum liegt aufgetürmter Bauschutt: »Der dient als Splitterschutzwall.« Und um die Staubbildung so gering wie möglich zu halten, hat die Feuerwehr Wasserwerfer eingesetzt. Das Wasser soll die feinen Partikel binden.

Kurz vor 17 Uhr: Die erste Sirene heult, eine Anwohnerin im nahegelegenen Hotel »Ambiente« packt den Fotoapparat aus. »Mist – keine Batterien!« Zum Wechseln ist es zu spät, die zweite Sirene heult. Sekunden später gibt Sprengmeister Klaus Meier den elektrischen Impuls: 5 Kilo Knetgummi-Sprengstoff, am Fuß des Turms angebracht, werden gezündet.

Es knallt, erstaunlich leise, und für Bruchteile von Sekunden passiert: nichts. Dann gerät der Schornstein langsam in Schieflage, neigt sich in Richtung des geplanten Fallbetts, bricht in der Mitte und sackt teilweise in sich zusammen, fällt, landet – fertig.

»Eine Punktlandung«, freut sich der Sprengmeister, und auch Bach strahlt. »Mensch, klasse. Das hat einwandfrei geklappt.« Wie? Haben Sie etwa daran gezweifelt, Herr Bach? »Ich habe Ihnen vorhin nicht erzählt, wie marode der Turm innen war. Ganz feucht, das Gemäuer. Das war keine leichte Aufgabe«, grinst er, und jetzt wirkt er eher schelmisch als gebieterisch. Er hat seine Arbeit gemacht, alle sind zufrieden – und er, der hohe Ansprüche stellt, ist es auch.

Jetzt muss in den kommenden Tagen der Schutt entfernt werden. Es wird von den chemischen Analysen abhängen, ob das alte Mauerwerk recycled werden kann oder entsorgt werden muss. Auch die Zukunft des rund 20000 Quadratmeter großen Areals der alten Kistenfabrik ist noch offen: Mutmaßlich wird dort die benachbarte Gärtnerei erweitert; zwei Drittel der Fläche sollen bebaut werden, berichtete Karl Brunne, der bei Thyssen-Krupp für die Immobilien zuständig ist.

Das alles interessiert Bach vermutlich recht wenig. Er läuft mit seinen Kollegen grinsend auf die andere Straßenseite. Dort gesellt er sich zu all denen, die über die Sprengung fachsimpeln und noch einmal die Geschichte der alten Kistenfabrik Revue passieren lassen. Bach holt sich jetzt auch etwas zu trinken. Geschafft.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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