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Landwirte fühlen sich zu Befehlsempfängern degradiert
Hilferuf beim „Europäischen Kaffeetrinken“

Im Hofcafé von Birgit und Bernd Wäschenbach in Hönningen diskutierten heimische Landwirte mit der Abgeordneten Jessica Weller.
  • Im Hofcafé von Birgit und Bernd Wäschenbach in Hönningen diskutierten heimische Landwirte mit der Abgeordneten Jessica Weller.
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damo Katzwinkel. Für eine Gesprächsrunde mit einem Politiker ist das hier doch mal ein wirklich erfrischender Satz: „Bevor Sie geboren wurden, war die Welt noch in Ordnung.“ Die Adressatin nahm’s mit einem Lachen – schließlich wurde schnell deutlich, dass Markus Kühn aus Nisterberg die Landtagsabgeordnete Jessica Weller keineswegs als das Grundübel dieser Welt begreift. Vielmehr wollte er pointiert darstellen, dass der Beruf des Bauern seit gut30 Jahren immer weniger Freude macht. Denn seit den 1980er-Jahren würden die Landwirte in einer Flut aus Reglementierungen zu ertrinken drohen.
Geäußert hat Kühn diese Position beim „Europäischen Kaffeetrinken“, das der Bauernverband im Vorfeld der Konferenz der EU-Agrarminister in Koblenz ausgerichtet hat.

damo Katzwinkel. Für eine Gesprächsrunde mit einem Politiker ist das hier doch mal ein wirklich erfrischender Satz: „Bevor Sie geboren wurden, war die Welt noch in Ordnung.“ Die Adressatin nahm’s mit einem Lachen – schließlich wurde schnell deutlich, dass Markus Kühn aus Nisterberg die Landtagsabgeordnete Jessica Weller keineswegs als das Grundübel dieser Welt begreift. Vielmehr wollte er pointiert darstellen, dass der Beruf des Bauern seit gut30 Jahren immer weniger Freude macht. Denn seit den 1980er-Jahren würden die Landwirte in einer Flut aus Reglementierungen zu ertrinken drohen.
Geäußert hat Kühn diese Position beim „Europäischen Kaffeetrinken“, das der Bauernverband im Vorfeld der Konferenz der EU-Agrarminister in Koblenz ausgerichtet hat. Und im hübsch dekorierten Hof-Café von Bernd und Birgit Wäschenbach im Katzwinkler Ortsteil Hönningen geschah schnell das, was immer passiert, wenn ein knappes Dutzend Landwirte beisammensitzt: Es wird politisch.

Welthandel statt eigener Kuhstall

Denn schon lange tauschen sich die Landwirte eher über Flächenprämien als über das richtige Saatgut aus, schon seit Jahren sprechen sie mehr über den Welthandel als über ihren eigenen Kuhstall. Das ist wohl vor allem der Tatsache geschuldet, dass der Stachel sehr, sehr tief sitzt, auch bei den Landwirten aus dem AK-Land. Sie fühlen sich zu Befehlsempfängern degradiert, in dem unguten Gefühl, dass ihnen Menschen Entscheidungen abnehmen, die jedweden Praxisbezug vermissen lassen.
„Wir sind Eigentümer, können aber nicht entscheiden, was wir auf unseren Flächen machen“, sagte Kreisbauern-Vorsitzender Josef Schwan. Sein Kollege Johannes Reifenrath ergänzte, die Fülle an Vorgaben komme einer „faktischen Enteignung“ gleich. Und Kühn sah sich zu der rhetorischen Frage veranlasst: „Warum fällt den Behörden eigentlich nicht auf, dass sich durch ihre Vorgaben seit Jahren alles verschlechtert?“

Flächenprämien, Mercosur und Wertschätzung

Es sind viele Gesetze und Weichenstellungen, die insbesondere auf den kleinen Höfen nur noch Unverständnis hervorrufen. Stichwort Flächenprämien: Wie kann eine Förderkulisse so ausgelegt sein, dass in der Praxis immer mehr Flächen für die Produktion von Lebensmitteln verloren gehen, weil die Prämien eben auch für die Gewinnung von ein bisschen Heu bezahlt werden? Stichwort Mercosur: Wie kann ein Freihandelsabkommen geschmiedet werden, dass den Bauern die Luft zum Atmen nehmen könnte, weil der Markt mit südamerikanischem Rindfleisch geflutet wird – auch wenn dieses unter zweifelhaften ökologischen und sozialen Bedingungen produziert werde? Stichwort Wertschätzung: Wann werden endlich marktgerechte Preise gezahlt, die das gesamte Prämien-Geschachere überflüssig machen? Stichwort Ernährungssicherheit: Will man wirklich den Punkt erreichen, an dem es ohne Lebensmittelimporte im großen Stil nicht mehr läuft – ungeachtet dessen, dass die handelnden Akteure in vielen Exportnationen immer unzuverlässiger werden?

Offenes Ohr, aber keine Lösungen

Jessica Weller, CDU-Abgeordnete aus dem Gebhardshainer Land und Enkelin von Nebenerwerbslandwirten, lieh den Bauern ein offenes Ohr für ihre Kritik – Lösungen indes konnte sie naturgemäß nicht präsentieren. Das liege zum einen an der Oppositionsrolle der CDU, sagte sie: Deren Anträge im Mainzer Landtag würden regelmäßig abgelehnt, „mit viel Glück tauchen sie umformuliert unter anderem Namen wieder auf“. Zum anderen aber kann Weller natürlich all die Entwicklungen nicht beeinflussen, die entweder auf europäischer Ebene vorgegeben werden, dem Verbraucherverhalten geschuldet sind oder dem Weltmarkt unterliegen.Und so blieb das „Europäische Kaffeetrinken“ am Ende das, was solche Veranstaltungen immer sind: ein Hilferuf einer Berufsgruppe, die sich zunehmend ins Abseits gedrängt sieht.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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