»Weihnachtskalender« für 64 Euro

Birkener Franz Hellmann erhielt undurchsichtige Telefonrechnung / »Dialer« sendete verdeckt

goeb Birken. Die Einzelsumme auf der Dezember-Rechnung der Deutschen Telekom fiel Franz Hellmann aus Mudersbach-Birken sogleich ins Auge. 64 Euro plus Mehrwertsteuer. Der 65-jährige pensionierte Beamte mochte nicht glauben, dass eine Person aus seinem Haushalt eine derart kostenträchtige Einzelverbindung »vertelefoniert« hätte.

Der gebürtige Siegener, der seit 1969 in dem Mudersbacher Ortsteil wohnt und das Haus mit seiner Gattin sowie dem 24-jährigen Sohn Dominik bewohnt, »dröselt« am Monatsende gewohnheitsmäßig die Rechnung nach Haushaltsbewohnern auf. Durch den installierten ISDN-Anschluss verfügt jeder Teilnehmer über eine eigene Nummer. »Ich hatte natürlich erst die anderen in Verdacht«, räumt Hellmann ein, »aber, wie gesagt, so recht vorstellen konnte ich es mir nicht.«

Sohn Dominik ist ein fleißiger Tischlergeselle, der nach vollbrachtem Tagwerk rechtschaffen müde ist. Und auch Frau Hellmann kam für das 21-minütige Telefongespräch am Dienstag, 3. Dezember, nicht in Frage. Die Verbindung wurde nämlich um 0.34 Uhr geführt.

Zwielichtige Geschäftemacher

In der Tat: Weder Frau Hellmann noch der Filius wollten es gewesen sein. »Anfangs ging ich ja noch von einem Telefongespräch aus«, berichtet Franz Hellmann, »aber dann kam mir in den Sinn, dass es auch der PC hätte sein können.« Der Birkener erkundigte sich zunächst bei seinem ältesten Sohn, der sich in der Welt der Computer gut auskennt. Franz Hellmann hatte von so genannten »Dialern« gehört, das sind unter Umständen zwielichtige Geschäftemacher, die sich mitunter verdeckt über das Netz in einen privaten Anschluss einwählen können.

Die Rechnung der Telekom wies für den 3.12. eine 0190er-Service-Nummer aus, angewählt über den Billiganbieter »Talkline«. Die genaue Verbindung konnte der Birkener allerdings nicht eruieren, da die letzten drei Ziffern der Nummer auf der Rechnung unkenntlich gemacht worden waren. »Das habe ich jetzt ändern lassen«, kommentiert dies der Mudersbacher.

»Realisieren technische Verbindung«

Erwartungsgemäß hielt sich Talkline hinsichtlich der »Mail«, die Franz Hellmann dem Anbieter schickte, bedeckt. Hellmann hatte um Aufklärung gebeten über den Einzelposten und kurz mitgeteilt, er könne die Forderung von 64 Euro nicht anerkennen. »Talkline«, schrieb ihm der Anbieter zurück, »ist nicht mit diesem Dienstleister – dem Content Provider – gleichzusetzen. Wir realisieren lediglich die technische Verbindung zwischen Ihnen und dem Anbieter und rechnen diese ab.« Fragen und Einwände zum Dienst, hieß es weiter, seien direkt an den Anbieter zu richten. Die Crux daran: »Wir sind allerdings nur in der Lage, den Anbieter des Dienstes zu nennen, wenn seine Rufnummer in ungekürzter Form vorliegt.« Franz Hellmann sieht das etwas anders: »Ich finde, wer die Rechnung schickt, der soll auch dafür geradestehen.«

Lästige »Popups«

Dass das Rätsel doch noch gelöst werden konnte, verdankt Franz Hellmann einer Datei, die die Internet-Aktivitäten auf dem PC im Haus »temporär ablegt«. Und siehe da: Am 3.12. hatte er selbst um diese Uhrzeit noch am PC gesessen, um sich über den Stand der Aktien zu informieren. »Da ist es mir plötzlich ganz warm geworden«, lacht er. Jeder, der sich ins Internet einwählt, kennt die lästigen »Popups«, die die Abläufe blockieren und hartnäckig »weggeklickt« werden wollen.

Er kann sich sogar an den Vorgang erinnern. Das »Popup« versprach in Großbuchstaben einen »Weihnachtskalender«, und der kommt in der Vorweihnachtszeit schon mal gelegen. »Weibsbilder«, amüsiert sich Franz Hellmann, hätten sich allerdings hinter dem »Weihnachtskalender« versteckt, und umgehend versuchte der Mudersbacher, die Nackedeis wieder wegzuklicken. Allerdings: Während er noch 20 Minuten die Aktienkurse durchforstete, muss der »Dialer« verdeckt gesendet und diesen »Dienst« kräftig in Rechnung gestellt haben. 64 Euro sind ja kein Pappenstiel.

Kunde wurde fündig

Die Firma, die den »Weihnachtskalender« feil bot, nennt sich Tele Team Work AsP. »Ich bin dann bei ,Google’ ins Internet gegangen und habe mich über diese Firma informiert«, berichtet Franz Hellmann über seine Recherchen. Der Telekom-Kunde wurde fündig. So berichtet dort ein anderer Kunde, Tele Team Work AsP habe ihm 269,54 e in Rechnung gestellt und er wisse nicht wofür.

Franz Hellmann stieß auch auf eine Verlautbarung der Rechtsanwaltskanzlei Daniel Böhm, Bonn, die gegen Talkline geklagt hatte. Böhm hatte auf eine Verbindung zwischen Talkline und Tele Team Work hingewiesen und die entsprechenden Schriftsätze des Verfahrens ins Internet gestellt. Dies sei durch Talkline untersagt worden, so Böhm.

Nach dem Dafürhalten von Hellmann hat Talkline »ganz klar mit Tele Team Work zu tun. Die verschanzen sich dahinter, dass sie nur die Leitung zur Verfügung stellen«, argumentiert der Rentner.

Abzüglich der 64 Euro

Er ist recht froh darüber, dass er der Telekom keine Einzugsermächtigung erteilt hat, meint er abschließend. Seine Telefonrechnung für Dezember 2002 hat Franz Hellmann beglichen. Natürlich abzüglich der 64 Euro für den Weihnachtskalender.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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