Genehmigter Umzug statt Giftkeule

»Arbeitskreis Waldameise« und Landespflegebehörde fanden neues Zuhause für Ameisen

Birken. Jeder steht irgendwann mal vor diesem Problem: Die Wohnung ist zu klein geworden, es gibt Probleme mit dem Nachbarn oder die Aussicht gefällt nicht mehr. Ein Tapetenwechsel würde gut tun und der macht einen Umzug notwendig. Die logistischen Probleme, die aus einem Ortswechsel resultieren, sind enorm. Und zwar bereits beim Umzug einer vierköpfigen Familie. Was aber, wenn ein kompletter Staat die Koffer packt. Mit rund 100000 Bürgern, samt mehreren Königinnen und jeweils sechs Beinen pro Einwohner. Das riecht nach jeder Menge Stress. Muss aber nicht sein: »Ein Ameisenvolk ist ein absolut friedliches Gebilde«, erklärt Dieter Krämer aus Hamm. Ameisenumzüge sind für den pensionierten Architekten und ausgewiesenen Ameisenexperten überhaupt kein Problem.

Als Beschützer der gut organisierten, sechsbeinigen Krabbeltiere hat er nämlich viel Erfahrung mit der Umquartierung dieser Insektenstaaten. Genauer gesagt handelt es sich bei den Tieren um Formica polyctena, die Kahlrückige Waldameise. Immer wenn die riesigen Staaten dieser Tierart mit irgendwem in Konflikt geraten, wird der Ameisenexperte zu Rate gezogen. Wie zum Beispiel in Birken bei Mudersbach. Anfang dieser Woche. Gleich mehrere der auffälligen Hügelbauten zierten das Friedhofsgelände der idyllischen Ortschaft. Das Problem: Immer öfter kreuzten sich die Wege von Sechsbeinern und Zweibeinern. Dieter Krämer: »Die liefen den Friedhofsbesuchern um die Füße herum«. Also wurde es höchste Zeit für den geregelten Rückzug der emsigen Tierchen.

Angesichts der Reaktion der Birkener Bürger schlug das Naturschutzherz Krämers höher: »Es ist erfreulich, dass die Leute sich an die Kreisverwaltung wendeten, statt das Problem verbotenerweise mit der Giftkeule zu lösen.«

Der Umzug musste übrigens erst noch genehmigt werden. Von ganz oben, will heißen, von der Struktur- und Genehmigungsdirektion Koblenz, denn Formica polyctena steht auf der Liste der Naturschützer. Die ist rot und gibt Auskunft über den Gefährdungsgrad von Tier- und Pflanzenarten. Außerdem gehört die Kahlrückige Waldameise nach der Bundesartenschutzverordnung zu den besonders geschützten Tierarten. Eingriffe in die Intimsphäre solcher Spezies sind nur noch mit einer Ausnahmegenehmigung erlaubt. Die wird natürlich nur in besonderen Fällen erteilt. Zum Beispiel »zum Schutz, zur Hege oder zur Erfassung« der geschützten Art. Auf dem Friedhofgelände in Birken handelte es sich nach den Worten der Koblenzer Behörde um eine »Rettungsumsetzung«.

Rund 100000 Sechsbeiner mussten also die Koffer packen. Dabei half ihnen Umzugsexperte Dieter Krämer und Werner Ebach, der Artenschutzbearbeiter der Unteren Landespflegebehörde des Kreises Altenkrichen, mit seinen Söhnen Daniel und Simon. Vom Bauhof der Gemeinde Mudersbach packte Axel Stettner mit an.

Mit Grabegabel und vier Papiersäcken erschien das Ameisen-Rettungskommando vor Ort. In die Säcke wurde das krabbelnde Volk verpackt. Zusammen mit ihrem Nesthaufen wanderten die Tiere in den Kofferraum eines Autos. Anschließend ging es in den angrenzenden Wald. Gemeinsam mit Revierförster Lothar Ungeheuer suchte man einen geeigneten Platz im nahen Wald aus. »Am wohlsten fühlen sich die Tiere in einem Mischwald mit Eichen und Birken. In diesem Lebensraum findet das Ameisenvolk ein reichhaltiges und kontinuierliches Nahrungsangebot.« In der neuen Heimat angekommen, beginnt das Volk gleich mit dem Aufbau des neuen Nesthaufens. Die zahlreichen Umsetzungsaktionen, die Krämer in den letzten 15 Jahren gemanagt hat, sind übrigens immer erfolgreich verlaufen, wie spätere Kontrollgänge ergaben. Bis auf einen Fall, bei dem der Ameisenexperte seine Schützlinge im dichten Gebüsch nicht mehr wiederfand. Insekten und jede Menge anderer Kleintiere stehen auf der Speisekarte der Waldameisen. Blattläuse und Raupen der verschiedener Schmetterlingsarten hat Formica polyctena zum Fressen gern. Daher gehören sie zu den Lieblingen eines jeden Försters, denn viele dieser Beutetiere gelten als »Forstschädlinge«.

Die Lieblingsspeise der Ameisen heißt allerdings Honigtau, der zuckerhaltige Saft, der von Blattläusen ausgeschieden wird. Bis zu 500 Kilogramm trägt ein starkes Ameisenvolk in einem Sommer zusammen. Bevor die Blattläuse den kostbaren Saft abgeben, müssen sie regelrecht gemolken werden. Damit die Nahrungsquelle gesichert ist, werden die Blattläuse von den Ameisen umhegt und gegen Feinde beschützt. Viele Tierarten profitieren von dieser Verhaltensweise. Honigbienen zum Beispiel. Die bringen bei gut »gepflegten« Blattlausbeständen mehr Honig nach Hause.

Als »Gärtner« sorgen die Waldameisen für üppiges Pflanzenleben, da sie Pflanzensamen verschleppen, die dann in Nestnähe keimen. Krämer ist deshalb überzeugt: »Unsere hügelbauenden Waldameisen sind als Ökotrupp des Waldes wichtig für das Gleichgewicht im Walde.« Trotz aller Begeisterung für die fleißigen Insekten möchte Krämer eine verbreitete Fehleinschätzung korrigieren: »Ameisen sind keineswegs intelligent.« Die Meinung teilt er übrigens mit Mark Twain, der zum gleichen Ergebnis kam. Nachdem er während eines Schwarzwaldbesuchs Ameisen beim mühsamen und überhaupt nicht zielgerichteten Transport von Tannennadeln beobachtet hatte.

dima

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.