Schlussübungen eines Kraftakts

Wissener feiern die Eröffnung des neuen Regio-Bahnhofs mit einem gelungenen Fest

goeb Wissen. Staatsminister Hendrik Hering hatte mit seinem Ausspruch gestern Morgen am Mikrofon im Wissener Festzelt auf dem Parkdeck des neuen Regio-Bahnhofs die Lacher auf seiner Seite, als er sagte: »Wissen ist uns lieb und teuer geworden.« Doch die in die Höhe geschossenen Kosten für das neue und sehr schmucke Eingangsportal zur Wissener City am Verkehrsschnittpunkt von Auto, Bus und Bahn, spielten gestern keine Rolle. Da überwog die schiere Freude der Wissener und ihr Stolz auf eine architektonische Visitenkarte, mit der man sich sehen lassen kann. Aus Sicht des rheinland-pfälzischen Wirtschafts- und Verkehrsministers ist die Stadt damit ein ganzes Stück attraktiver geworden, vor allem im Verbund mit dem umgenutzten Gelände der ehemaligen Krupp-Hoesch-Hallen, die jetzt von einer Spedition gekauft wurden, die diese auch optisch in einen hervorragenden Zustand versetzt hat.

Spatenstich vor zweieinhalb Jahren

Bürgermeister Michael Wagener sprach denn auch von einer bewegten Geschichte um die Bahnhofserrichtung, die nicht erst vor zweieinhalb Jahren mit dem Spatenstich begonnen hatte. Verknüpft mit dem ursprünglich noch größer geplanten Bau ist auch eine völlig neue Verkehrsführung, deren Blaupausen in die 1990er Jahre zurückgehen. Nur so sei es nämlich verständlich, meinte der Bürgermeister, dass eine Stadt einen Bahnhof baue. »Einen Regio-Bahnhof in Wissen hätte es nie gegeben ohne die Idee und die Umsetzung der Bahnparallele durch Schaffung einer vollkommen neuen Trasse der Bundesstraße 62.« Die alte Koblenz-Olper-Straße stammte noch aus den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und wurde den Verkehrsströmen nicht mehr gerecht. Ausgangspunkt der Maßnahme, schilderte Wagener, seien Pläne zur Verlegung der alten Straße gewesen, und zwar von der Stadtgrenze in Nisterbrück bis zur Siegbrücke in Richtung Frankenthal. Dies habe Straße und Schiene räumlich näher zueinander gebracht.

Jahre ohne einen Bahnhof

Natürlich habe als zentraler Punkt auch ein markantes Bahnhofsgebäude gebaut werden müssen, als Stätte des Handels und der Begegnung. »Sein Vorhandensein oder sein Fehlen – das hat natürlich große Auswirkungen auf die Atmosphäre in einer Stadt. Dies haben wir schmerzlich erfahren müssen in den Jahren, in denen wir keinen Bahnhof hatten.«

Wagener begrüßte im Festzelt nicht nur die halbe Stadt, so viele Bürger wollten die Feierstunde selbst miterleben, auch viele Gäste aus Politik und Gesellschaft waren anwesend, ebenso wie Vertreter der Partnerstädte Chagny in Frankreich und Krapkowice in Polen sowie Repräsentanten der Bauunternehmen, der Bahn, der Behörden und Architekt Tillmann Stolte. Dechant Reinhard Friedrichs und Pfarrer Marcus Tesch gaben dem Bauwerk anschließend auch den kirchlichen Segen.

Hendrik Hering lobte die Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit, mit der die Wissener das Projekt verfolgt hätten, und auch das Land habe sich nur am Bahnhof in Koblenz mit einem ähnlich großen Volumen engagiert. Dass Wissens Entwicklung einen hohen Stellenwert besitze, zeige auch die Unterstützung der Entlastungsstraße gegenüber des Bahnhofs, die jetzt mit 7,8 Mill. Euro gefördert werden soll. Bald sollen die Bagger anrollen. Ferner soll die Kulturhalle als letzte verbliebene Halle auf dem ehemaligen Hoesch-Gelände mit Landesgeldern unterstützt werden.

»Spüre wahren Eisenbahn-Frühling«

Bahn-Repräsentant Gerhard Schinner sah gar einen »Start in ein neues Bahnzeitalter« kommen. Er bestätigte Aussagen Herings, wonach im Vergleich zu den 90er Jahren das Zugangebot um 50 Prozent verbessert worden sei, was die Kunden mit bis zu 100 Prozent höheren Nutzungszahlen (im Vergleich) dankten. »Ich jedenfalls spüre einen wahren Eisenbahn-Frühling.« Rückgebaute Bahnsteige, eine neue Park-and-Ride-Anlage und die Anbindung an den ÖPNV seien wegweisende Elemente, schwärmte der Sprecher. Schinner lobte auch die Leistung der DB Netz, würden in Wissen doch ca. 100 Züge täglich abgefertigt. Neben diversen Geschäften im Bahnhofsgebäude findet man dort jetzt auch einen Fahrkarten-Verkaufsschalter, den Wissen so lange entbehren musste.

Vor allem die Verteuerung der Stahlpreise während der Bauphase hatte den politischen Ausschüssen lange Sitzungen beschert. Einen Teil der Nachfinanzierung will das Land übernehmen, das bereits mit 6,8 Mill. Euro beteiligt ist. Zusammen mit Maßnahmen der Infrastruktur soll das Großprojekt etwa 15 Mill. Euro gekostet haben.

Doch was sind nüchterne Zahlen? Ihre neuen Errungenschaften wollen die Wissener gebührend feiern. Was mit Stücken der Stadtkapelle und sehenswerten Showeinlagen aus dem »Starlight-Express« bei der Eröffnung gestern Morgen begann, setzt sich mit Stadtfest und Martinmarkt am Wochenende fort. Auch Eisenbahnfreunde dürften angesichts der Ausstellung von historischen Schienenfahrzeugen auf ihre Kosten kommen.

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