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Hilfseinsatz an der Ahr zwischen Frust und Freude
"Den Krisenstab konnte man in der Pfeife rauchen“

Die grünen Lkw aus Freusburg sind für viele Menschen an der Ahr zu einem vertrauten Anblick geworden. Direkt nach der Katastrophe haben die Gebr. Schmidt Geräte zur Verfügung gestellt, zunächst auf rein ehrenamtlicher
Basis.
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  • hochgeladen von Klaus-Jürgen Menn (Redakteur)

thor  Freusburg/Wissen. Michael Menzel ist das, was man gemeinhin als Macher bezeichnet. Muss er auch sein. Im Tiefbau wird mehr gehandelt als geredet. Der Wissener arbeitet seit über 40 Jahren bei der Firma Gebr. Schmidt und ist dort mittlerweile Leiter der Logistik. Und eigentlich ein bodenständiger und heimatverbundener Mensch. An diesem Wochenende wird Menzel aber erneut nicht zu Hause sein. Seit sieben Wochen sieht er die Ahr öfter als die Sieg. Das Logo des Freusburger Unternehmens, die grünen Lkw und gelben Bagger, sind im Katastrophengebiet allgegenwärtig. Und ohne Macher wie Menzel hätten die Menschen dort vielleicht schon jede Hoffnung verloren.

Alles beginnt als rein private Initiative. Als der Wissener die ersten Bilder sieht, ist ihm klar: „Die müssen dringend Lkw haben.

thor  Freusburg/Wissen. Michael Menzel ist das, was man gemeinhin als Macher bezeichnet. Muss er auch sein. Im Tiefbau wird mehr gehandelt als geredet. Der Wissener arbeitet seit über 40 Jahren bei der Firma Gebr. Schmidt und ist dort mittlerweile Leiter der Logistik. Und eigentlich ein bodenständiger und heimatverbundener Mensch. An diesem Wochenende wird Menzel aber erneut nicht zu Hause sein. Seit sieben Wochen sieht er die Ahr öfter als die Sieg. Das Logo des Freusburger Unternehmens, die grünen Lkw und gelben Bagger, sind im Katastrophengebiet allgegenwärtig. Und ohne Macher wie Menzel hätten die Menschen dort vielleicht schon jede Hoffnung verloren.

Alles beginnt als rein private Initiative. Als der Wissener die ersten Bilder sieht, ist ihm klar: „Die müssen dringend Lkw haben.“ Bei Geschäftsführer Uwe Schmidt rennt er offene Türen ein. Zusammen mit Schachtmeister Simon Brüggemeier werden Hilfskolonnen zusammengestellt. Schon am zweiten Wochenende nach der verheerenden Flut hat sich das System eingespielt: Samstags um 6.30 Uhr treffen sich die Helfer an der Feuerwehr in Wissen, um gemeinsam an die Ahr zu fahren. Maschinen und Fahrzeuge werden freitags von den Baustellen mitgebracht.

Alles selbst organisiert

Gerade in den ersten Tagen ist nichts organisiert, keine Polizei ist vor Ort, keine Verwaltung. Menzel und seine Kollegen organisieren zusammen mit anderen Helfern alles selbst. „Es war ja keiner da, der Anweisungen geben konnte. Den Krisenstab konnte man komplett in der Pfeife rauchen.“ Macher gibt es jede Menge, Handwerker, andere Baufirmen. Private Grundstücke werden vom Schlamm befreit, Straßen geräumt. Lagerplätze für Schutt und Müll werden selbst ausgesucht.

Altenburg ist der Ort, wo Menzel und seine Freunde und Kollegen dabei helfen, das Chaos in den Griff zu bekommen. Anlaufstelle für Helfer aus der heimischen Region wird der „Westerwald-Treff“. Er erlebt große Dankbarkeit, hört aber auch schreckliche Geschichten: Ein Mann will in aller Hektik sein Auto in Sicherheit bringen und überfährt dabei seine Frau, nebenan stirbt eine Hausbewohnerin unter einem Kleiderschrank, ihr Mann überlebt knapp. Schon da steht für den Wissener fest: „Es ist unglaublich, was die Menschen erlebt haben und was sie verarbeiten müssen.“

Die Versorgung klappt ausgezeichnet, aber auch das alles dank privater Initiative. Irgendwo geht immer ein Kofferraum voller Frikadellen auf. „Wir hätten da alle 10 Kilo zunehmen können“, erzählt Menzel. Die Truppe der Gebr. Schmidt bedankt sich auf ihre Weise. So werden am Dorfplatz einfach mal wieder ein paar Blümchen gepflanzt – ein Farbtupfer in all der Tristesse. Sofort zur Stelle ist auch die Bundeswehr, die in den Augen der Freiwilligen hervorragende Arbeit leistet und zum Beispiel die Versorgung mit Treibstoff organisiert.

Bürokratie gewinnt wieder die Oberhand

Nach einer gewissen Zeit gibt es nicht nur freiwillige Helfer der Gebr. Schmidt. Das Unternehmen nimmt erste Aufträge von den Kommunen an. Es sind die untersten Verwaltungsebenen, die Ortsvorsteher und Ortsbürgermeister, die genau wissen, wo welche Hilfe wann erforderlich ist. Und zu Beginn ist laut Menzel auch nichts von der so gefürchteten deutschen Bürokratie zu spüren. Was sich ändern soll.
Der Wissener berichtet von einem zentralen Lager am Ahrtal, wo die Reifen sämtlicher Einsatzfahrzeuge repariert oder neu aufgezogen werden. Praktisch über Nacht und ohne jede Information sei dieses Lager nach Niederzissen verlegt worden: „Das passiert, wenn sich die Großen reinmengen.“ Mittlerweile dürfen die Kommunen auch nicht mehr freihändig Aufträge vergeben, das normale Verfahren mit Ausschreibung, Submission etc. hat an der Ahr wieder Einzug gehalten.

Kein Wunder, dass der Tiefbauer im Gespräch nichts Gutes über die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) zu sagen hat. Die Landesbehörde ist mit dem Krisenmanagement beauftragt worden. Wenn dann noch kurzzeitig einem Spezialbagger die Fahrt durch die Ahr verboten wird, weil im Treibgut Vögel brüten könnten, fällt den Helfern nicht mehr viel ein.

Ähnliches hört man von Versicherungen: Eine betroffene Frau soll die Seriennummer ihrer beiden Öltanks angeben – einer ist weg, der andere immer noch unter Wasser. Leute wie Menzel lassen sich auch nicht von der Polizei einschüchtern: Als er mit seinem Caddy auf der Fahrt zu einem Lager von einem Beamten gestoppt wird, bekommt der zu hören: „Ich fahr’ jetzt da durch, Sie können gerne auf mich schießen.“

Dickes Lob an die Geschäftsführung

An diesem Wochenende ist der Wissener vorerst ein letztes Mal privat vor Ort. Die meisten Häuser seien inzwischen komplett entkernt und müssten erst einmal drei bis vier Monate trocknen. Das Problem: Über eine Notversorgung habe jedes Haus drei Steckdosen erhalten. Wenn dort die Trocknungsgeräte angeschlossen würden, breche alles zusammen.

Wenn Menzel ein Fazit dieser Wochen zieht, dann fällt es sehr gemischt aus: Zum einen die enorme Hilfsbereitschaft, zum anderen die unnötig aufgebauten Hürden. Manchem Betroffenen habe man aber auch Mut machen können, so einem Malermeister, dessen nagelneues Haus abgerissen werden musste. Angesichts des Engagements der Freiwilligen hat er sich dazu entschlossen, doch noch einmal von vorn anzufangen.

Ein dickes Lob zollt Menzel der Geschäftsführung der Gebr. Schmidt, die von Anfang an voll hinter den Einsätzen gestanden hätten. Ihm selbst habe diese Hilfe sehr viel gebracht, auch wenn er jetzt schon fast ein schlechtes Gewissen bekomme, weil er nicht mehr regelmäßig vor Ort sei. Angesichts der fehlenden Perspektive für die Menschen sehe er persönlich auch schwarz. Aber: „Ich werde und will das nicht vergessen. Man hat schließlich auch soviel Gutes erlebt.“

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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