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Baby-Prozess um tote Hannah
Google-Daten belasten Angeklagten schwer

Vor dem Koblenzer Landgericht muss sich ein 28-Jähriger aus Wissen wegen Totschlags verantworten: Er soll seine eigene Tochter getötet haben.
  • Vor dem Koblenzer Landgericht muss sich ein 28-Jähriger aus Wissen wegen Totschlags verantworten: Er soll seine eigene Tochter getötet haben.
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  • hochgeladen von Marc Thomas

damo Wissen/Koblenz. Google vergisst nichts. Und das könnte für Sebastian T. Konsequenzen haben: Die Kripo hat das Handy des 28-Jährigen untersucht – und die Daten, die ans Tageslicht gekommen sind, spielen im Prozess um das tote Baby Hannah eine zentrale Rolle.

Wie wichtig die Browserdaten im Totschlag-Prozess gegen Sebastian T. sind, wird schon daran deutlich, dass es in den Ermittlungsakten einen eigenen Sonderband namens „Detaillierter Webverlauf“ gibt. Dieser Name ist keine Übertreibung: Akribisch wird aufgelistet, welche Suchanfragen der Angeklagte im Dezember 2020 gestartet hat.

Immer wieder hat Sebastian T. im Internet recherchiert, welche Folgen es haben kann, ein Baby zu schütteln.

damo Wissen/Koblenz. Google vergisst nichts. Und das könnte für Sebastian T. Konsequenzen haben: Die Kripo hat das Handy des 28-Jährigen untersucht – und die Daten, die ans Tageslicht gekommen sind, spielen im Prozess um das tote Baby Hannah eine zentrale Rolle.

Wie wichtig die Browserdaten im Totschlag-Prozess gegen Sebastian T. sind, wird schon daran deutlich, dass es in den Ermittlungsakten einen eigenen Sonderband namens „Detaillierter Webverlauf“ gibt. Dieser Name ist keine Übertreibung: Akribisch wird aufgelistet, welche Suchanfragen der Angeklagte im Dezember 2020 gestartet hat.

Immer wieder hat Sebastian T. im Internet recherchiert, welche Folgen es haben kann, ein Baby zu schütteln. Und als ob das nicht schon belastend genug wäre, kommt erschwerend hinzu, dass die Chronologie seiner Suchanfragen eine kaum übersehbare Dynamik aufweist.

„Baby schütteln“ wird zum „Schütteltrauma“

Anfangs hat der Angeklagte noch diffuse Suchbegriffe eingegen – aber im Laufe der Zeit wurden seine Anfragen immer präziser. Aus „Baby schütteln“ wurde „Schütteltrauma“, und als die Ärzte in der Siegener Kinderklinik ihre Diagnose ausgesprochen hatten und damit der Verdacht gegen die Eltern im Raum stand, hat Sebastian T. „Schütteltrauma Täter“ in die Google-Maske eingegeben. Und einen online verfügbaren Zeitungsartikel hat er mehrfach gelesen – die Überschrift lautet „Acht Jahre Haft für Täter“.

Nicht nur die Auswertung dieser Internet-Daten macht es Sebastian T. und seiner Verteidigerin Marion Faust schwer: Auch die Zeugenaussagen, die am Mittwoch in Koblenz laut geworden sind, lassen dem Angeklagten immer weniger Luft.

"Schlimmste Form der Misshandlung"

Direkte Beobachter der Tat gibt es nicht; also versucht die Schwurgerichtskammer, ein Bild vom Angeklagten, seinem Charakter und der Lebenssituation zu gewinnen. Dazu wurden drei Zeugen aus dem nahen Umfeld gehört.

Nie über emotionale Themen gesprochen

Einer davon war ein junger Mann, der schon seit Kindheitstagen mit dem Angeklagten befreundet ist. Seine Aussage dürfte dem Angeklagten noch am besten gefallen haben: Der 28-jährige Schreiner gab zwar zu Protokoll, mit dem Angeklagten nie über emotionale Themen gesprochen zu haben, beschrieb ihn aber als freundlich.

Diese Eigenschaft stellten auch zwei Freundinnen von Hannahs Mutter nicht in Abrede – aber sie zeichneten kein positives Bild vom Angeklagten. „Das war nicht ihr Mann fürs Leben“, schilderte die erste Zeugin, wie Melanie R. ihren Partner gesehen hat. „Sie hat mir erzählt, dass er ziemlich schnell aggressiv werden konnte und von jetzt auf gleich Ausraster hatte.“

"Es kann ja nur einer von den beiden gewesen sein
– und Melanie schließe ich aus."

Jenny A.
Zeugin im Landgericht

Auch Jenny A., die zweite Zeugin, berichtete von Streitigkeiten in der Beziehung und davon, dass Sebastian T. oft überfordert gewesen sei und seine Tochter „dummes Kind“ genannt habe. Als die
Diagnose Schütteltrauma im Raum stand, war sich die Zeugin sicher, wer verantwortlich ist: „Es kann ja nur einer von den beiden gewesen sein – und Melanie schließe ich aus.“

In Mutterrolle aufgegangen

Denn die 30-Jährige sei in ihrer Mutterrolle völlig aufgegangen und habe sich mit ganz viel Liebe um ihre Tochter gekümmert: „Sie war total glücklich.“ Und dass, obwohl die Schwangerschaft nicht geplant gewesen sei: „Anfangs war Melanie überrumpelt, und sie hat über eine Abtreibung nachgedacht. Aber das wäre nie eine Entscheidung gegen Hannah gewesen, sondern gegen ihn als Vater.“ Aber Melanie R. habe sich schließlich bewusst für das Kind entschieden: „Hannah war ein überraschendes Geschenk für sie“, berichtete die Zeugin.

Nur zu verständlich, dass die junge Frau nach der Horrordiagnose „völlig am Boden“ war, wie eine der beiden Zeuginnen ausgesagt hat. Auch eine Psychologin aus der Kinderklinik bestätigte dem Gericht, dass Melanie R. „sehr emotional“ auf die Diagnose reagiert habe. „Sie war emotional voll bei ihrem Kind“, sagte sie – ganz im Gegensatz zum Angeklagten: „Er hat versucht, für seine Partnerin da zu sein. Ihn habe sie ausschließlich auf dieser Ebene wahrgenommen.“

Verantwortung übernehmen

Die Psychologin berichtete auch, dass sie natürlich versucht habe, aufzuklären, wie es zum Schütteltrauma kommen konnte. „Ich habe Sätze gesagt, die ich in solchen Situationen immer wieder sage: Dass es hilft, darüber zu reden und Verantwortung zu übernehmen. Ich habe mehrfach versucht, Brücken zu bauen – aber ohne Erfolg.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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