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Jürgen Linke schreibt über Kindheit in Niederhövels
Blutbad im Hühnerstall und Vollrausch mit fünf

Jürgen Linke hat ein Buch über seine Kindheit in Niederhövels geschrieben.
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damo Wissen/Niederhövels. Ohne den Menschen in Niederhövels zu nahe treten zu wollen: Ihr Dorf wird nie in den großen Reiseführern auftauchen. Entstanden als Bergmannssiedlung, würden die Städteplaner der Gemeinde heute das Etikett „klassisches Straßendorf“ anheften: Praktisch das gesamte Leben spielt sich entlang der Hauptstraße ab. Allzu viele Gründe für Auswärtige, einen Stopp einzulegen, gibt es nicht. All das war in den 1960er-Jahren kaum anders – und doch gibt es noch eine andere, eine subjektive Wahrheit. Nämlich die von Jürgen Linke. Denn in seinem Buch „Wölfjen und ich“ spielen nicht nur zwei kleine Jungs die Hauptrolle, sondern auch der Ort ihrer Kindheit: Niederhövels. „Schön war er nicht, der Ort“, schreibt Linke, aber: Unglaublich faszinierend sei er gewesen.

damo Wissen/Niederhövels. Ohne den Menschen in Niederhövels zu nahe treten zu wollen: Ihr Dorf wird nie in den großen Reiseführern auftauchen. Entstanden als Bergmannssiedlung, würden die Städteplaner der Gemeinde heute das Etikett „klassisches Straßendorf“ anheften: Praktisch das gesamte Leben spielt sich entlang der Hauptstraße ab. Allzu viele Gründe für Auswärtige, einen Stopp einzulegen, gibt es nicht. All das war in den 1960er-Jahren kaum anders – und doch gibt es noch eine andere, eine subjektive Wahrheit. Nämlich die von Jürgen Linke. Denn in seinem Buch „Wölfjen und ich“ spielen nicht nur zwei kleine Jungs die Hauptrolle, sondern auch der Ort ihrer Kindheit: Niederhövels. „Schön war er nicht, der Ort“, schreibt Linke, aber: Unglaublich faszinierend sei er gewesen. Und das glaubt man ihm aufs Wort, wenn man in seine gedruckten Kindheitserinnerungen abtaucht.

Der perfekte Abenteuerspielplatz

Diese Unbeschwertheit, diese Abenteuerlust, diese Leichtigkeit: All das haben kleine Kinder weitgehend exklusiv. Und aus den Augen eines Sechsjährigen muss Niederhövels in den 60er-Jahren der perfekte Abenteuerspielplatz gewesen sein. Als Linke im Herbst 1958 geboren wurde, war die Grube Eupel noch in Betrieb – und sie war Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite bot das Bergwerk den Menschen Arbeit und ein Auskommen, auf der anderen Seite machte die Maloche unter Tage manchem Leben viel zu früh ein Ende: Linkes Opa ist „nur 35 Jahre alt geworden, an Staublunge krepiert“. Aber die Diagnose – und damit auch mögliche Zahlungen an die Hinterbliebenen – wurde einfach vom Tisch gewischt: „Bestochene, aber durchaus hoch angesehene Ärzte sorgten mit ihren Gutachten dafür, dass Großmutter und ihre vier Kinder in bittere Armut fielen.“ Materiell also nicht gerade begünstigt, musste Linke oft die abgetragenen Lederhosen aus den Vierzigern und Fünfzigern anziehen.

Kindheit reich an Erlebnissen

In seinem Buch schreibt er: „Klar, nach heutigen Gesichtspunkten waren wir arm.“ Aber allzu viel Bedeutung misst Linke diesem Thema in seinem Rückblick nicht bei: Stattdessen wird bei der Lektüre immer wieder deutlich, dass seine Kindheit reich an Erlebnissen, Erfahrungen und kleinen und großen Abenteuern war. „Es sind Geschichten aus einer Zeit ohne Überfluss“, sagt Linke heute im Gespräch mit der SZ, „und ich glaube, viele andere Menschen haben Ähnliches erlebt. Ich denke, dass sich die gesamte Generation in dem Buch wiederfinden kann“. Zumindest der Teil seiner Generation, der ebenfalls auf dem Land aufgewachsen ist. Denn dort haben die Uhren einfach langsamer getickt als anderswo. Das bekommt Linke bei seiner ersten Fahrt mit dem Zug nach Köln zu spüren: Mit offenem Mund starrt der kleine Junge vom Dorf auf den Dom, auf die Geschäfte und die Menschenmengen in der Hohen Straße – und hat anschließend tagelang in den Schulpausen zu erzählen. Denn in seinem Dorf scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Noch in den 1960er-Jahren gibt es in Niederhövels in der Schule konfessionell getrennte Toiletten. Und eine Demarkationslinie aus Kreide teilt den Schulhof: Auf der einen Seite spielen die katholischen Kinder, auf der anderen die protestantischen. „Und wenn einer über die Linie kam, gab’s eine Klopperei“, erzählt Linke lachend.

Hühnerschlachten auf dem Bauernhof

Viele Episoden lassen den Leser ins dörfliche Leben der 1960er-Jahre eintauchen. So berichtet Linke vom Hühnerschlachten auf dem Bauernhof (großes Blutbad), von dem Tag, als die ausrangierten Dampfloks am Bahnhof zwischengelagert wurden (großes Abenteuer) und von dem Tag, als er mit seinem besten Freund Wölfjen in die Bahnhofsgaststätte geschickt wurde, um für den Onkel Bier zu holen. Das wurde damals noch in Bügelflaschen verkauft, was die Jungs auf eine Idee gebracht hat (großer Vollrausch). All das erzählt der 62-Jährige mit Wortwitz und mit der Fähigkeit, über sich selbst zu schmunzeln. Ein bisschen wehmütig wird das Buch erst am Ende – mit sieben Jahren ist seine Familie nach Wissen gezogen, und der kleine Jürgen musste Abschied nehmen. Von Wölfjen, vom Steckensteiner Kopf, vom Plumpsklo hinterm Haus – vor allem aber von seinem Dorf, wo er wirklich jeden Baum, jeden Strauch und jeden Trampelpfad gekannt hat.
Viele davon gibt’s immer noch.

Jürgen Linke hat ein Buch über seine Kindheit in Niederhövels geschrieben.
Jürgen Linke aus Wissen hat die Erinnerungen an seine Kindheit zu Papier gebracht – und neben seinem besten Freund „Wölfjen“ spielt das Grubendorf Niederhövels in dem Buch die Hauptrolle.
Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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