SZ

21-Jähriger bleibt trotz versuchter Anstiftung zum Totschlag frei
Die Kurve gekriegt

Im Koblenzer Landgericht ist am Donnerstag der Prozess gegen Jan T. zu Ende gegangen. Dabei ist eine erschreckende Drogenkarriere aufgerollt worden, die aber doch noch ein Happy End hat.
  • Im Koblenzer Landgericht ist am Donnerstag der Prozess gegen Jan T. zu Ende gegangen. Dabei ist eine erschreckende Drogenkarriere aufgerollt worden, die aber doch noch ein Happy End hat.
  • Foto: Daniel Montanus
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

damo Wissen/Koblenz. Innere Leere, Suizidgedanken, Panikattacken, depressive Phasen und der Drang, sich selbst zu verletzen: Irgendwann war von dem glücklichen Kind, das unbeschwert mit den anderen draußen gespielt hat, nicht mehr viel übrig. „Da ist aus mir ein zurückgezogener Jugendlicher geworden“, hat Jan T. der Psychiaterin Dr. Valenka Dorsch erzählt. Ihr Gutachten hat am Donnerstag im Prozess gegen den 21-Jährigen aus Wissen den Schlusspunkt der Beweisaufnahme dargestellt.
Die Einschätzung der Psychiaterin war in dem Prozess vor dem Landgericht von großer Bedeutung – denn ganz offensichtlich hat Jan T. an diesem Abend im April 2019 meilenweit neben sich gestanden. Und so stellt sich die Frage nach der Schuldfähigkeit, aber auch, ob Jan T.

damo Wissen/Koblenz. Innere Leere, Suizidgedanken, Panikattacken, depressive Phasen und der Drang, sich selbst zu verletzen: Irgendwann war von dem glücklichen Kind, das unbeschwert mit den anderen draußen gespielt hat, nicht mehr viel übrig. „Da ist aus mir ein zurückgezogener Jugendlicher geworden“, hat Jan T. der Psychiaterin Dr. Valenka Dorsch erzählt. Ihr Gutachten hat am Donnerstag im Prozess gegen den 21-Jährigen aus Wissen den Schlusspunkt der Beweisaufnahme dargestellt.
Die Einschätzung der Psychiaterin war in dem Prozess vor dem Landgericht von großer Bedeutung – denn ganz offensichtlich hat Jan T. an diesem Abend im April 2019 meilenweit neben sich gestanden. Und so stellt sich die Frage nach der Schuldfähigkeit, aber auch, ob Jan T. eine Gefahr für sich und seine Mitmenschen darstellt.

Unmengen an Rauschmitteln konsumiert

Wie berichtet, ist er am Tatabend erst mit einem Kumpel randalierend durch die Wissener Innenstadt gezogen; anschließend ist er mit einem Anwohner der Bergfeldstraße in eine Schlägerei geraten. Und während des Handgemenges hat er seinen bereits verurteilen Mitstreiter dazu aufgefordert, „der Sau den Schädel zu spalten“. Dieser Satz wiegt strafrechtlich schwer – schließlich ist er nichts anderes als die unverblümte Aufforderung, einen anderen Menschen zu töten.
Aber: Man mag kaum glauben, dass der junge Mann, der damals vollkommen außer Rand und Band war, wirklich derjenige ist, der hier in Koblenz auf der Anklagebank sitzt. Heute hat Jan T. Fuß gefasst: Er macht eine Ausbildung, hat eine Freundin, wirkt reumütig und offen. Und er ist clean – endlich. Denn seit seinem 13. Lebensjahr, also etwa ab dem Zeitpunkt, als das fröhliche Kind verloren gegangen ist, hat Jan T. Unmengen an Rauschmitteln konsumiert. Die Gutachterin lieferte auch den Grund für den ungezügelten Drogenmissbrauch: Jan T. hat die Betäubungsmittel eingesetzt, um sich selbst zu „therapieren“.

War die Diagnose ADHS richtig?

Auf diese Idee ist er nach Einschätzung der Gutachterin übrigens nicht allein gekommen: „Von ärztlicher Seite wurde es ihm leichtgemacht, auf unangenehme Gefühle mit Medikamenten zu reagieren.“ Denn mitten in der Pubertät ist bei Jan T. ADHS diagnostiziert worden, und als Therapie wurde dem Jungen Ritalin verschrieben. Ob die Diagnose gestimmt hat? Die Gutachterin ließ gewisse Zweifel anklingen.
Dass eine Verhaltenstherapie besser gewesen wäre, als nur Medikamente zu geben, machte Dr. Dorsch hingegen sehr deutlich – zumal Ritalin in seiner Wirkung nah dran am Amphetamin sei. Überrascht es also wirklich, dass Jan T. sich prompt in der Szene Amphetamin besorgt hat, als er kein Ritalin mehr verordnet bekommen hat?
Ohnehin war’s erschreckend leicht für den Teenager, sich seinen täglichen Rausch klarzumachen. Cannabis hat er sich schon als 13-Jähriger gekauft, hochwirksame Opiate fand er im Medizinschrank seiner Eltern, und phasenweise muss es in Wissen Benzodiazepine an jeder zweiten Straßenecke gegeben haben: Ein Blister mit 10 Tabletten war für 5 Euro zu haben.
Kurzum: Jan T. hat konsumiert, was da war – ohne jede Hemmschwelle, ohne jedes Maß. Das hätte tödlich enden können, machte die Gutachterin deutlich: „Sie haben Glück, dass Sie heute überhaupt noch hier sitzen.“

Kalter Entzug und Drogentherapie

Nicht nur Glück, sondern sein eigenes Verdienst ist es, dass Jan T. trotz der schwerwiegenden Anklage nicht hinter Gitter muss: Er hat vor gut einem Jahr erst einen kalten Entzug durchgestanden und anschließend freiwillig eine stationäre Drogentherapie absolviert; zudem hat er sich einen Job gesucht und Freude daran. Pädagogen sprechen in solchen Fällen gerne von einer positiven Sozialprognose – und weil bei Jan T. das Jugendstrafrecht angewendet wird, das erziehen statt sühnen soll, schauen auch die Juristen genau auf das Entwicklungspotenzial des Angeklagten.

Gutachterin: „Die Weichen sind gut gestellt“

Nur so ist zu erklären, dass der Kumpel, mit dem Jan T. damals bedröhnt über alle Stränge geschlagen hat, für anderthalb Jahre in der JVA sitzt, Jan T. aber auf freiem Fuß bleibt.
Denn nicht nur Staatsanwaltschaft und Verteidigung waren sich in der Strafzumessung einig, sondern auch die Strafkammer um Vorsitzenden Michael Groß: Der 21-Jährige wurde zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt, die aber zur Bewährung ausgesetzt wird. „Die Weichen sind gut gestellt“, bescheinigte ihm die psychiatrische Gutachterin – jetzt liegt es bei Jan T., ob er sich die Erfahrung eines geschlossenen Vollzug erspart.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

4 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen