Eupel war nur noch Schutt und Asche

Vor 60 Jahren: Verheerender Angriff auf die kleine Bergmannssiedlung bei Niederhövels

theis Hövels. Am 20. März 1945 wurden der Bahnhof und die Schulen von Niederhövels bombardiert. Der Ort Eupel innerhalb von Hövels ist seit jeher durch die gleichnamige Grube geprägt. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg bestand er ausschließlich aus einer Bergmannssiedlung. Dies waren 46 aneinander gereihte Häuschen, die nur von Grubenbeschäftigten und ihren Familien bewohnt wurden.

Drei Zeitzeuginnen, die damals zwischen acht und fünfzehn Jahren alt waren, erinnern sich noch heute an die Bombardierung. Ihre Erzählungen ergeben folgendes Bild:

»Nach Einbruch der Dunkelheit mussten alle Fenster der Siedlung mit schwarzer Pappe verhängt sein. Denn der »Eiserne Gustav«, wie er im Volksmund hieß, drehte seine Runden über dem Wisserland. Es handelte sich dabei um ein Nahaufklärungsflugzeug, das zu allem Überfluss auch noch zwei Bomben an Bord hatte. Bei meiner Großmutter war ein Flüchtling einquartiert, der oft oberhalb der Grube Eupel weithin hörbar auf seiner Trompete blies. Am 15. März 1945 herrschte strahlender Sonnenschein, und das Trompetensignal schallte wieder über den ganzen Ort. Die Luftangriffe der vergangenen Tage waren schon sehr heftig gewesen. Meine Mutter, meine Schwester und ich verbrachten die Tage und Nächte überwiegend im Stollen oberhalb der Feldbahn an der Grube Eupel. Das Fliegergeschwader der Amerikaner unternahm morgens früh schon seine Aufklärungsflüge über den Ort. Viele Eupeler flüchteten in die Stollen der Umgebung. Mein Vater war nicht als Soldat eingezogen worden. Er war schwerhörig und daher untauglich. Er hörte auch kaum den Fliegeralarm, weshalb wir an diesem Tag keinen Schutz unter der Erde suchten.«

Am 15. März 1945 war Eupel schon gegen Mittag fast menschenleer. Nachmittags gab es Fliegeralarm. »Unsere Nachbarin kam zu uns an die Haustüre und rief meiner Mutter Fina zu: ,Komm mit den Kindern in unseren Keller; dann seid ihr nicht so alleine.’ Außerdem war der Raum sicherheitshalber abgestützt. Wir kamen der Aufforderung nach und setzten uns zu den Nachbarn. Dort hockten wir zwischen den Holzstützen, bibberten vor Angst und beteten gemeinsam. Los ging es dann gegen 17 Uhr.«

Die Flugzeuge kamen in mehreren Wellen: »Das Heulen der Bomben und die anschließenden Detonationen waren grausam. Wir hörten die Bomben kommen und verspürten den Aufprall direkt über uns. Die Ohren waren verstopft, wir sahen nichts mehr. Getroffen wurde das Haus, in dessen Keller wir uns aufhielten. Wir waren zugeschüttet mit den Resten des Hauses und hatten doch Glück im Unglück. Wir konnten den Keller über die Trümmer hinweg nach außen verlassen und uns vor dem endgültigen Einsturz gerade noch in Sicherheit bringen.«

Das Haus war völlig ausgebombt. Vom Nachbarhaus war ebenfalls nichts mehr zu sehen. An einem weitern Haus fehlte die Außenwand, Fensterscheiben waren zersplittert. Aber die Möbel waren einigermaßen heil geblieben, und die Ziegen und Kaninchen hatten überlebt.

Eupel war dem Erdboden gleichgemacht. Von 46 Wohnungen und Häusern innerhalb der Kolonie waren 25 zerstört, und die restlichen stark beschädigt und kaum mehr zu bewohnen. »Als die Flieger fort waren, legte sich eine Totenstille über den Ort. Die Luft war stickig, und eine Dunstwolke breitete sich aus. Wir standen wie gelähmt neben den Schutthaufen, wo kurz zuvor Häuser gewesen waren. Die Bewohner kamen langsam aus den Stollen zurück und starrten ratlos auf die Trümmerberge. Sie hatten nichts mehr als das, was sie auf dem Leibe trugen.«

Durch den Bombenangriff 1945 kamen sechs Menschen ums Leben: ein Vater mit drei Kindern, eine Mutter, die drei Kinder und den Mann hinterließ, und eine Frau, die auf Besuch in Eupel weilte. Die vielen Verwundeten konnten im Wissener Krankenhaus nicht behandelt werden. Es war nach dem verheerenden Angriff vom 11. März total überfüllt. Die katholische Schule in Niederhövels war mit Flüchtlingen aus der Eifel belegt. So mussten Verletzte aus Eupel in die Selbacher Schule als Hilfslazarett verlegt werden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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