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Gerichtsmedizinerin sicher: Baby an Schütteltrauma gestorben
"Schlimmste Form der Misshandlung"

Vor dem Koblenzer Landgericht muss sich ein 28-Jähriger aus Wissen wegen Totschlags verantworten: Er soll seine eigene Tochter getötet haben.
  • Vor dem Koblenzer Landgericht muss sich ein 28-Jähriger aus Wissen wegen Totschlags verantworten: Er soll seine eigene Tochter getötet haben.
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  • hochgeladen von Marc Thomas

damo Wissen/Koblenz. Als Hannah am 15. Januar in der Siegener Kinderklinik stirbt, schreiben die Ärzte eine erschütternde Diagnose in den Totenschein: Die Mediziner sind davon überzeugt, dass das Baby Opfer einer Gewalttat geworden ist. Um allerletzte Zweifel auszuschließen, wird der Leichnam des Säuglings in die Bonner Gerichtsmedizin überführt. Dort ist Inga Duval für die Obduktion zuständig, und sie ist es auch, die im Koblenzer Landgericht die Aussage des Angeklagten mächtig ins Wanken bringt.

Bevor die Forensikerin in ihrem Gutachten auf den Fall Hannah zu sprechen kommt, holt sie ein Stück weit aus: Zuerst verdeutlicht sie, warum das Schütteln eines Babys so fatale Folgen hat.

damo Wissen/Koblenz. Als Hannah am 15. Januar in der Siegener Kinderklinik stirbt, schreiben die Ärzte eine erschütternde Diagnose in den Totenschein: Die Mediziner sind davon überzeugt, dass das Baby Opfer einer Gewalttat geworden ist. Um allerletzte Zweifel auszuschließen, wird der Leichnam des Säuglings in die Bonner Gerichtsmedizin überführt. Dort ist Inga Duval für die Obduktion zuständig, und sie ist es auch, die im Koblenzer Landgericht die Aussage des Angeklagten mächtig ins Wanken bringt.

Bevor die Forensikerin in ihrem Gutachten auf den Fall Hannah zu sprechen kommt, holt sie ein Stück weit aus: Zuerst verdeutlicht sie, warum das Schütteln eines Babys so fatale Folgen hat. „Schütteln ist die schwerste Form der Kindesmisshandlung“, sagt sie: Ein Viertel der Säuglinge, die das erleiden müssen, stirbt innerhalb der nächsten Tage. Und von denen, die das Schütteln überleben, tragen 75 Prozent Spätfolgen davon.

Kindliches Hirn beim Schütteln in Mitleidenschaft gezogen

Denn das kindliche Hirn wird massiv in Mitleidenschaft gezogen, wenn ein Säugling geschüttelt wird. Viel zu schwer ist sein Kopf im Vergleich zum Rest des Körpers, viel zu schwach die Nackenmuskulatur, um der rohen Gewalteinwirkung etwas entgegensetzen zu können.

Welche Kräfte auf den kleinen Körper einwirken, illustrierte die Medizinerin sehr anschaulich: Wäre das Opfer des Schüttelns 1,80 Meter groß und 80 Kilo schwer, müsste der, der schüttelt, ein sechs Meter großer und zwei Tonnen schwerer Riese sein. Beim Schütteln werde das Gehirn gequetscht, führte Inga Duval aus: Nervenfasern werden zerstört, Blutgefäße reißen.

Folgen dramatisch, aber unsichtbar

Das Tückische daran: Diese Folgen sind zwar dramatisch, aber unsichtbar. „Fast immer kommt der Säugling äußerlich unverletzt in der Ambulanz an“, verdeutlichte die Medizinerin. Und die Symptome seien diffus: Manche Babys würden lethargisch, andere quengelig. Manche würden sich erbrechen, andere seien blass. Das erkläre auch, warum viele Schütteltraumata unentdeckt blieben: „Wenn die Ärzte keinen Anhaltspunkt für ein Schütteltrauma haben, diagnostizieren sie oft das Naheliegende. Man kann davon ausgehen, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt.“ Und so würden mutmaßlich etliche kindliche Entwicklungsstörungen auf ein Schütteltrauma zurückgehen, das unentdeckt geblieben ist.

28-Jähriger Wissener legt Teilgeständnis ab

Ganz anders bei Hannah: Dort haben die Siegener Kinderärzte die richtigen Schlüsse gezogen und mit einer umfassenden Diagnostik eindeutige Indikatoren festgestellt. Das Mädchen hatte Flüssigkeitsansammlungen im Schädel, Hirnblutungen und Blutungen auf der Netzhaut. „Es war ein ganz ausgeprägter Befund“, bilanzierte Duval. Und der habe sich auch bei der Obduktion bestätigt.
Aus all diesen Erkenntnissen hat sie klare Schlüsse gezogen: Laut Gutachten ist Hannah eindeutig an den Folgen eines Schütteltraumas gestorben. Und die Symptome belegen nach Einschätzung der Forensikerin auch, dass das Mädchen an zwei Tagen heftig geschüttelt worden ist.

Atmung hat ausgesetzt

Das wiederum deckt sich nicht mit der Einlassung des Angeklagten. Dieser hatte zwar eingeräumt, das Kind am 3. Dezember geschüttelt zu haben, aber eben nicht am 19. Dezember. An diesem Abend habe Hannahs Kopf plötzlich angefangen zu zucken, und ihre Atmung habe ausgesetzt – und zwar ohne, dass vorher etwas Besonderes passiert sei. „Ich habe an diesem Tag nichts gemacht“, versicherte der Angeklagte.

Auf der Richterbank löste diese Aussage Irritationen aus: „Es muss ja etwas passiert sein, sonst wäre Hannah nicht in einem reanimationspflichtigen Zustand ins Krankenhaus gekommen“, hielt die Richterin dem Angeklagten vor. „Wie können Sie das erklären?“

Bislang hat der 28-Jährige diese Frage noch nicht beantwortet.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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