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20-Jähriger vor dem Landgericht Koblenz
"Spalt der Sau den Schädel! Schlag den tot!“

Mit 13 rauchte Jan T. die ersten Joints, später probierte er fast alles, was ihm in die Hände fiel. Vor allem die Opiate aus dem Medizinschrank seiner Eltern wurden zu seinem ständigen Begleiter.
  • Mit 13 rauchte Jan T. die ersten Joints, später probierte er fast alles, was ihm in die Hände fiel. Vor allem die Opiate aus dem Medizinschrank seiner Eltern wurden zu seinem ständigen Begleiter.
  • Foto: Pixabay (Symbolbild)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

damo Wissen/Koblenz. Eigentlich sind es zwei Geschichten, die die 2. Strafkammer des Koblenzer Landgerichts gerade aufrollt: Eine handelt von völlig sinnfreier Zerstörungswut und Gewalt, die andere von einem 20-Jährigen, der weite Teile seiner Jugend in einem Dauernebel aus Drogen verbracht hat. Hauptdarsteller beider Geschichten ist Jan T. (Name geändert), und er sitzt – daran bestehen schon am ersten Prozesstag praktisch keine Zweifel mehr – zurecht auf der Anklagebank.

Duo zieht durc

damo Wissen/Koblenz. Eigentlich sind es zwei Geschichten, die die 2. Strafkammer des Koblenzer Landgerichts gerade aufrollt: Eine handelt von völlig sinnfreier Zerstörungswut und Gewalt, die andere von einem 20-Jährigen, der weite Teile seiner Jugend in einem Dauernebel aus Drogen verbracht hat. Hauptdarsteller beider Geschichten ist Jan T. (Name geändert), und er sitzt – daran bestehen schon am ersten Prozesstag praktisch keine Zweifel mehr – zurecht auf der Anklagebank.

Duo zieht durch Wissen und zertrümmert Scheiben von Autos

Es ist der Abend des 2. April 2019, Schauplatz ist die Wissener Innenstadt. Laut Anklageschrift ziehen der 20-jährige Jan T. und sein Kumpel Ole R. durch die Bergfeldstraße. Unterwegs zertrümmern sie – warum auch immer – mit einem Teleskop-Schlagstock die Heckscheiben von drei geparkten Autos. Einer der Geschädigten hört den Lärm, sieht den Schaden an seinem Auto und klemmt sich mit seiner Frau hinters Steuer, um den beiden Randalierern zu folgen. Ein paar hundert Meter weiter, so die Überzeugung der Staatsanwaltschaft, stellt der Geschädigte die Täter. Er boxt Jan T. und versucht ihn festzuhalten: „Du bist vorläufig festgenommen. Ich habe die Polizei gerufen.“ Es kommt zum Gerangel, plötzlich liegt Jan T. am Boden, sein Kontrahent hockt auf seinem Brustkorb. Jan T. brüllt in Richtung seines Kumpels: „Hol den Teli raus und spalt der Sau den Schädel! Schlag den tot!“

Versuchte Anstiftung zum Totschlag

Auch wenn Ole R. niemandem den Schädel gespalten hat: Bei so etwas kennen die Strafverfolgungsbehörden keinen Spaß – das Strafgesetzbuch spricht von versuchter Anstiftung zum Totschlag. Das ist der schwerste Vorwurf, mit dem sich Jan T. in seinem Prozess konfrontiert sieht.
Dass er die Polizisten heftig beleidigt hat, als diese am Tatort eintrafen, dass er im Krankenhaus beim Alkoholtest randaliert hat, dass er während der Nacht in der Arrestzelle die wachhabenden Beamten wüst beschimpft hat: All das rundet den völlig sinnbefreiten Abend zwar stimmig ab, wird aber bei der Urteilsfindung nicht die oberste Priorität haben.
Was hingegen sehr wohl ins Gewicht fallen wird, sind die Lebensumstände des Angeklagten. Denn Jan T. ist aus juristischer Sicht noch ein Heranwachsender, und das Jugendstrafrecht will nicht in erster Linie sühnen, sondern erziehen. Also wird es eine maßgebliche Rolle spielen, warum Jan T. an diesem Abend in Wissen die Sicherungen durchgebrannt sind. Und da rückt der zweite prägende Aspekt der Geschichte in den Fokus: die Suchtkarriere des 20-Jährigen.

Mit elf gabs die ersten Zigaretten

Jan T. kann für sich reklamieren, aus nicht ganz einfachen Verhältnissen zu kommen. Aufgewachsen ist er mit fünf Geschwistern, von denen zwei psychisch gehandicapt sind. Sein Vater hatte ein Alkoholproblem, ständig gab’s zuhause Streit. Mit elf die ersten Zigaretten, mit 13 der erste Joint, später ein Chemie-Cocktail, bestehend aus Opiaten und Benzodiazepinen, probeweise auch Koks und Heroin: Spätestens seit seinem 15. Lebensjahr haben die Drogen das Leben des Angeklagten bestimmt. „Mein Konsumverhalten war einfach: Reinschaufeln, was da ist, und dann schauen, wo der nächste Stoff herkommt.“
Offenbar war’s nie ein großes Problem, Nachschub aufzutreiben. Sein erstes Marihuana hat er nach eigener Aussage auf dem Schulhof des Wissener Gymnasiums bekommen, und phasenweise habe es in Wissen Benzodiazepine „im Überfluss gegeben, die konnte man an jeder Ecke kaufen“. Aber noch besser seien die hochdosierten Schmerzmittel gewesen, die er im Medizinschrank seiner Eltern gefunden hat. Vor allem Oxycodon habe es ihm angetan: „Das hat sich von allem am besten angefühlt, so, als ob es keine Probleme mehr gibt.“

Der junge Mann macht einen ehrlichen Eindruck

Dass längst die Drogen zu seinem Problem Nummer 1 geworden waren, hatte der Angeklagte nicht auf dem Schirm – wie auch? Der Dauerrausch blieb nicht ohne Nebenwirkungen, häufig hatte er Filmrisse, und manchmal, wenn „ich ein ganzes Blister Tabletten reingeschaufelt hatte, bin ich nachts aufgewacht und mein ganzer Körper war blau. Ich glaube heute, dass ich ein paarmal fast daran gestorben wäre“. Zum Tatabend kann er nichts sagen: Filmriss.
Der junge Mann macht im Gerichtssaal einen ehrlichen Eindruck, er kann sich gut artikulieren, wirkt aufgeräumt. Er hat eine Therapie hinter sich, ist seit gut einem Jahr clean und macht gerade eine Ausbildung. Auch das wird bei der Strafzumessung ins Gewicht fallen.
Aber eben auch das, was an diesem 2. April 2019 passiert ist. Und da klingt das, was die Zeugen berichtet haben, nicht gut. So schilderte der Autobesitzer, der Jan T. und seinen Kumpel verfolgt hat, dass ihn der Angeklagte gewürgt habe und später, während des Gerangels, seinen Kumpel aufgefordert habe, „der Sau den Schädel zu spalten“. Und das hat den Geschädigten durchaus beeindruckt: „Ich habe die Drohung sehr ernst genommen. Ich habe Angst um mein Leben gehabt.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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