SZ

Bauernproteste im AK-Land
Schmerzgrenze erreicht

Weil der Weg nach Berlin weit ist, wenn zuhause hundert Kühe im Stall stehen, haben die heimischen Landwirte gestern nicht in der Hauptstadt demonstriert, sondern Mahnfeuer entfacht – wie hier in Mittelhof.  Foto: damo
  • Weil der Weg nach Berlin weit ist, wenn zuhause hundert Kühe im Stall stehen, haben die heimischen Landwirte gestern nicht in der Hauptstadt demonstriert, sondern Mahnfeuer entfacht – wie hier in Mittelhof. Foto: damo
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damo Mittelhof. Als ihm das erste Mal ein Vogel gezeigt worden ist, hat er noch gedacht, irgendetwas an seinem Traktor sei kaputt. Aber nachdem eine Handvoll Leute kopfschüttelnd ihren Unmut kundgetan hatte, hat Maik Euteneuer plötzlich begriffen, wo das Problem lag: „Die haben mich beschimpft, weil ich sonntags mit der Sämaschine unterwegs war. Als ob mir das Spaß machen würde... Außerdem habe ich ja letztlich auch deren Brötchen gesät.“

Solche Geschichten können die Männer, die gestern Abend in Mittelhof am Lagerfeuer zusammenstanden, fast alle erzählen. Und noch ein Satz kommt vielen von ihnen sehr flüssig über die Lippen: „Das Maß ist voll.“ Es ist eindeutig: Für die Landwirte ist die Schmerzgrenze erreicht.

damo Mittelhof. Als ihm das erste Mal ein Vogel gezeigt worden ist, hat er noch gedacht, irgendetwas an seinem Traktor sei kaputt. Aber nachdem eine Handvoll Leute kopfschüttelnd ihren Unmut kundgetan hatte, hat Maik Euteneuer plötzlich begriffen, wo das Problem lag: „Die haben mich beschimpft, weil ich sonntags mit der Sämaschine unterwegs war. Als ob mir das Spaß machen würde... Außerdem habe ich ja letztlich auch deren Brötchen gesät.“

Solche Geschichten können die Männer, die gestern Abend in Mittelhof am Lagerfeuer zusammenstanden, fast alle erzählen. Und noch ein Satz kommt vielen von ihnen sehr flüssig über die Lippen: „Das Maß ist voll.“ Es ist eindeutig: Für die Landwirte ist die Schmerzgrenze erreicht. Dabei ist es nicht ein einzelner Punkt, der wehtut: Wie gestern in vielen Gesprächen deutlich wurde, ist es die Summe einiger Entwicklungen, die die Bauern auf die Barrikaden treibt. Auch im AK-Land.

Natürlich ist der Weg nach Berlin weit, und er wird noch weiter, wenn zuhause auf dem Hof hundert Kühe gefüttert und gemolken werden müssen. Zur ersten großen Bauern-Demo in Bonn, die die Social-Media-Gruppe „Land schafft Verbindung“ organisiert hatte, waren auch noch viele Landwirte aus dem AK-Land gefahren – Berlin war ihnen schlichtweg zu weit. Es geht nun mal nicht so einfach, den Hof für zwei Tage zu verlassen: „Wir stehen doch alle mit dem Rücken an der Wand“, erklärt einer von ihnen im Gespräch mit der SZ. Um dennoch ihre Solidarität mit den demonstrierenden Kollegen zu betonen, gab es Mahnfeuer.

Das Motto lautete „Westerwald in Flammen“, und in der Tat scheint es für die Bauern zu brennen. Es sind offensichtlich zu viele Faktoren, die ihnen das Leben schwermachen. Da ist nicht nur das Agrarpaket, da geht’s nicht nur um strikte Pestizid-Regulierungen für den Insektenschutz, da klagt keiner ausschließlich über die neue Düngemittelverordnung oder das EU-Mercosur-Abkommen: Es ist das <jleftright>Zusammenspiel aus vielen einzelnen Punkten.</jleftright>

Und doch ist ein Punkt elementar: Die Landwirte wünschen sich deutlich mehr Wertschätzung für ihre Produkte und damit auch für ihre Arbeit. „Wir sehen uns als einen leistungsbereiten Berufsstand, der für die gesamte Gesellschaft eine Vielzahl von Leistungen erbringt“, rief Christian Cordes ins Mikro. Dass der Landwirt aus Mittelhof gestern zu seinen Kollegen gesprochen hat, war allein der Tatsache geschuldet, dass in seinem Hof das zentrale Mahnfeuer loderte. Jeder anderer seiner Kollegen hätte mutmaßlich dasselbe gesagt wie Cordes: dass Bauern wertvolle Lebensmittel produzieren, dass sie die Kulturlandschaft pflegen und erhalten, dass sie wichtige Standards im Tier- und Umweltschutz erfüllen.

Aber dieser Leistungskanon lasse sich kaum aufrechterhalten, wenn die Rahmenbedingungen noch schwieriger würden. Natürlich seien auch die Bauern daran interessiert, das Grundwasser zu schützen und das Insektensterben aufzuhalten – aber es könne nicht sein, dass die Landwirtschaft zum alleinigen Sündenbock abgestempelt werde. Und die gesellschaftlichen Erwartungshaltungen an den Berufsstand seien nur dann umsetzbar, „wenn damit eine höhere Wertschätzung und vor allen Dingen angemessene Honorierung der Erzeugnisse der Landwiortschaft verbunden ist“, mahnte Cordes.

Rückendeckung gab’s von Landrat Dr. Peter Enders und dem Wissener Stadtbürgermeister Berno Neuhoff. Beide betonten ihre Solidarität mit den Landwirten und stellten heraus, dass Lebensmittel einen anderen Stellenwert verdienten. Plaka- tiver formulierte es Maik Euteneuer im Gespräch mit der SZ: „Wenn Leute bereit sind, 1300 Euro für ein iPhone zu bezahlen, aber eine Bratwurst nur 50 Cent kosten darf, stimmt was nicht.“ Und solange das so ist, werden die Proteste anhalten.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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