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Versuchte Anstiftung zum Totschlag
Ist der Angeklagte schuldfähig?

damo Wissen/Koblenz. Die Diskrepanz könnte kaum größer sein. Im Koblenzer Landgericht macht Jan T. einen guten Eindruck. Er folgt der Verhandlung aufmerksam, wenn er etwas gefragt wird. Er antwortet eloquent und offen, und in den Prozesspausen macht er Smalltalk. Nichts, aber auch gar nichts an dem jungen Mann hat auch nur die leiseste Ähnlichkeit mit dem Bild, das die Zeugen von ihm skizzieren. Und so steht vor allem eine Frage im Raum: War der 20-Jährige am Abend des 2. April 2019 überhaupt Herr seiner Sinne? Das ist eine der beiden zentralen Fragen, die die Große Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Andreas Groß klären muss: War Jan T. schuldfähig – oder war er so benebelt, dass er nicht wusste, was er getan hat? Die zweite Frage, die die Kammer klären muss: Wenn Jan T.

damo Wissen/Koblenz. Die Diskrepanz könnte kaum größer sein. Im Koblenzer Landgericht macht Jan T. einen guten Eindruck. Er folgt der Verhandlung aufmerksam, wenn er etwas gefragt wird. Er antwortet eloquent und offen, und in den Prozesspausen macht er Smalltalk. Nichts, aber auch gar nichts an dem jungen Mann hat auch nur die leiseste Ähnlichkeit mit dem Bild, das die Zeugen von ihm skizzieren. Und so steht vor allem eine Frage im Raum: War der 20-Jährige am Abend des 2. April 2019 überhaupt Herr seiner Sinne? Das ist eine der beiden zentralen Fragen, die die Große Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Andreas Groß klären muss: War Jan T. schuldfähig – oder war er so benebelt, dass er nicht wusste, was er getan hat? Die zweite Frage, die die Kammer klären muss: Wenn Jan T. wegen der versuchten Anstiftung zum Totschlag verurteilt wird, soll er dann in die Justizvollzugsanstalt? Oder wäre er in einer Entzugsanstalt besser aufgehoben? Angesichts der Bedeutung dieser Fragen verblasst die eigentliche Klärung der Taten des 2. April 2019 fast ein wenig – zumal der Fall klar erscheint.

"Spalt der Sau den Schädel! Schlag den tot!“

Wie bereits berichtet, soll Jan T. gemeinsam mit einem Kumpel drei Autoscheiben mit einem Teleskopschlagstock zertrümmert haben. Einer der Geschädigten hat das Duo verfolgt und in einer Rangelei gestellt – und dann, als er Jan T. zu Boden gebracht hatte, soll dieser seinen Mitstreiter aufgefordert haben, ihm zu helfen: „Spalt der Sau den Schädel!“Am zweiten Verhandlungstag rückten reihenweise Beamte aus der recht kleinen Polizeiwache Wissen an – für jeden, der an der mittleren Sieg ein krummes Ding plant, wäre der optimale Zeitpunkt gewesen, es durchzuziehen.
Die Aussagen der Polizisten ergeben ein stimmiges Bild: Sie waren von dem Autobesitzer an den Tatort gerufen worden, und dort hatten sie Jan T. und seinem Kumpel noch angetroffen. „Die beiden waren wie von der Kette gelassen“, sagte einer der Polizisten. Ein anderer berichtete, dass er Schlagstock und Pfefferspray habe einsetzen müssen – beides praktisch ohne Wirkung. Immer wieder hätten sich die beiden jungen Männer vor den Beamten aufgebaut und dabei wüste Beleidigungen gebrüllt. „Die waren vollkommen enthemmt, so verhält sich kein normaler Mensch“, sagte einer der Polizisten.

Polizisten sprechen von völliger Enthemmung

Die beiden jungen Männer verletzten einen Polizisten, und so konnten sie fliehen. Allerdings kamen sie nicht weit: Schnell hatten die Polizisten die Adresse des Angeklagten herausgefunden und Verstärkung aus Betzdorf angefordert. Kurze Zeit später rückten drei Streifenwagen und ein Hundeführer an.
Wer glaubt, dass die beiden jungen Männer im Angesicht dieser Übermacht gepflegt still gehalten hätten, liegt völlig daneben: Als die Streifenwagen an der Wohnung des Angeklagten vorfuhren, stürmten die beiden jungen Männer auf die Straße: „Ihr könnt mit so vielen Leuten kommen, wie ihr wollt: Mit uns werdet ihr nicht fertig!“Selbstbewusste Einschätzung, aber falsche: Jan T. und sein Kumpel haben die Nacht in Polizeigewahrsam verbracht. Auf dem Weg dahin, im Krankenhaus und in der Ausnüchterungszelle waren sie weiter wie von Sinnen, und so haben sie sich weitere Strafanzeigen wegen Beamtenbeleidigung eingehandelt. Fazit der Zeugenaussagen: Es steht praktisch außer Frage, dass Jan T. randalierend und pöbelnd durch Wissen gezogen ist.

War Jan T. schuldfähig?

Jetzt spitzt sich der Prozess immer mehr auf die Frage zu: War Jan T. am Tatabend schuldfähig? In seinem Blut wurden neben Alkohol auch Spuren von Cannabis, Amphetamin und Benzodiazepinen nachgewiesen. Und das, was das Labor der Mainzer Rechtsmedizin an Daten geliefert hat, hat auch der Kumpel von Jan T. jetzt im Zeugenstand bestätigt. Er ist bereits in einem früheren Prozess zu knapp zwei Jahren Haft verurteilt worden und wurde folgerichtig in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Seine zentrale Aussage: „Wir haben alles genommen, was da war.“ Und zwar tagelang: „Es gab keine Sekunde, in der ich nüchtern war.“Was all das für die Frage nach der Schuldfähigkeit bedeutet, wird jetzt die psychiatrische Gutachterin interpretieren.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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