SZ

Dürre hat fatale Folgen für die Natur
„Die Erde brennt“

Am offensichtlichsten leidet der Wald unter der anhaltenden Trockenheit – wie der Blick auf das, was vom Kirchener Stadtwald übrig ist, zeigt. Seit 2018 fehlen pro Quadratmeter 350 Liter Regen, und das wirkt sich auf alle Bereiche der Natur aus.  Foto: damo/Grafik:Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
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  • Am offensichtlichsten leidet der Wald unter der anhaltenden Trockenheit – wie der Blick auf das, was vom Kirchener Stadtwald übrig ist, zeigt. Seit 2018 fehlen pro Quadratmeter 350 Liter Regen, und das wirkt sich auf alle Bereiche der Natur aus. Foto: damo/Grafik:Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
  • hochgeladen von Daniel Montanus (Redakteur)

damo ■ Die Forsthäuser der Hatzfeldt’schen Kammer stehen genau da, wo man sie vermuten würde: im Wald. Dort wünschen sich Fuchs und Hase eine gute Nacht, nicht etwa Wassermeister und Kanalbauer. Und niemand hatte jemals in Erwägung gezogen, die Häuser ans öffentliche Wassernetz anzuschließen: Das sei zu teuer, hieß es, und die Leitungen wären so lang, dass die Bakterien im Inneren der Rohre womöglich die Keilschrift und den aufrechten Gang erlernen würden. Aber jetzt sind doch einige der Häuser ans Netz angeschlossen worden: Ihre Brunnen sind trocken, und so blieb den Hatzfeldt’schen keine andere Wahl.

damo  Die Forsthäuser der Hatzfeldt’schen Kammer stehen genau da, wo man sie vermuten würde: im Wald. Dort wünschen sich Fuchs und Hase eine gute Nacht, nicht etwa Wassermeister und Kanalbauer. Und niemand hatte jemals in Erwägung gezogen, die Häuser ans öffentliche Wassernetz anzuschließen: Das sei zu teuer, hieß es, und die Leitungen wären so lang, dass die Bakterien im Inneren der Rohre womöglich die Keilschrift und den aufrechten Gang erlernen würden. Aber jetzt sind doch einige der Häuser ans Netz angeschlossen worden: Ihre Brunnen sind trocken, und so blieb den Hatzfeldt’schen keine andere Wahl.

„Wir leben hier in einer Region, wo die Menschen fast schon Schwimmhäute zwischen den Fingern entwickelt haben“, sagt Nikolaus Graf Hatzfeldt im Gespräch mit der SZ: Der Regen war im Siegerland und im Westerwald immer eine verlässliche Größe. Aber seit drei Jahren ist er knapp geworden. Und die Trockenheit wütet nicht nur im Wald, auf den Weiden und den Feldern: Auch kleine Bäche fallen dauerhaft trocken, dicke Algenteppiche dümpeln träge auf der Sieg, die Böden sind knochentrocken.

All’ das lässt bei von Hatzfeldt und Forstdirektor Dr. Franz Straubinger die Alarmglocken schrillen. Ihre Befürchtung lautet: Wir leben aktuell auf Pump, denn dem Boden wird Wasser entzogen, ohne dass sich neues Grundwasser bilden könnte. „Wir zehren von den Reserven der letzten Jahre, und das wird nicht nicht ewig gutgehen“, warnt Straubinger.

Die Rechnung, die dieser Aussage zugrundeliegt, ist nicht einmal ein Dreisatz – man muss bloß ein bisschen mit großen Zahlen multiplizieren. Nach Angaben des Klimawandelinformationssystems Rheinland-Pfalz fehlen seit 2018 pro Quadratmeter gut 350 Liter Niederschlag. 35 Gießkannen voll. Auf das gesamte AK-Land hochgerechnet, sind in den vergangenen drei Jahren also Niederschläge in einer Größenordnung von 224 Milliarden Litern ausgeblieben. „Wo ist denn all’ dieses Wasser?“, fragt Dr. Straubinger und antwortet sich selbst: „Es ist einfach nicht da.“

Das scheint, wenn man nicht gerade in einem Forsthaus oder einem der Weiler im Wildenburger Land lebt, bis dato kein echtes Problem zu sein – zumindest nicht für uns Menschen. Die Talsperren sind noch erstaunlich gut gefüllt, das Wasser sprudelt unverändert aus den Hähnen. Aber für die Natur hat der dauerhafte Wassermangel schon jetzt ernsthafte Folgen.

Am offensichtlichsten sind die Folgen der drei trockenen Jahre im Wald zu erkennen – das Sterben der Fichte auf großer Fläche ist nicht zu übersehen. Aber längst ächzen auch Buchen, Birken und viele andere unter der Dürre – Arten, die sich immerhin seit der letzten Eiszeit hier wohlgefühlt haben. „Wir haben zwar schlechte Böden in unserer Region, aber bis vor ein paar Jahren hat der Regen das noch immer rausgerissen“, sagt von Hatzfeldt. Aber: Das trifft seit 2018 nicht mehr zu.

Denn nach Einschätzung von Straubinger und von Hatzfeldt greifen die Wurzeln der Bäume praktisch ins Leere: Gerade die Bodenschichten, aus denen die Bäume normalerweise das Wasser ziehen, seien staubtrocken (siehe auch die Deutschlandkarte – alles, was dunkler ist als orange, gilt als extreme Dürre).

Und da helfen auch kurzfristige Niederschläge nicht: Starkregen fließt ohnehin ratzfatz in die Bäche und Flüsse ab, viel Wasser bleibt in den Baumkronen hängen und verdunstet wieder – und um das Wasser, das tatsächlich den Waldboden erreicht, konkurrieren viele durstige Pflanzen. „Da werden noch die oberen 20 Zentimeter feucht, und dann bedienen sich Pflanzen mit oberflächennahen Wurzeln. Unten, wo die Bäume es aufnehmen könnten, kommt nichts mehr an.“ Aber nicht nur die Bäume leiden: „In einer Handvoll Waldboden leben mehr Kleinstlebewesen als Menschen auf der Erde“, zitiert von Hatzfeldt eine alte Erkenntnis der Waldbiologie. Aber wie lange stimmt das noch? „Ohne Wasser funktioniert auf lange Sicht nichts“, mahnt Straubinger und stellt die These auf, dass es mittlerweile bis in 80 Zentimeter Tiefe kaum noch aktive Lebewesen im Waldboden gebe.

Auch den Fließgewässern geht’s zunehmend dreckig. „Das gehört dazu, dass kleine Bäche im Hochsommer schon mal austrocknen“, erklärt Straubinger. „Aber wir sind mittlerweile an dem Punkt, wo sie länger trocken sind, als dass sie Wasser führen.“ Damit gerate das gesamte Ökosystem durcheinander. Und selbst an großen Flüssen wie der Sieg gehe der Wassermangel nicht spurlos vorbei.

Wer sich den Fluss im Sommer genau angeschaut hat, wird über die Vegetation im Flussbett erstaunt gewesen sein. Zwar waren erwartungsgemäß viele seichte Stellen trockengefallen, aber es waren keineswegs kahle Kiesbänke zu sehen, sondern hüfthohe Vegetation.

Das klingt erstmal hübsch, ist aber laut Straubinger fatal: Wenn die Kiesbänke so lange trockenliegen, dass dort Gräser Fuß fassen können, habe das üble Folgen. Denn irgendwann sei zwischen den Kieseln, die eigentlich locker aufeinander liegen sollten, jeder noch so kleine Spalt mit Graswurzeln verstopft. Aber unzählige Lebewesen sind gerade auf diese Nischen zwischen den Steinen angewiesen – zum Beispiel legen Fische dort ihren Laich ab, sagt Dr. Straubinger.

Alle diese Entwicklungen werden im Schloss Schönstein mit großer Sorge zur Kenntnis genommen. Denn dort geht schon lang niemand mehr von einer Laune der Natur, von einer zufälligen Folge von drei trockenen Sommern aus. „Die Welt brennt, das Eis in der Arktis schmilzt, die Permafrostböden tauen auf: Das ist alles auf den Klimawandel zurückzuführen“, sagt Straubinger.

Natürlich versucht die Hatzfeldt’sche Kammer in ihren Wäldern, auf die neuen Rahmenbedingungen zu reagieren. Ziel sind möglichst klimastabile Wälder, die dank ihrer Struktur in der Lage sind, aus dem weniger werdenden Wasser noch das Beste zu machen. Aber das wird nicht reichen, nicht für den Wald, nicht für die Landwirtschaft, nicht für uns, mahnt Dr. Straubinger: „Wir brauchen ein Umdenken, eine Energiewende, eine Mobilitätswende, eine Agrarwende. Und davon sind wir noch weit entfernt.“ <chartag shortcut="z-Autor" tag="autor-7p">Daniel Montanus</chartag>

Am offensichtlichsten leidet der Wald unter der anhaltenden Trockenheit – wie der Blick auf das, was vom Kirchener Stadtwald übrig ist, zeigt. Seit 2018 fehlen pro Quadratmeter 350 Liter Regen, und das wirkt sich auf alle Bereiche der Natur aus.  Foto: damo/Grafik:Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
Der Regen fehlt, der Boden ist trocken: Die Grafik zeigt, wie wenig Wasser in 1,80 Meter Tiefe zur Verfügung steht. Alles, was rot ist, gilt als extreme Dürre.
Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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