SZ

Parallelen zu Corona
Spanische Grippe traf Wittgenstein vor 100 Jahren hart

1918 bis 1920 trugen die Menschen bereits Mund- und Nasenschutzmasken – wegen der spanischen Grippe. 100 Jahre später sind die Maßnahmen nicht viel anders, auch in Wittgenstein.
2Bilder
  • 1918 bis 1920 trugen die Menschen bereits Mund- und Nasenschutzmasken – wegen der spanischen Grippe. 100 Jahre später sind die Maßnahmen nicht viel anders, auch in Wittgenstein.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

howe Wittgenstein. Als ob man die Zeit um 100 Jahre zurückgedreht hätte: Die Corona-Pandemie hält die Welt aktuell in Atem. Mund- und Nasenschutz muss getragen werden, Abstand gehalten. Desinfektion, gründliches Händewaschen, Quarantäne, Isolation oder „erste und zweite Welle“ lauten die Begriffe. Aber da war doch was? 1918 und 1919 holte die spanische Grippe die Menschen ein. Damals, so hieß es, gab es über 30 Millionen Todesopfer. Auch in Wittgenstein grassierte die „Spanische“, sorgte in den Dörfern von Feudingen bis Fischelbach, von Benfe bis Beddelhausen für zahlreiche Tote. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind erstaunlich. Autor und Heimatforscher Peter Schneider gelingt im aktuellen Heft des Wittgensteiner Heimatvereins eine hochspannende Geschichte.

howe Wittgenstein. Als ob man die Zeit um 100 Jahre zurückgedreht hätte: Die Corona-Pandemie hält die Welt aktuell in Atem. Mund- und Nasenschutz muss getragen werden, Abstand gehalten. Desinfektion, gründliches Händewaschen, Quarantäne, Isolation oder „erste und zweite Welle“ lauten die Begriffe. Aber da war doch was? 1918 und 1919 holte die spanische Grippe die Menschen ein. Damals, so hieß es, gab es über 30 Millionen Todesopfer. Auch in Wittgenstein grassierte die „Spanische“, sorgte in den Dörfern von Feudingen bis Fischelbach, von Benfe bis Beddelhausen für zahlreiche Tote. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind erstaunlich. Autor und Heimatforscher Peter Schneider gelingt im aktuellen Heft des Wittgensteiner Heimatvereins eine hochspannende Geschichte. Er hat die Grippe-Pandemie von 1918 untersucht, Zeitungsartikel hervorgeholt, in Archiven gekramt, die Heimatbücher Wittgensteins gewälzt und jedes Detail unter die Lupe genommen.

Archiv der Siegener Zeitung als wichtige Quelle

Herausgekommen ist ein Stück Wittgensteiner Geschichte mit einem „unerwünschten spanischen Gast“, wie die Wittgensteiner Zeitung einst schrieb. Auch das Archiv der Siegener Zeitung erwies sich bei der Forschung Peter Schneiders als wichtige Quelle der Heimatgeschichte. Und als hätte nur das Jahrhundert gewechselt, waren damals wie heute ähnliche Meldungen zu vernehmen: Viele Kranke mit leichtem Verlauf hätten keinen Arzt aufgesucht, insofern seien die Zahlen der Krankheitswellen von 1918 bis 1920 gar nicht zu beziffern. Bei der zweiten Welle seien die Ärzte derart überlastet gewesen, dass Militärarzte abkommandiert werden mussten. Isolierung und Desinfektion – das waren die Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie. Genauso wie heute. Peter Schneider fand heraus: Sogar Schulen mussten seinerzeit geschlossen werden. In vielen Orten waren 70 bis 80 Prozent der Schüler und Lehrer erkrankt.

In Bussen und Bahnen war schon vor 100 Jahren Maskenpflicht. Auch daran hat sich in der Bekämpfung der Pandemie heute nichts geändert.
  • In Bussen und Bahnen war schon vor 100 Jahren Maskenpflicht. Auch daran hat sich in der Bekämpfung der Pandemie heute nichts geändert.
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

Die Ansteckungsrate schnellte in die Höhe. Oft kamen die Krankenhäuser nicht mehr hinterher. In Wittgenstein gab es ein Phänomen. Liegen heute die Zahlen der Infektionen der Covid-19-Patienten im nicht großartig nennenswerten Bereich, weil vielmehr die Ballungsgebiete und Großstädte betroffen zu sein scheinen, war dies vor 100 Jahren anders. Die gut genährte Bevölkerung auf dem Land habe die schwersten Komplikationen geliefert, hieß es. Der Kreis Siegen zählte auf 10 000 Einwohner 49,6 Todesfälle, in Wittgenstein gab es den höchsten Wert der 28 erfassten Landkreise mit 52,8 Fällen.
Der Grund: Auf dem Land erreichten die Leute nicht rechtzeitig einen Arzt oder ein Krankenhaus. Die Entfernungen waren zu weit, die Wege beschwerlich.

132 Todesfälle im Altkreis Wittgenstein

Der akribischen Arbeit von Autor Peter Schneider ist es zu verdanken, dass er anhand seiner Recherchen den Verlauf der spanischen Grippe in Wittgenstein rekonstruieren konnte. 132 Todesfälle habe es im Altkreis gegeben, davon 56 Prozent Frauen. Auch das hatte einen Grund. Denn während die Männer noch an der Front waren, blieben eben die Frauen zuhause. „Kein Ort blieb von der Krankheitswelle verschont“, stellt Peter Schneider im aktuellen Heimatheft fest, der einige Beispiele aus den Wittgensteiner Dörfern liefert: 14 Tage hatten die Kinder in Schameder schulfrei, weil 80 Prozent der Mädchen und Jungen krank waren. In Benfe schlossen für zehn Tage die Schultore. Neben der Schulchroniken hat sich Peter Schneider auch der Sterberegister der einzelnen Kirchengemeinden bedient. Wobei er klarstellt, dass damals nicht immer die Todesursache in den Verzeichnissen eingetragen worden sei. Ein weiteres Problem: Oft vermerkten die Ärzte Lungenentzündung, Asthma, Tuberkulose, Erkrankungen der Atemwege oder Rippenfellentzündung als Todesursache. Anzunehmen ist, dass sicher zahlreiche Fälle auf die spanische Grippe in der Zeit zurückzuführen sein dürfte. Bei der ersten Welle der Grippe im Juli 2018 sei die Zahl der Sterbefälle noch gering gewesen, in der zweiten Welle im November 2018 habe man die höchste Zahl der Todesfälle im Kreisgebiet aufgewiesen, heißt es. Hierin dürfte ein Unterschied zur heutigen Entwicklung liegen. Denn in der zweiten Welle scheint die Anzahl der Toten in den meisten Ländern der Erde geringer als in der ersten Welle zu sein. Die meisten Menschen starben von September bis Dezember 2018 mit 35 Menschen im Elsofftal.

Einige Gemeinsamkeiten mit Covid-19

Auch in den Höhendörfern des heutigen Sauerlandes lag die Zahl hoch. Feudingen hatte 27 Tote, Banfe und Herbertshausen 13 Tote zu beklagen. In Erndtebrück starben 1918 und 1919 insgesamt 25 Menschen wegen der Grippe. 80 Prozent davon erlagen einer Lungenentzündung. 20 Tote verzeichnete Aue-Wingeshausen in der genannten Zeit. In Laasphe waren es 17 Fälle, in Feudingen ebenso viele, allerdings in einem einzigen Monat. In Banfe wurden acht Menschen im November Opfer der Influenza. Interessant am Rande: Auch vom Verlauf der Krankheit her ergeben sich Parallelen zu Covid-19: „Es gab Patienten, die die Grippe ohne größere Komplikationen überstanden und Familienmitglieder, die sich nicht bei ihren kranken Angehörigen ansteckten.“ Bei den schwer Erkrankten habe sich ein vielfältiges Krankheitsbild ergeben. Auch die Symptome und die Ausprägung der Krankheit ähneln der aktuellen Pandemie: Von hohem Fieber, Schüttelfrost, heftigen Kopfschmerzen, starker Erkrankung der Atemwege und besonders der Lunge ist die Rede. Aber auch von Komplikationen des Nervensystems oder Schmerzen in den Gliedern wird berichtet.

1918 bis 1920 trugen die Menschen bereits Mund- und Nasenschutzmasken – wegen der spanischen Grippe. 100 Jahre später sind die Maßnahmen nicht viel anders, auch in Wittgenstein.
In Bussen und Bahnen war schon vor 100 Jahren Maskenpflicht. Auch daran hat sich in der Bekämpfung der Pandemie heute nichts geändert.
Autor:

Holger Weber (Redakteur) aus Wittgenstein

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

5 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen